10 Dinge, die dir niemand über das Reisen verrät

Ich bin ja kein besonders großer clickbait-Fan, beim Lesen nicht und auch nicht beim Schreiben, denn die Enttäuschung nach dem geangelten Klick ist meistens einfach zu groß. Nichtsdestotrotz möchte ich mein gesammeltes Reisewissen unter einem eher aufmerksamkeitsheischenden Titel teilen. Denn bei all den vielen tollen Artikeln über Auszeiten im Ausland und das Reisen fehlen meistens ein paar wichtige Punkte. Und zwar diese:

  1. Du wirst Probleme haben. Und zwar auf dem Klo. Mindestens einmal, eher mehrmals wirst du den Tag auf der Toilette verbringen. Oder mehrere Tage. So lange, bis du dir künstliche Elektrolyte zuführen musst. Und dann ist dein Reisepartner dran. Wenn du Glück hast. Wenn du Pech hast, dann müsst ihr gleichzeitig dran glauben und dürft drum kämpfen, wer wann wie lange scheissen darf. Excuse my Klatchian.
  2. Aus dem Koffer leben ist die Hölle. Mal ganz abgesehen von der arg beschränkten Auswahl ist es auch sonst kein Zuckerschlecken, sein gesammeltes Zeug im Rucksack rumzuschleppen und alle drei bis sieben Tage neu einpacken zu dürfen. Die Sehnsucht nach einem beständigen Kleiderschrank ist zwischendurch so groß, dass es dir das Herz zerreißt. Außerdem verlierst du die Hälfte, aber was du dir neu kaufst, passt nicht mehr in den Koffer. Montag. Mittwoch geht es dann wieder. Aber Sonntag ist nicht mal mehr Platz für die Hälfte. Keine Ahnung warum, aber es ist so.
  3. Du musst andauernd was entscheiden. Im Alltag merkt man gar nicht, wie wenig man eigentlich entscheiden muss. Wir fahren zum selben Arbeitsplatz, machen weitestgehend den gleichen Job, besuchen unsere Lieblingsrestaurants und sehen uns die Filme an, auf die wir Lust haben. Und das war es im Wesentlichen. Auf Reisen musst du alle paar Tage alles neu organisieren: Wo schlafe ich? Wo gehe ich essen? Was gehe ich essen? Mit wem rede ich? Welche Route wähle ich? Welchen Bus? Oder doch lieber fliegen? Und es gibt keine Garantie, dass du es gut oder richtig machst. Du kannst einfach nur machen. Weil wenn du nicht machst, dann geht es leider nicht weiter.
  4. Du musst mit jedem über deine Reiseroute sprechen…
  5. … und das ist ein Wettbewerb. Ernsthaft: Absolut jedes Gespräch beginnt damit, dass man sich gegenseitig fragt wo man schon war und wo man noch hinwill. Und 70% aller Leute versuchen dabei, möglichst cool und individuell dazustehen, zu zeigen, wie tief sie eingetaucht sind in das Reiseleben und warum sie im Grunde einen Preis dafür verdienen, wie sie das alles meistern. Und das schlimmste: Du machst wahrscheinlich mit. Gruppendruck und so.
  6. Die Hälfte kannst du nicht fotografieren. Schon mal den Dschungel im Bild gebannt? Sieht aus wie der Schwarzwald. Oder diese krass steile Treppe den Berg hinauf? Als Foto flach und einfach. Sicher, beim Sonnenuntergang hilft dir ein Filter und wenn du dir richtig, richtig Zeit nimmst, bekommst du irgendwann sicher ein tolles Alpaca-Bild hin. Aber das meiste von dem, was du zu fotografieren versuchst wird nicht mal halb so wild, beeindruckend oder schön sein, wie es in echt war. Was vielleicht gar nicht so schlecht ist, dann hat es wenigstens einen Sinn gemacht, leibhaftig zu reisen statt nur eine Bildersuche bei Google zu starten.
  7. Bürokratie. Klar, man weiß, dass Aus- und Einreisen nervig ist. Man hat schon mal irgendwo gelesen, dass man im schlimmsten Fall stundenlang im Nirgendwo in einer Schlange steht und erschossen wird, wenn man seinen kleinen Zettel verliert. Aber das ist nicht alles: Auf dich warten elendig lange Fragebögen im Hotel (bevor man dir den Schlüssel gibt) und Postgänge, die zum Albtraum werden (noch mehr Fragebögen, außerdem Fotokopien vom Pass und FINGERABDRÜCKE). Oh, und dann sind da noch diese lieben, netten Leute die dich mit ihren großen Augen erpressen, stundenlang über einer Tripadvisor-Bewertung zu brüten. Apropos:
  8. Tripadvisor betrügt dich. Tripadvisor ist wie der Oscar: Ausgezeichnet wird nicht das Beste seiner Art, sonder das Populärste im Umkreis. Und das ist im Fall des vorherrschenden Portals für Reiseempfehlungen häufig mit zwei Worten zu beschreiben: Billig und viel. Klar, ich habe Verständnis für Reisende mit wenig Kohle und großen Apptetit. Aber viel zu viele gute Restaurants schaffen es nicht unter die ersten zehn, weil ein Essen nicht 3,50 Euro kostet sondern 6. Und das ist auf Dauer zum Augenrollen.
  9. Du entwickelst vorübergehend Vorurteile. Klar, du willst Authentizität erleben. Du liebst das Fremde. Erfreust dich an unseren Unterschieden. Aber wenn du zum siebten Mal in Folge zum Frühstück frittierten Reis mit frittiertem Huhn und frittiertem Ei serviert bekommst, fragst du dich dann doch irgendwann, ob es hier eigentlich gar keine Esskultur gibt. Und dann fühlst du dich mies, weil da doch dazugehört und überhaupt, wer bist du schon, zu entscheiden was Kultur ist und was nicht? Was mich zum letzten Punkt bringt:
  10. Touristen nerven. Du auch. Touristen sind laut und bunt und gehen davon aus, dass die Welt ihr Spielplatz ist. Außerdem reden sie unglaublich gern über sich selbst (siehe oben) und zwar nicht in der Landessprache, die beherrschen sie nämlich nicht. Und egal wie sehr du dich bemühst: Auch du wirst dich mindestens einmal daneben benehmen – und es wahrscheinlich nicht mal merken.

