Wenn das Genre besonders dunkel sein will, greift es oft zur harten Transgression. Zu Entführung. Stalking. Menschenhandel. Noncon. Es sucht und findet seine darkness in der Grausamkeit. Im Verbrechen. Das ist nachvollziehbar und funktioniert extrem gut: Auf diese Weise verstanden und beschrieben, liefert darkness fast automatisch einen spannenden Plot.
Doch es ist nicht der Plot, den ich persönlich schreiben will.
Warum nicht?
- Darkness funktioniert hier über eine Fantasie, die in der Realität für mich nicht begehrenswert ist. Sie ist ein Szenario, das von der Seite genommen jede Attraktivität verliert und nur noch Schrecken ist.
- Darkness ist dabei etwas Passives, etwas das zustößt, das von Außen kommt, als Umstand. Die implizite Frage, die diese Geschichten oft stellen, lautet: Wie viel wird die Figur ertragen müssen?
Ich möchte mich darkness anders nähern. Nicht von innen nach außen, sondern von außen nach innen. Als etwas, das dich nicht überfällt, sondern längst in dir lebt. Im Verborgenen, im Verdrängten. In Gefühlen, Gedanken und Träumen, guten wie schlechten.
Diese darkness braucht keinen Täter, keine Eskalation.
Sie braucht nur uns, denn in uns ist sie längst angekommen. Ich rede von jenen Anteilen unserer Herzen, die oft als falsch gelten, oder als unangemessen und verstörend. Scham, Gier, Wut, Schuld, Verlangen, Hass, Verachtung. Jeder Mensch trägt Emotionen wie diese in sich, in individuellen Schattierungen und Varianten, aber eines ist ihnen gemein: Im Alltag halten wir sie in engen Grenzen. Wir drücken sie weg, wie ignorieren sie, leugnen sie, stopfen sie in irgendeine hintere Ecke unseres Bewusstseins.
Nicht unbedingt nur, weil wir uns anders schlecht fühlen, sondern weil die Gesellschaft nur wenig Platz dafür hat. Jeder Emotion sind in unserer Welt gewisse Limits gesetzt. Selbst Trauer kennt ein Maß, das wir bitte nicht überschreiten sollen. Aber oft fühlen wir mehr, als wir zulassen dürfen. Und nicht die Dunkelheit selbst erstickt uns, sondern dass wir gezwungen sind, sie zu verstecken.
Kink kann ein Ort sein, an dem wir genau diese darkness in uns beleuchten dürfen.
Zunächst mal prosaisch: In der Erfüllung eines Begehrens, die im Schmerz liegt, in Unterwerfung, in Obsession oder bedingungsloser Hingabe. Der Wunsch, etwas zu erleben, das unsere Grenzen überschreitet, nicht, weil wir hilflos sind, sondern weil wir es uns ersehnen. Und dann poetisch: Als outlet für alles Ungewollte, Unerwünschte, Überbordende, für jede Regung, die woanders zu viel ist, oder zu unangemessen. Für jene Emotionen, die nirgendwo sonst einen Raum haben. Die uns weh tun. Die wir nicht wahrhaben wollen. Und die wir dennoch zeigen.
Darkness von Außen kommt ungefragt. Innere Dunkelheit dagegen wählen wir. Wie steigen selbst hinab, sehenden Auges, bei vollem Verstand, und niemand nimmt uns die Verantwortung dafür ab.
Ich persönlich finde das unendlich spannend.
Deshalb stellt die Dark Romance, die ich schreibe, nicht die Frage: Wie viel Dunkelheit muss meine Figur ertragen? Sondern: Wie viel wählt sie freiwillig? Wie nackt macht sie sich, nicht nur körperlich, sondern emotional? Sich zu zeigen, komplett, ohne Maske, ohne Rückhalt, ohne Rolle, ist ein powerful move. Die Protagonistin behält ihre agency, nicht allein durch Konsensgespräche, sondern durch die unglaubliche Stärke, die es erfordert, sich den eigenen Abgründen nicht nur zu stellen, sondern sie dem Menschen zu zeigen, den man liebt und begehrt.
Für mich malt dieser Ansatz nicht nur ein aufregendes Bild, das ich gern und intensiv anschaue, sondern öffnet auch einen Weg ins eigene Herz. Ich denke, kaum jemand will wirklich entführt werden. Aber die eigene Scham bewältigen? Lustvollen Schmerz zulassen? Ein Begehren erforschen, das weitergeht als Sex auf dem Küchentisch? Ich glaube, das finden deutlich mehr Menschen auch im echten Leben interessant.
Natürlich ist Kink nicht für alle Katharsis oder das entgrenzte Ausleben inneren turmoils.
Ich lebe, was ich schreibe (ich tone eher für die Seite down als umgekehrt). Aber das bin ich. Du musst diesen Weg nicht teilen. Wie meine Protagonistin wählst du selbst. Vielleicht willst du mit Abstand lesen, ohne in dich selbst zu blicken. Das ist genauso gut und richtig wie das Umgekehrte, nämlich die darkness, die ich einzufangen versuche, als Anreiz zu nehmen, die eigenen Wünsche und Begehren zu erleuchten. Darkness nicht als torture, sondern als Tor. Du musst nicht hindurchgehen. Aber ich will es dir zumindest aufschließen.