Fast Forward

Ihre Schritte werden schneller, sie kann seine Gestalt bereits erahnen, ein Umriss in der Haltestelle, ein lebendig gewordenes Datenpaket. Jetzt noch sind sie namenlos, zwei Unbekannte, deren Konstanten erst berechnet werden müssen, deren Zusammenhang unklar ist, doch bald wird es Verknüpfungen geben, Anziehung oder Abstoßung. Die Lichter der Werbetafeln durchleuchten die Nacht präziser als die Sonne des Tages es könnte, so wie das kalte Glühen des Computers eine bessere Zukunft verspricht als das Dämmerlicht von Kneipen. Endlich steht sie vor ihm, reicht ihm die Hand:

„Marlene.“

„Thomas. Schön, dass es so spontan geklappt hat.“

Er sieht gestresster aus als auf seinem Profilbild, dieser spöttischen Werbemaßnahme. Aber der eingefallene Schatten von Sünde oder Anstrengung, diese Mahnung daran, was real ist, macht seine Wangen nur zarter, sein Gesicht nur anziehender. Er bietet ihr den Arm, wie im Film, wie in einem anderen, älteren Leben.

„Gehen wir ein Stück“, sagt er dazu und dann: „Machst du das oft?“

Marlene fühlt wie ihr die Röte ins Gesicht steigt, heisse Wellen, von denen sie nicht sicher ist, ob sie schön sind oder grässlich. „Ich gucke oft“, sagt sie schließlich „aber ich … Du bist der zweite oder dritte mit dem ich mich treffe.“

Natürlich weiß Marlene es genau; er ist einer von vielen, aber Ehrlichkeit ist auch nicht alles. Thomas zieht sie näher, vielleicht ist es Absicht, vielleicht eine unvermeidliche Näherung zweier Körper die einander zugeschrieben wurden.

„Ich fühle mich geehrt“, antwortet er ernsthaft, ganz im Tonfall seiner Mails. Es ist seltsam sich so zu kennen und doch wieder nicht, zahllose Nachrichten gewechselt zu haben und doch keinen Blick, es ist fremdartig und beängstigend und herrlich und gar nicht lächerlich – obwohl es das sein sollte, in gewisser Weise, gewissermaßen, wenn sie anderen glaubt oder den eigenen Zweifeln.

„Also,“ er bleibt stehen, guckt sie von der Seite an. „Irgendwo etwas trinken? Mein Balkon zum Beispiel…“ Thomas grinst und zwinkert.

Kurz ist alles in der Schwebe, Vernunft und Wagemut, ziemliche Hoffnung und schwüler Rausch, der rotbraunen Dunkelheit des warmen Herbstes entsprechend, die beide einhüllt. Vielleicht ist dies der Moment, den sie alle ersehenen, heimlich, die Kreaturen der Stadt, der Wendepunkt, die Gabelung. Vielleicht sind sie von nun nicht länger allein, sondern Gefährten, treu ergeben den eigenen Wünschen.

„Ja“ ,sagt Marlene, die Heiserkeit der eigenen Kehle verrät sie. „Das ist eine gute Idee.“

Marlene legt die Hand auf seine Brust und schaut von unten her in seine graublauen Augen. Ihr Inneres zieht sich zusammen: Er ist so schön, wie hat sich der Herzschlag der Welt verändert, früher hätte sie schön sein müssen, jetzt ist er es.

„Wie wunderbar, dass wir uns getroffen haben“, sagt sie, der seltsamen Aufrichtigkeit von Daten verpflichtet, von Algorithmen, die sie zusammengebracht haben, als wäre es nicht ihre eigene Entscheidung gewesen sondern determiniert durch Computer und Programme.

