[Selbstfindung]: Niemals nie und nimmer immer?

Schon sehr oft im Leben habe ich behauptet: Das werde ich nie, nie, niemals tun! Nach Berlin ziehen, mit einem Mann zusammenwohnen, regelmäßig Sport machen: Alles Dinge, die ich einstmals kategorisch abgelehnt und dann irgendwann doch getan habe und zwar gerne. Zuletzt zum Beispiel war ich wahnsinnig fest davon überzeugt, dass ich meinen Status als Selbständige niemals aufgeben und unter keinen denkbaren Umständen jemals wieder in eine Festanstellung zurückgehen würde. Das behauptete ich auch vor etwa anderthalb Jahren gegenüber genau jenem Mann, der jüngst seine Unterschrift neben meine gesetzt hat und zwar auf einem Arbeitsvertrag. Als ich damals sagte, genau dies sei doch ein Ding der Unmöglichkeit, da ahnte ich ja nicht, wie sehr ich diese Firma lieben würde: Die Kollegen, die Arbeit, die Kreativität, die Möglichkeiten.

Offen in die Zukunft

Und genau das ist der Punkt: Man kann es ja nicht ahnen. Man kann nicht wissen, ja nicht einmal raten, was die Zukunft wirklich bringt, wie die Umstände sich ändern werden oder – vielleicht noch wichtiger – wie man selbst sich ändern wird. Der Mensch, der du jetzt bist, ist nicht zwangsläufig derselbe Mensch, der du sein wirst und weil du nicht weißt, wie diese zukünftige Version von dir empfinden und denken wird, weißt du auch nicht, was sie entscheiden wird. Und noch weniger kannst du mit Bestimmtheit sagen, wie die Welt um dich rum sich verändern wird, was und wer dir begegnen wird, was du ziehen lässt, was willkommen heißt. Um Star Treks umgedichtete Version von Hamlet zu zitieren: Die Zukunft ist ein unentdecktes Land.

Ich finde das sehr beruhigend. Wenn nichts feststeht, sondern alles im Transit ist, wenn alles sich immer verändert, wenn nichts in Stein gemeißelt ist, nicht einmal die eigenen Ansichten, dann kann und darf ich meine Zweifel des Augenblicks hin und wieder einfach zur Seite schieben, dann ist es mir erlaubt, die Dinge nicht stets in all ihrer Schwere zu empfinden, sondern darauf zu vertrauen, dass sie auch wieder leichter und schöner werden. Statt in Verzagtheit zu verharren, kann ich mit großen Augen und offenem Herzen auf Entdeckungsreise gehen, kann dieses große Unbekannte erforschen und mich davon überraschen lassen, was passiert und was ausbleibt.

Ein Nie-und-Immer-Verbot?

Trotzdem rutsche ich manchmal zurück in vehemente Absolutismen: Niemals Krimis schreiben! Nie woanders wohnen als Berlin! Nie wieder Pizza! Mal mehr, mal weniger ernst gemeint posaune ich nach wie vor dieses NIEMALS! heraus, auch wenn ich im Grunde sehr genau weiß, dass das Unsinn ist. Es stimmt schon, momentan kann ich mir keine Morde ausdenkeb, vermag ich mir nicht vorzustellen, eine andere Stadt so lieben zu können wie diese und unmittelbar nach JEDER Pizza denke ich: Boah, bin ich voll, das mache ich nie wieder. Aber was morgen kommt? Oder in fünf Jahren? Oder in fünfzehn? Wer weiß das schon? Ich am allerwenigsten, weshalb ich auch beschlossen habe, mich konsequenter von diesem nie zu trennen. Nicht so sehr, weil es mich im Nachhinein als naiv, verlogen oder sorglos darstellt, sondern weil ich fürchte, dass es mir im schlimmsten Fall Wege versperrt, die zu wunderbaren Orten führen in diesem unentdeckten Land.

Übrigens gilt das auch für das Immer: Ich werde ab jetzt immer… ist noch so ein Satz, den ich mir so gut wie es eben geht abgewöhnen werde. Denn auch dieses IMMER! ist unmöglich vorherzusagen, es drückt und zwängt einen aber gerade darum in eine Performance-Haltung, unter der man schnell zu leiden beginnt, dann nämlich, wenn man es eben nicht erfüllt, ihm nicht gerecht wird, aus immer manchmal oder gar ein nie wird. Klar, es wäre schön wenn ich IMMER regelmäßig bloggen, IMMER gesund essen, IMMER funktionieren würde. Aber es ist auch Quatsch, schlicht und ergreifend, das von sich oder anderen zu erwarten. Besser ist doch, offen zu bleiben auch darin, auch hier zu schauen, was passiert.

