Unter Schafen: Eine fingierte Reportage

In Berlin gibt es Schauspieler wie Sand am Meer – die meisten davon sind arbeitslos. Wie wollen sie von der drittklassigen Theaterbühne auf den großen Schirm? Wie erfüllen sie sich ihren Traum vom Erfolg – und was machen sie, wenn die Seifenblase platzt? Das Porträt einer ganz eigenen Gesellschaftsklasse.

Von Carola Hinrich.

Ich treffe Johannes Baltar (27) in seinem Stammlokal in Kreuzkölln: Nackter Betonboden, gelbgrünbeige getünchte Wände, ironische Geweihe an den Wänden. „Schön hier, oder?“, sagt er zur Begrüßung. Baltar ist ein gut aussehender Mann, klein, aber mit schelmischen, grünblauen Augen, Grübchen und schwarzen Locken. Er stellt mir die Runde vor: „Das ist Nina, sie macht bald einen Mercedes-Spot.“ Nina, eine schlanke Blondine im quietschgrünen Kleid, lächelt und nickt. „Andreas ist Kameramann, ein ganz großer, ganz groß. Macht demnächst was für Hollywood.“ Andreas – eingefallene Gesichtszüge, Glatze, Jeans und Angelerweste – zieht an seiner Zigarette. Eigentlich ist das Rauchen hier verboten, aber man kennt sich eben. Die Betreiber haben selbst mal Schauspiel studiert, aber den Beruf an den Nagel gehängt: „Zu wenig Chancen.“

Johannes Baltar stört das nicht. Er hatte ein paar Werbefilme, eine kleine Rolle in „Alles was zählt“, ein Mini-Auftritt in „Vaterfreuden“. Das war vor zwei Jahren. Seitdem ist nichts Großes mehr dazu gekommen. Existenzangst hat er trotzdem nicht: „Eigentlich mache ich gerade mein eigenes Projekt, ein improvisierter Langfilm in Tunesien. Das wird eine ganz große Nummer. Robert Langhund hat Interesse. Kennste? Er ist ein guter Freund von Scarlett Johansson“, erklärt Baltar „Die Chancen stehen nicht schlecht, dass sie mitmacht.“

Die Hälfte aller arbeitslos gemeldeten Schauspieler in Deutschland lebt in Berlin, Tendenz steigend. Dem Ansturm auf die Schauspielschulen tut das keinen Abbruch. Doch an einer der renommierten Institute angenommen zu werden, bedeutet noch lange nicht den Durchbruch. „Ich war an der Lee-Strasberg-Schule in New York“, erzählt Nina „jetzt kann ich froh sein, wenn ich mal in irgendeiner Werbung ins Auto steigen darf.“ Ans Aufhören denkt sie trotzdem nicht: „Eines Tages passiert es. Eines Tages fragt man mich, ob ich mitmache und nicht umgekehrt.“

Mittlerweile ist die Gruppe größer geworden. Ständig klingelt ein Handy, ständig fällt ein Name. Baltar zuckt mit den Achseln. „Man kennt sich halt.“ Schon wieder dieser Satz: Man kennt sich halt. Immer dieselben Castings, immer dieselben wenigen Jobs. Immer dieselben Verdächtigen: „Das ist Stefan, der ist ganz dicke mit Til Schweiger. Und Marielle hat schon mal mit Mario Adolf geflirtet, aber da redet sie nicht so gern drüber. Da drüben, neben Nina, das ist Jörg. Hat einen Haufen Krimis für den SWR geschrieben, aber jetzt ne Schreibblockade. Der kann super erzählen, was so abgeht bei uns. Alida war mal bei ‚Sturm der Liebe’. Und hier, der Peter, der hat alle deutschen Größen fotografiert, von der Kanzlerin bis zu Heike Makatsch.“

Peter, der Fotograf schlägt vor, ins KitKat zu wechseln, den stadtbekannten Sexclub. Baltar stimmt zu: „Glaubt man gar nicht, wer da so rumhängt. Hat da mal einen Dreier mit einem ganz berühmtem Sänger. Kann natürlich nicht sagen mit wem, Diskretion und so, verstehst du sicher. Hab seine Gerte noch immer irgendwo rumliegen.“ Baltar grinst und lehnt sich zurück. Unter den arbeitslosen Schauspielern, den Regisseuren die sich irgendwie so durchhangeln und all den anderen kreativen Köpfen ohne Job, scheinen Worte eine echte Währung zu sein – und am allermeisten wert sind Namen. Wer kennt wen, wer weiß von wem welche Geschichte? „Die meisten Jobs“, sagt Baltar „bekommst du, weil du jemanden kennst, der jemanden kennt. So einfach ist das.“ Richtig, man kennt sich eben.

