Deine Stunde ist es

„Mathilde“, sagst du, „Mathilde …“ Ich heiße Marita, aber das macht nichts; du liebst uns alle, machst keinen Unterschied zwischen den lieblichen Huren, die deine Schwelle übertreten, du nimmst uns alle auf, alle gestrandeten, gierigen Seelen.

„Mathilde …“ Dein Mund liegt in der Biegung meines Halses, ich rieche dich, süßer Schweiß und die Erinnerung an jede Gasse durch die du je gegangen bist, jede Entscheidung, die du je getroffen hast: Ich bin immer bei dir gewesen, bei jedem Schritt. Ich habe die Jahre gezählt, die du gebraucht hast, mich zu finden.

„Mathilde …“ Du bist hungrig, auch ich bin nicht satt, nie reicht es, sich zu stillen aneinander, deine Hände berühren meine Brüste und Hüften, das Gesäß und den Nacken, nah sind dir meine Lippen, sie setzten ihr stilles Siegel auf deine Haut und doch erkennt es keiner, keiner sieht es. Niemand weiß, dass du zu mir gehörst.

Du packst mich in der Taille und ich atme dich ein, all die Träume und Tränen, all die Atome, die nicht sterben wollen. Es zuckt mir auf den Lippen, ich will sprechen, ich will dir alles gestehen. Brich mich, will ich sagen, ich bin das Brot aus Mehl und Korn, der volle Bissen, ich bin das Versprechen ewiger Nahrung, ich bin alles das, was dich erinnern kann, ich bin, was du brauchst, wonach es dich dürstet, ich bin hier. Doch du nimmst nur meine Hand und wir gehen weiter, wir durchmessen diese Räume mit Leichtigkeit, wir haben es uns nie schwer damit gemacht, einander entgegen zu kommen. Alles was geschieht, ist schon einmal geschehen, ich weiß es noch: Hier habe ich einstmals sittsam gestanden und meine Kleider abgelegt, die dünne Jacke, die Schuhe, das Kleid. Siehst du dort drüben das Fenster? Ich habe mehr als einmal hinaufgeschaut und deine Spuren gesucht: Licht in der Dunkelheit, Schemen, manchmal nur eines – du – manchmal zwei oder drei – ich weiß nicht wer.

„Komm …“, sagt du, ich folge dir, so wie am ersten Tag, wie in der Nacht, in der wir aufeinandertrafen; du warst erschöpft, doch deiner Sache sicher, ich war jung und ich brauchte dich. Auch wenn ich es nicht wissen oder sagen wollte, auch wenn wir einander belogen haben, auch wenn wir nichts fühlen konnten oder durften, auch wenn unser einziger Zweck der Austausch von Nützlichkeit war: Ich brauchte dich.

Du stellst mich an den Schreibtisch, meine Hände sind so alt wie das Holz und ebenso müde, ich stütze mich ab und auf, ich sehe dich nicht, aber ich fühle dich. Lass nichts übrig von mir, will ich flehen, keinen Krumen, kein noch so kleines Stück. Nimm und teile mich, reich mich weiter, ich bin Linderung für alle, die Hunger leiden und Durst, ich werde den Schmerz stillen, den du haben musst, ich werde dir Ruhe und Zufriedenheit bringen, ich werde dich füllen und sättigen, ich werde dir alles sein, was du vermissen musst. Du ziehst mich heran, die Welt geht unter, viele Male hast du mich genommen, viele Male habe ich mich dargebracht, viele Male war nicht ich es, die du geliebt und erwogen hast. Aber sie zählen nicht, die hundert Leiber, über die du gedankenlos hinweggegangen bist, die tausend Münder, die du küsstest, was sind mir die Schenkel fremder Frauen, die du teiltest; was soll ich die Augen neiden, in die du geblickt, die Ohren, in die du geflüstert hast; ich lösche sie aus, ich verbrenne sie. Ich zerstöre alle, die vor mir waren und alle, die nach mir kommen.

„Mathilde …“, sagst du wieder. Deine Hände sind kühl, so als könnte nichts an dir sich weiter erhitzen als dein Herz es kann, sie fügen und richten mich, sie sprechen kein Urteil, aber sie verlangen Gültigkeit. Ich halte mich an ihre Gesten, folge dem leichten Druck mit dem sie mich leiten. Es spielt keine Rolle, dass sie erkaltet sind, dass sie zu Eis oder Marmor wurden schon vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden. Es macht nichts, wenn sie lügen, denn nichts was wir tun ist wahr: Wir tauschen nicht Liebe sondern Gefälligkeiten, wir suchen nicht, uns zu erquicken, sondern zu betäuben, und nicht unser Wohlwollen zeigen wir einander, sondern unsere Traurigkeit. Aber vielleicht ist auch das der größte Betrug: dass wir glauben, schon lange für das bezahlt zu haben, was wir tun. Du nennst mich bei einem anderen Namen, ich halte deinen in meinem Herzen verschlossen, aber lange haben wir aufgehört, einander gleich zu sein. Wir sagen es nicht, aber wir wissen es.