Ein paar Dinge die ich in meiner Reisezeit gelernt habe, sind spezifisch südamerikanisch: Dass alles zu klein sein wird (Bussitze, Klamotten, Betten), wenn du größer als 1,70 bist. Dass „machen wir, kein Problem“ übersetzt heißt „kümmere dich vielleicht lieber selbst drum“. Dass Salat gerne auch mal zerkochtes Gemüse bedeutet (oder frittiert ist). Dass für alles zwei Preise gibt, nämlich den normalen und den für Touristen. Dass alle die Chilenen hassen. Dass du immer einen Backup-Plan haben solltest. Und noch einen Backup-Backup-Plan, zur Sicherheit.

Immer und überall gilt jedenfalls: Reisen ist kein Urlaub. Reisen ist anstrengend. Und Abenteuer sind noch schlimmer. In den weisen Worten von David Mammet:

The difference between a vacation and an adventure is: On an adventure, you always wish you were at home.

18 Kommentare

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  1. Hey Myriam,

    der Beitrag hat mich gerade sehr erheitert! Ich kann dir in allen Punkten absolut zustimmen. Ich möchte noch anfügen, dass man außerdem dauerhaft außerhalb seiner Komfortzone lebt, was extrem anstrengend ist. Dazu kommen weitere körperliche Aspekte, wie Sonnenbrand, eskalierende Allergien, weil die Hygienestandards nicht eingehalten werden und sonstige Wehwehchen, die man sich zuzieht.

    Ich liebe die Ordnung und Strukturen in Deutschland und bin jedesmal wieder froh, nach Hause zu reisen. Für mich habe ich entschieden, im Urlaub mehr Zeit in der unberührten Natur zu verbringen und zumindest nachts in einer weitgehend komfortablen Behausung zu nächtigen. Denn alles andere ist für mich Stress statt Erholung!

    Liebe Grüße,
    Siri von http://www.quergetippt.com

    • Liebe Siri,

      freut mich, dass du mit meinem Beitrag Spaß hattest :) Du hast Recht, Im Grunde ist dieses Außerhalb-der-eigenen-Komfortzone-leben das, was alles andere so anstrengend macht.

      Aber trotz allem Stress und aller Belastung muss ich zugeben; nach drei Wochen Ordnung und Struktur hätte ich nix gegen einen Rücktrip ins Chaos ;) Beides hat eben schöne und nicht so schöne Seiten……

      Ganz, ganz liebe Grüße,
      Myriam

  2. Sehr schön geschrieben, habe oft lachen müssen. Und wie so oft gilt: das sind Erfahrungen, die kann dir keiner mehr wegnehmen 😉

  3. Herrlich :-D Und danke für Punkt 1. Das wird ja gern mal tot geschwiegen und erinnert mich mit Grausen an meinen ersten Ägyptenurlaub und die Suche nach einer Toilette in der Wüste. Und selbst da knöpften sie einem Geld für Klopapier ab, die Schlawiner! Seitdem ist Perenterol mein Reisebegleiter Nr.1.