Es geht weiter ins KitKat, fast alle kommen mit. Von 20 bis 65 ist in dieser Gruppe jedes Alter vertreten. Die größte Gemeinsamkeit: Sie wollen nach oben. Nur ein Bruchteil der Schauspieler in Deutschland kann vom gewählten Beruf leben, aber hier sind die Ziele höher: „Berühmt sein“, heißt die einstimmige Antwort. „Deshalb auch jetzt mein Film in Tunesien“, erklärt Baltar „das ist ein echte Chance. Ich hab da einen an der Hand, der kennt den Typen, der ‚Türkisch vor Anfänger‘ erfunden hat. Der könnte zum Beispiel mitmachen, am Drehbuch feilen und so. Also ist ja improvisiert, aber trotzdem. Und meine Ex, die ist mit einem Banker zusammen, milliardenschwer, der finanziert das sicher. Ganz große Nummer. Ich will auch den Schweighöfer anfragen, der ist ja immer offen für interessante Projekte. Kann auch gut sein, dass von drüben noch wer mitmacht. Also die Johansson ja sowieso. Aber Bill Murray zum Beispiel, dem muss man ja nur auf die Mailbox qautschen, kinderleicht.“

Ein Produktionsdatum gibt es noch nicht. Auch keine Idee für die Handlung. Nur eine Menge Namen – die bisher selbst noch nichts wissen von diesem Projekt. „Kommt noch“, verspricht Baltar. „Das wird eine richtig große Sache.“

Im KitKat herrscht gute Laune, sie wirkt ein bisschen gezwungen. Baltar hat sein Hemd ausgezogen, der Fotograf ist nicht reingekommen. Kaum drin, klingelt schon wieder das Handy. „Meine Agentin“ sagt Baltar. Er ist bei drei Agenturen, zwei für Werbung, eine für die größeren Rollen. Das ist nicht unüblich; sich auf eine einzige Quelle zu verlassen, kann schnell das Ende der Karriere bedeuten, verrät Nina. Sie hat zwei Agenturen. „Und eine Homepage natürlich.“ Baltar ist mit dem Telefonat zufrieden. „Ein Casting für Wim Wenders“, erklärt er „da habe ich vor Jahren schon mal den Statisten gegeben.“ Diesmal soll es eine Sprechrolle werden. Sechs bis acht Castings hat er im Monat. Ungefähr jedes 20. Mal springt ein Job dabei raus. „Aber diesmal wird’s was. Das spüre ich. Zu Wim Wenders habe ich einen guten Draht.“ Und der Langfilm in Tunesien? „Der geht natürlich vor. Da drüben an der Bar, das ist ein ganz bekannter Tatortdarsteller. Der macht auch mit.“

Der angebliche Tatortdarsteller weiß nichts davon: „Tunesien?“ Er zuckt die Schultern. „Ich habe eine Sonnenallergie. Außerdem bin ich bald sowieso in L.A., ich hab da so ein Script bei Scorsese eingereicht und das wird was.“ Sein Kumpel, erzählt er weiter, der hat mal den Kurzfilmpreis gewonnen, also den deutschen und jetzt ist er bei James Camerons ‚Avatar’, beim zweiten und konfiguriert Blautöne oder so. Amerika hat ihn eingebürgert. „Ist ein ganz enger Freund“ sagt er, „Ein ganz enger.“

Baltar zuckt mit den Achseln: „Dann ist er halt nicht dabei.“ Er trinkt den fünften Gin Tonic. Übermorgen ist das Casting für Wim Wenders. „Wird gut“, sagt Baltar und stößt auf.

Aus Baltars Gruppe ist bald keiner mehr zu sehen. Die Nacht ist vorbei, man hat geredet, man hat geträumt. Und Kontakte gemacht. „Es geht ja gar nicht um’s feiern“ verrät Baltar. Er klingt verschwörerisch, als verrate er als nächstes ein großes Geheimnis: „es geht um die Zukunft.“ Die Stimmung hat sich längst aufgelöst, die Sonne geht bald auf. Baltar geht trotzdem nicht nach Hause. Er will noch eine Runde spazieren gehen, am besten die Galinkabrücke entlang. „Ich hab gehört Spielberg ist in der Stadt“, sagt er „Der ist gern in der Gegend. Hat da mit Tom Hanks gedreht.“ Er lächelt verträumt. „Das wäre doch ein toller Zufall, oder? Harrison Ford war schließlich auch mal nichts weiter als George Lucas Tischler.“

Erschienen in: &Radieschen #33, Rang und Namen 

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