Verfolger: Eine deutsche Reise

Johann Wolfgang von Goethe reiste gern, auch durch die eigene Heimat. Er tat das sozusagen im Vorübergehen, manchmal wortwörtlich – von Frankfurt nach Darmstadt zum Beispiel pflegte er zu Fuß zu gehen, ein Marsch von immerhin gut achtundzwanzig Kilometern. Ansonsten nahm er meist die Kutsche.

Ökologisch bewusste Dichter, Denker und Büroangestellte wählen heutzutage eher Die Bahn. Vor ziemlich genau zwanzig Jahren hieß sie noch die Deutsche Bahn, dann entschied man, aus dem Behördenmonstrum ein schlankes, effizientes Privatunternehmen zu machen und trennte sich in einem Abwasch auch gleich von der lokaladverbialen Bestimmung. Man kennt das von sich selbst, wenn man erst einmal angefangen hat klar Schiff zu machen, dann ist die Versuchung groß, einfach munter alles wegzuwerfen was einem so in die Finger kommt. Hauptsache hinterher sieht’s ordentlicher aus.

Es ist 18 Uhr 46. Dem geneigten Gast des Berliner Hauptbahnhofs bleiben noch gute sechs Minuten um den ICE 1517 zu besteigen, der ihn dann in einer Stunde und zwölf Minuten nach Leipzig bringt. So weit die Theorie, verbrieft auf einem gelben Aushang, dem so genannten Fahrplan. Doch ein hartgesottener Pendler, nennen wir ihn Tom, betritt schon das Gebäude des Bahnhofs mit vorsichtiger Skepsis. Er weiß aus Erfahrung, dass die angekündigte Abfahrtszeit vollkommen halt- und substanzlos ist. Kurz vor dem Gleis überkommt ihn von daher fast immer ein gewisses Vorgefühl. Auch heute nicht grundlos: Der fest versprochene Zug kommt verspätet. Doch Tom spürt keine Enttäuschung: Kein Zweifel, der Zweifel war berechtigt.

Er schaut hinauf: Erst geschlagene fünfzig Minuten später, so die per durchlaufendes Schriftband vermittelte Ankündigung der Bahn, komme der ICE an diese Destination.

Unser Reisender bezweifelt das stark.

Er tut recht darin, denn im Mittel sinkt die Zuverlässigkeit der Vorhersage proportional zur Anzahl der genannten Minuten; je größer die angekündigte Verspätung, desto weniger entspricht sie gemeinhin der tatsächlichen Verzögerung. Tom seufzt und schaut. Nun wandern sie also auf dem Gleis herum, im Bahnhofsgebäude und bei McDonalds, all die vorübergehend Gestrandeten, die nicht wissen wohin mit sich oder ihrer gewonnen und gleichsam verlorenen Zeit. Ein walroßartiger Bayer, wahrscheinlich auf dem Weg ins heimatliche München, prustet einem Fremden einen geknurrten Protest zu: „Saubeutel!“ womit er wahrscheinlich nicht den angesprochenen Schlaks meint, sondern die Bahnangestellten, die wie üblich auffallend unauffindbar sind. Eine junge Familie drückt sich aneinander, nahezu heimatlos. „Ich weiß nicht wann der Zug kommt, mein Schatz“, sagt die blonde Mutter zu ihrem Jungen, während gleich nebenan ein älterer Herr sich in die Zeitung vertieft.

Tom hingegen zückt statt des Buches sein Mobilfunkendgerät und sucht nach alternativen Verbindungen. Es sei vorweggenommen: vergeblich. Unterdessen wird nun endlich wenigstens eine Begründung für den verzögerten Fahrtverlauf gegeben, gepaart mit der nächsten Kalkulation. Knisternd und knackend schallt beides durch den kargen Untergrund des Tiefbahnhofs: „Achtung an Gleis Eins. Information zu: ICE 1517 nach München, zusammen mit ICE 1717 nach Eisenach. Ursprüngliche Abfahrtszeit: 18 Uhr 52. Wegen eines Rettungseinsatzes auf den Gleisen trifft dieser Zug heute verspätet ein. Die Verspätung des Zuges hat sich erhöht und beträgt nun voraussichtlich 90 Minuten.“

Es wird auch hier die Klugheit des Herrn Goethe offenbar: Nun weiß man mehr und wo man mehr weiß, beginnt man umso ärger noch zu zweifeln. Welche Gleise? Warum? Wie lange kann das denn dauern? Wieso wird einem nicht gleich die richtige Zeit gesagt? Und wie verlässlich ist diese Aussage, wenn doch die letzte offenbar schon völlig haltlos war? Muss ich das alles überhaupt wissen? Ging es mir nicht besser, als ich noch ahnungslos war?