„Ja“, sagt Thomas. Und dann, nach einer kurzen, fahrigen Pause, in der sich alles anstaut auf der Spitze seine Zunge, in seiner Kehle, zwischen den unausgesprochenen Hoffnungen: „Ich will nur eines klar stellen, von Anfang an: Ich bin nicht deine große Liebe und ich werde es auch nie sein. Es tut mir leid, aber das kann ich nicht.“

Die Worte kommen so unvermittelt wie ihre Zustimmung ihn zu begleiten, es ist erst wenige Stunden her, es ist als lebten sie beschleunigt, durchzirkelten in einer Nacht den Ablauf einer ganzen Liebe.

„Warum glaubst du, du könntest es nicht?,“ fragt Marlene schließlich, ihre Stimme bleibt neutral. Thomas zuckt mit den Achseln, streicht sich das Haar aus der Stirn, alle sind sie so; müde geworden vor der Zeit, Männer die durch ihre Jahre driften, nicht schreiten, die grundlos mit dem Hintergrund verschwimmen.

„Ich bin Mitte dreißig. Liebe … ich hätte sie längst erleben müssen, wenn ich es könnte. Also kann ich es wohl nicht.“

Unbehaglich windet er sich aus der Berührung und steht auf. „Schau mich nicht so an“, sagt er dann ungeduldig.

„Wie denn?“

„So verliebt.“

Marlene zuckt zurück, ein weißer Streifen Zorn auf der Stirn. Es ist hart, wie verletzt man sein kann durch einen eigentlich Fremden.

„Eigentlich“, sagt sie kühl „habe ich das genaue Gegenteil gedacht. Ich habe gedacht, wie wenig anziehend doch ein Mann ist, der so wenig Einblick in sich selbst hat. Ich glaube nicht, dass man nicht lieben kann. Man hätte es nur gern.“

Er lächelt und entschuldigt sich. „Ich meinte es nicht so. Es ist nur … Frauen verlieben sich sehr schnell in mich.“

Thomas sagt es, als sei es die gottgegebene Wahrheit aber sie hasst nicht ihn, sondern sich selbst dafür. Also bleibt Marlene freundlich, nachsichtig fast, während sie sich wieder bekleidet und das Haar kämmt lächelt sie.

„Kein Sorge. Ich werde mich nicht in dich verlieben.“

„Und jetzt?“, fragt Marlene am Absatz der Treppe, als Thomas die Wohnungstür offen lässt, obschon er sie auch hätte schließen können, lange schon.

„Jetzt will ich dich eigentlich trotzdem irgendwie bald wiedersehen.“

Sie kommt noch einmal zurück, leicht nur, ganz leicht küssen sie sich.

„Okay“, sagt Marlene. „Okay. Das ist gut.“

Dann geht sie, nein sie tänzelt und auch Thomas durchzuckt etwas im Laufe des Morgens und des Mittags, ein elektrischer Impuls. Anfangs mag er es noch, aber je schneller die Zeit vergeht, desto weniger gefällt es ihm, dass jenes Fühlen sich seiner Handhabung entzieht. Fast genau auf die Stunde ist der Tag herum, als Thomas schließlich sein Handy greift, wildes, wütendes Rasen in der Brust.

Liebe Marlene schreibt er mir ist da etwas bei dir aufgefallen. Eine Freundin von mir hatte neulich eine Chlamydien-Infektion. Das ist nicht schlimm, aber ich glaube, das könnte bei dir auch der Fall sein. 

Eine Lüge hinter Besorgnis verborgen, eine durchschaubare, fahle Taktik der Verletzung. Es ist ihm egal. Als Thomas auf Senden drückt, ist die folgende Stille alles was zählt, ihr Schweigen, das den Preis wert ist. Und Marlene begreift. Sie löscht die Nachricht, sie löscht seine Nummer. Wenigstens das: Es ist so leicht geworden. Ein Knopfdruck bringt sie zusammen, ein anderer trennt sie. Einschalten. Ausschalten. Neustart.

3.Platz beim Badener Kurzgeschichtenwettbewerb zeilen.lauf

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