Jetzt nimmst du die Hände von meinem Rücken, ich weiß du willst, dass ich das eine nur spüre, das eine nur, nur dich. Ich schließe die Augen und vergesse, dass es andere Orte und Menschen gibt, bessere Worte und Taten. Nur deine Gegenwart bleibt, nur die intimste Berührung, nichts weiter als das und meine Pflicht. Ich bin gekommen, ein unhörbares Flüstern, über Schaumkronen und spitze Steine, mit nackten Füßen und ungekämmten Haaren, Lehm an den Händen und Salz auf der Haut. Ich bin gekommen, über den Sommer und den Winter, durch deine fiebrigen Träume hindurch, ich bin gekommen und ich kann nur dann zurück, wenn du es bist, der mich schickt, ich kann nur fort, wenn du es bist, der mich freispricht und entsendet.

Einmal hast du das Bild nicht umgedreht, ich wusste nicht ob aus Vergesslichkeit oder als Mahnung, ich habe in die Gesichter deiner Kinder gesehen, während mein Körper dir gehörte, ich habe deine Frau betrachtet, die glücklich neben dir stand und ich habe verstanden, warum ich hier bin, ich und all die anderen. Komm, dachte ich, während ihr Abbild vor meinen Augen verschwamm, ich bin die aufgebrochene Erde deiner Väter, vom Regen getränkt, ich bin der Krug, den du zerbrochen hast, der Weg, den du nicht gehen konntest, ich bin dir alles, was echt ist: Wurzeln und Geäst, Berge und Täler, die Tage und Nächte, in denen du einsam warst, die Stunden, in denen du Reue fühltest. All die Frauen, die du haben wolltest, aber nicht lieben konntest.

Du ziehst mich dichter, wirst schneller. Deine Hand drückt mich nieder und zieht mich heran, jetzt ist es soweit, wir geben auf. Wenn ich je nüchtern war, ich bin es nicht mehr.

„Marita …“ Deine Stimme ist nur noch ein Ächzen, mein unverhoffter Name nur ein Atemzug. Ich nehme dich auf, als du kommst, ich bin da. Nicht für mich oder für uns, sondern für dich, für die drückende Wahrheit, die dein Leben bedeutet. Verschling mich, rufe ich laut aber stumm, iss mich auf. Vernichte mich, so wie ich dich vernichte, halt nichts geheim vor mir, keine Lust, keinen Hass, sei alles was du sein kannst, wühl mich auf und zerstöre mich, es kümmert mich nicht, wenn ich geschunden und blutig bin, wenn ich sterbe, wenn ich auferstehe: Iss dich satt an mir, schluck gierig meinen Laib, halt nichts zurück von mir.

Wir trennen uns erst nach Minuten, vielleicht sind es Stunden oder Tage, unerbittlich rückt der Zeiger voran, auch für uns.

An der Tür bist du nackt und ich bin im Mantel, ich schaue dich nicht an und du musterst mich. „Danke“, sagst du und nicht einmal dein blanker Körper verrät dich. Alles an dir ist geschäftig und aufgeräumt, der kurze Blick auf die Uhr, die Geste mit der du mich bezahlst und entlässt: Du küsst mich dazu, lange und schwer, es ist ein bitterer Lohn. Als ich schon halb gegangen bin, schon halb aus der Tür, drehe ich mich noch mal zurück zu dir, ich werde nicht wiederkommen, nicht noch einmal, wir ahnen es. Wir ahnen es jedes Mal.

„Bis bald Mathilde“, sagst du und dein Lächeln kündet von den Bergen, von unberührten Wäldern und der Hitze, von der blauen Heimat, in der Himmel und Meer zusammenstoßen. Deine Hand streift meine, Sandkorn zu Sandkorn, in deiner letzten Berührung liegt das lang erforschte Land, das wir verlassen haben. Es ist nicht deine Schuld und meine ist es auch nicht, manchmal fallen die Steine anders als wir sie werfen: Lust oder die Liebe sind eins geworden und beides ist mehr als die Summe der Teile, mehr als du oder ich oder wir.

„Bis bald“, sage ich, und dann gehe ich. Ich gehe so lange wie ich kann, so sicher wie es möglich ist, ich gehe und gehe und gehe und irgendwann wirst auch du gehen. Du wirst gehen, aber etwas wird bleiben von dir: Ein Abdruck, der erst vergeht, wenn auch ich vergehe. Eine Erinnerung, die immer Bestand hat, auch hinterher.

Erschienen in: Die fünfte Dimension, Anthologie zum Menantes-Preis 2014

2 Kommentare

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  1. „… viele Male hast du mich genommen, viele Male habe ich mich dargebracht …“
    Danke für diese Formulierung. Nehmen und (hin-)geben erschiene im Vergleich dazu nur wie ein läppischer Tauschhandel. Darbringen aber beschwört im Gegenzug mehr als bloßes Nehmen herauf – nur wie hieße wiederum dieses mehr als mechanische Nehmen? Es müsste auch dafür ein Wort geben, auf Augenhöhe sozusagen … Ergriffen? Erfüllt?

    • Oh, eine gute Frage … und wirklich nicht einfach! Wobei, als Randnotiz mehr denn als Antwort: Ich finde nehmen gar nicht so mechanisch und ich mag das Passive, das Ausgelieferte daran. Ergriffen oder erfüllt wäre mir zu sanft, zu wenig roh … ich dachte noch kurz an erobern, aber da wiederum steckt mir zu viel Stolz drin … wahrscheinlich kann man endlos darauf herum denken!

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