    • Ich hätte vor Südamerika auch nicht gedacht, dass ich mal jemand sein würde, der immer und überall Klopapier zur Hand hat… Aber sicher ist sicher, so eine Toilette ist zum Beispiel im Dschungeln ja nun doch eher der Glücksfall und meistens muss es ohne gehen. Da wird man zum astreinen Selbstversorger! :D

  4. Superlustig und trotzdem wahr! Das sind die Dinge, die das Nachhausekommen so einmalig machen :)

  5. Punkt 1 ist so wahr und egal, wo ich hinfahre (selbst in den Harz), ein Thema, was mich tief bewegt!

  6. Zutreffend geschrieben, es wird aber sicher nur wenige abhalten denke ich.
    Mit manchem muss man einfach rechnen bzw. immer einen Plann B haben vor allem in Südamerika wenn mann sich spontan oder im echten Leben bewegt. Saludos.

    • Um Gottes Willen, das soll doch auch niemanden abhalten! Ich selbst würde ja auch jederzeit zurückreisen – aber ein bisschen Augenzwinkern und Lachen über seine Erfahrungen, das macht das Reisen doch gleich noch viel schöner und interessanter!

  7. Reisen ist kein Urlaub… wie wahr, wie wahr. Darum mache ich ja lieber Urlaub.^^

    Allerdings hängt es (nebem dem zu bereisenden Land) auch extrem vom Reisepartner ab, wie viel Spaß du hast. Jeder hat ja so seine Achillesfersen. Ich knicke gerne um und mein Reisepartner hat mit zunehmendem Alter Rücken und seitdem ich ihn kenne, ist er verdauungstechnisch eine Prinzessin auf der Erbse. Außerdem tut er sich (wie auch ich) schwer damit, sich mit Neuem anzufreunden – das schlägt bei ihm nur leider auch noch auf den Darm. Du weißt also nie, wie er worauf reagiert (im Zweifelsfall war es mal wieder mein Essen *gnarf*) und das ist echt… nun ja… beschissen.^^ Nun kommt noch der Rücken dazu und du weißt nie, wie er auf eine zu weiche/zu durchgelegene/zu harte Matratze reagiert und in welchem schiefen Winkel er dir morgens entgegenwankt. Auch beschissen. Wir haben also ziemlich viele Reisedramen hinter uns und zwischenzeitlich war ich traumatisiert… ähem… sah ich mich gezwungen, eine Reiseapotheke mit Pillen, Tropfen und zig Kräutertees (Gänsefingerkraut! Teufelszeug, sehr gut!) mitzuschleppen, die eher an den Ausflug einer Geriatriestation denken ließ. Und da dachte ich mir… nö. Scheiß auf Reisen, scheiß auf Urlaub. Ich bleibe zu Hause – die Apotheke ist gleich ums Eck, warum soll ich mir den Stress antun? Ich beneide also Menschen, die munter durch die Welt gondeln, aber ich bekomme mittlerweile schon Bauchgrummeln, wenn wir nur für fünf Tage an die Ostsee fahren. So wie Ende April. Und ich bete heute schon: Bitte, bitte… schenk uns gute Matratzen, das Wetter ist mir fast egal. :razz:

    • Ja, die partnerlichen Riesewehwehchen… kenn ich :D Obwohl ich selbst jetzt nicht so viel besser war mit meinen dreißig Varianten Hautausschlag… Gott sei Dank hatten wir aber nie allzu viel Drama auf einmal oder wenigstens viel Dramenpause dazwischen – auch weil wir uns zwischendurch einfach mal die Luxusvariante von allem geleistet haben (also Hotels zum Beispiel, die wir zu Hause nicht mal zur Hälfte hätten bezahlen können, die in Südamerika aber für unsereins nur etwas teuerer und nicht unerschwinglich waren). Ich drücke auf jeden Fall die Daumen, dass auch die Ostsee-Matratzen medizinisch empfehlenswert und emotional stützend sind ;)

  8. Toller Beitrag!!
    Alles Liebe
    Laura ❤

    http://www.buteralaura.com

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