Abgelenkt von diesen bohrenden Fragen entgeht auch Tom beinahe ein weiteres wichtiges Detail. Denn sein Smartphone kann zwar keine machbaren Reiseroute-Alternativen bieten, dafür aber eine interessante Behauptung. ICE 1517 steht in der Bahn-App und dann in dickem Rot: +120. Schweiß tritt auf die Stirn des solcherart doppelt Informierten. Unruhig wandert der Blick von Display zu Tafel. Ganz klar: Ein Unterschied von dreißig Minuten. Wem soll er nun glauben? Wie planen? Wen informieren?

Was würde Goethe tun?

Unser Passagier fühlt sich von plötzlicher Lähmung ergriffen. So absolut ist der Zweifel an dem, was überhaupt noch Wahrheit sein kann, dass ihm nichts bleibt als eine innere Erstarrung, eine Mutlosigkeit, die ganz und gar von ihm Besitz ergreift. Sie wird noch gesteigert, als tatsächlich die folgende Durchsage erklingt: „Achtung an Gleis 1. Information zu: ICE 1517 nach München, zusammen mit ICE 1717 nach Eisenach. Ursprüngliche Abfahrtszeit: 18 Uhr 52. Die Verspätung des Zuges beträgt nach wie vor 90 Minuten.“

Warum diese höchst ungewöhnliche Versicherung? Üblich ist sie nicht und wenig hilfreich. Opium fürs Volk? Ein interner Irrtum? Was wird da geheim gehalten? Die Minuten verstreichen, kein Zug in Sicht. Längst ist die Grenze der neunzig Minuten überschritten, als endlich die im Internet schon längst beschlossene Verzögerung von zwei Stunden verkündet und damit sozusagen amtlich wird.

Doch es ist zu spät: Der Zweifel hat unseren Passagier bereits zermürbt.

Seht ihn dort sitzen, auf dem kalten Boden, die Knie an die Brust gezogen, das Smartphone leer und tot in seiner Hand. Auch sein Blick ist ohne Leben. Ja, er atmet, ja er wartet. Doch die Verzweiflung hat ihn endlich übermannt. Unverwandt starrt er auf den Minutenzeiger der Uhr am selben Bahnsteig gegenüber. Tage scheinen zu vergehen, dann Wochen, schließlich Monate. Es ist jetzt 20 Uhr 58. Der dicke Bayer schimpft seit Stunden in sein Handy, der Schlacks ist längst verschwunden, die Familie sieht aus, als hätte sie für immer Heim und Herd verloren. Soll man ihnen allen einen Vorwurf machen? Es gibt nichts mehr, auf das sie sich verlassen können, keine Beruhigung, im Leben nicht und auch nicht auf dem Gleis. Nur die Verzweiflung bleibt.

Im Lautsprecher knackt es.

Die Köpfe heben sich, der Stimme entgegen.

„Gleis 1. Einfahrt: ICE 1517 nach München zusammen mit ICE 1717 nach Eisenach. Achtung: Dieser Zug wird in Lutherstadt Wittenberg geteilt.“

Ein Raunen geht durch die gesammelte Menge, doch ist es kein Zeichen der Erleichterung. Es ist zu spät dafür. „Als ob!“, murmelt der Eine. „Ja, ja …“, der Andere. Von wegen Antonio! Über zwei Stunden durch Enttäuschung, Desinformation und Machtlosigkeit in eine innere Embryonalhaltung gedrängt, vermag zu diesem Zeitpunkt niemand mehr der anonymen Frauenstimme Vertrauen zu schenken. Einige beugen sich weit hinaus über die Gleise, als wollten sie mit ihrem Wagemut der Glaubwürdigkeit des Bahnbetriebs spotten oder als wäre die akute Verzweiflung in eine chronische übergegangen, aus der es nun keinen anderen Ausweg gibt als den Freitod.

Doch dann! Ein Rauschen, ein Knirschen, ein weit entferntes Licht: Er kommt, er kommt! Die Gebeugten werden gerade, die Eingesackten richten sich auf: Erlösung! Hinweggespült ist aller Zweifel, fortgerissen die Verzweiflung. Strahlende Gesichter allüberall, die Reisenden strömen in den Zug, erleichtert, ja glückselig fast. Auch unseren beispielhaften Pendler kümmert es nicht länger, dass er zu spät zur Nachtschicht kommt und das volle zwei Stunden, ja, selbst der angelernte Zweifel an aller Verlässlichkeit verstummt. Es zählt allein, dass es nun weitergeht. Und sei es auch mit 142 Minuten Verzögerung.

„Ist das der Zug nach Leipzig?“ fragt da noch einer, der es schlicht nicht glauben kann. Lächelnd nickt der Pendler. Er springt auf. Das ist er. Das war er immer. Er wird es immer sein. „Ja, nach Leipzig!“, ruft er. „Es geht jetzt los.“

Man reise nicht, hat Goethe einmal gesagt, um anzukommen, sondern um zu reisen. Ein weiser Mann. Der weise Herr Goethe hat übrigens noch etwas gesagt, nämlich folgendes: „Erfahrung ist fast immer eine Parodie auf die Idee.“ Wer daran zweifelt, der sollte dringend Bahn fahren.

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