Werde ich nun niemals nie und keinesfalls immer sagen? Wohl kaum. Das macht ja schon in sich selbst kaum Sinn. Aber ich werde versuchen noch offener für die Tatsache zu sein, dass nichts im Leben feststeht und dass das gut so ist. Offen sein sollte man nämlich nicht nur gegenüber anderen Menschen, sondern auch sich selbst. So viel Toleranz hat man nämlich durchaus verdient!

13 Kommentare

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  1. Wo der Mensch als zartes Pflänzchen in den Stürmen des Lebens so manches Mal hin und her gerissen wird und so sehr nach Beständigkeit sucht, so findet er doch die einzige Beständigkeit im ständigen Wandel. Vielleicht braucht es eine Zeit im Leben, um zu erkennen, dass nach jedem Ziel ein neues wartet, dass Wachstum in jedweder Form immer mit Veränderungen einher geht. Je nach Entwicklungsstand und Wahrnehmungsfähigkeit

  2. … entdeckt der Mensch eine neue Perspektive. 😊 lg Olaf

  3. Alter ausgelutschter Spruch, der für mich immer noch Bedeutung hat: Es kommt erstens anders und zweitens wie man denkt. Vorsätze lenken, aber bestimmen uns nicht. Wer sein Leben so lebt, wie er es schon seit 10 Jahren macht, weil das ja schon immer so war, der verpasst vieles im Leben. Ist manchmal gar nicht so verkehrt, von seinen alten und verstaubten Vorsätzen loszulassen ;)

  4. Wie sang schon die Taube für Feivel: „Sag ’niemals‘, sag ’niemals‘ nie mehr!“

  5. Deine Gedanken regen zum Nachdenken an. Ich habe mich relativ oft ertappt diese zwei Worte in den Mund zu nehmen. Und ich wurde ebenso oft eines Besseren belehrt. Ich habe mich vor der physischen Zusammenkunft mit meiner Liebsten ebenfalls nie mit dem Thema Veganismus beschäftigt und krakeelte bei jeder „Das perfekte Dinner“-Folge, die sollen doch ihre eigene Sendung machen und uns Allesfresser nicht ständig mit ihren nervigen Moraltiraden das leckere Essen verderben, bis ich dann ihre Sichtweise kennenlernte und sie mir sehr viel darüber erzählte, was mich zum Nachdenken bewegte.

    Auch finde ich es zum Kotzen, wenn Menschen einfach ihren Müll nach dem Besuch eines Fastfoodrestaurants, in die freie Natur werfen, doch wenn ich ehrlich bin, habe auch ich das schon einmal getan. Wir sind alle nicht frei von Fehlern und genau das scheint uns Menschen auszumachen. Wir sollten uns üben in Empathie. Jemand, dessen Reaktion wir nicht verstehen in dem Moment, beurteilen wir aus unserer Sicht, doch reagieren wir genauso, wenn wir uns in dessen Situation befinden. Nur geht jeder Mensch eben, je nach Erziehung und persönlicher Entwicklung, anders damit um. Im Grunde genommen bleibt es aber das gleiche Empfinden.

    Wir haben alle nur das eine Leben, welches wir uns so angenehm und mitfühlend wie möglich mit all den anderen Individuen teilen sollten. Nur die gesellschaftlichen Aufbürdungen zwingen uns oft dazu, uns unfreiwillig den negativen Seiten unserer Person zu widmen und diese an den Tag zu legen. Das ist sehr schade, die Welt könnte ein wirklich friedlicherer Ort sein. Aber es nützt nichts zu lamentieren, wir sind alle selbst gefragt, den Planeten auf dem wir verweilen, mit einem möglichst effektiven und guten Fußabdruck zu verlassen.

    In diesem Sinne noch einen schönen Abend! LG. Ulli

    • Lieber Ulli,

      das sind wichtige Punkte, die du da ansprichst; ich glaube, sich innerlich zu öffnen gegenüber anderen Sichtweisen, Ideen und Gedanken, mitzuempfinden auch da, wo wir im ersten Augenblick erstmal stutzen und Empathie zu üben ist gut für sich selbst – und für andere.

      Und ja, wir haben natürlich Fehler. Ich komme vom Fleisch zum Beispiel nicht runter (die Liebe zum Steak ist doch sehr groß…), aber ich esse es nur selten, immer aus dem Bio-Laden und nehme zumindest vegane Kosmetik, Kleidung, etc. Das was ich leisten kann, versuche ich zu leisten, aber ich versuche nicht mich zu überspannen oder andere zu zwingen. Das führt nämlich meistens zu gar nichts, außer Enttäuschung und anderen schlechten Gefühlen. Und das hilft ja dann auch niemandem :)

      Ganz liebe Grüße,
      Myriam

  6. Hm … ich finde aber schon, dass man NIE dieses schreckliche „macht Sinn“ verwenden muss, da es IMMER einen besseren Ausdruck gibt! :p

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