Vorfreude und Nachwehen: Fazit einer halbjährigen Reise

In nicht einmal einer Woche sitze ich im insgesamt 22. Flieger innerhalb von sechs Monaten. Diesmal ist es vorerst der letzte, denn er landet nicht auf südamerikanischem Boden, sondern daheim in Tegel. Ist ja auch schön. Sehr schön sogar, denn ich gebe zu: So langsam will ich nach Hause. Zu meinen Freunden, in mein Bett, nach Berlin.

Was ich vermisst habe und was ich vermissen werde

Das erste, was wir machen, wenn wir wieder in Deutschland sind? Wir gehen Pizza essen! Überhaupt: Nahrungsaufnahme ganz oben auf unserer Prioritätenliste. Deshalb erklären wir die KW 11 des Jahres 2018 auch kurzerhand zur all-you-couldn’t-eat-week: Schwarzbrot, Lindt, Wildschweinburger – die Liste ist lang und das wird ein Fest! Aber es gibt noch mehr, was ich wirklich vermisst habe. Nämlich:

  1. Kleiderschränke
  2. Bücher aus Papier
  3. Klopapier runterspülen dürfen
  4. Ein mückenfreies Dasein
  5. Definierte Öffnungszeiten

Das gilt natürlich auch umgekehrt. Ein paar Sachen werde ich in Südamerika zurücklassen müssen, obwohl ich sie gern auch in Deutschland hätte. Zum Beispiel:

  1. Das Wetter
  2. Den Pisco
  3. Die Ruhe
  4. Die Preise
  5. Die Natur
  6. Die Luxusbusse
  7. Die Taxifahrten
  8. Die vielen neuen Leute
  9. Die Tierwelt
  10. Die Menschenwelt

Übrigens: In meinem symmetrieverliebten Hirn hatte ich mir diese beiden Listen gleichlang vorgestellt. Aber wenn ich Essen, Familie und Freunde streiche, fällt mir tatsächlich wenig ein, das mir gefehlt hat. Ich schätze, das ist ein gutes Zeichen.

Was anders wird und was gleich bleibt

Das wichtigste zuerst; ich bin definitiv lockerer geworden. Viele Sachen, die mir vor der Reise eine gewisse Angst eingeflösst haben (coole Kunstparties zum Beispiel) entlocken mir nur noch ein müdes Lächeln. Das war eines meiner großen Ziele, insofern kann ich zufrieden sein. Außerdem ist etwas passiert, mit dem ich so nicht gerechnet hätte: Ich habe mich quasi neu verliebt und zwar in den guten alten Mann. Die gemeinsame Reise hat uns noch näher zusammengebracht und das ist fantastisch. Außerdem habe ich in und an mir einiges entdeckt, was mein Leben zu Hause ein wenig ändern wird: Ich will mit dem Klettern anfangen und definitiv mehr verreisen. Kurz in die Nähe (sächsische Schweiz zum Beispiel) aber auch wieder länger in die Ferne (wir flirten mit Japan). Ich werde mir ganze Wochen zum Schreiben blocken und das konsequent durchziehen. Ich trinke meinen Kaffee jetzt schwarz.

Aber es gibt auch Eigenarten und Angewohnheiten, die sind wie sie sind und keine Reise der Welt wird sie ändern: Ich mag es bequem und nicht frittiert. Ich mache mir gerne und oft Sorgen. Schreiben ist mir wichtiger als Reisen (und das eine für das andere zu pausieren lohnt sich; der erste Entwurf für’s zweite Buch steht! Juchu!). Feste, Discos und Parties finde ich weit weniger aufregend als Ruinen, Geschichte und Museen. Laute Geräusche machen mir Kopfweh. Ich bin zu höflich um zu sagen, dass mir etwas nicht schmeckt. Ich rauche.

Was sonst noch zu sagen bleibt

Hat sich die Reise gelohnt? Ja, hat sie! War sie, wie ich sie mir vorgestellt habe? Nein, überhaupt nicht! Wir sind viel spontaner gewesen als wir dachten und deshalb ständig irgendwo gelandet, wo wir ursprünglich nicht hinwollten und unsere vollendete Route macht neutral betrachtet absolut gar keinen Sinn. Ich dachte auch, ich hätte wahnsinnig viel Zeit und würde zum Beispiel hier im Blog sehr viel schreiben, aber Pustekuchen, ich war viel zu beschäftigt mit ganz anderen Dingen. Dafür hatte ich weit weniger Heimweh als befürchtet, nämlich sozusagen gar keins, was unter anderem daran liegt, dass es heutzutage so einfach ist über den Ozean hinweg zu kommunizieren. Die Zeit verging im rasantesten Eiltempo und trotzdem fühlt es sich an, als hätte ich in den letzten Monaten Erlebnisse für zehn Jahre gehabt.

Werde ich wieder woanders überwintern? Auf jeden Fall! Eher vier als sechs Monate und vielleicht nicht mal nur im Winter, weil es auch in anderen Erdteilen leider kalt ist im Dezember, aber dass wir unser Erlebnis wiederholen werden, steht außer Frage. Könnte ich mir auch vorstellen für immer wegzugehen? Ja, schon, aber ich brauche dann doch eine Berlinkopie. Bei aller Liebe für die oben erwähnte Natur und die Tierwelt; am wohlsten fühle ich mich auf lange Sicht dort, wo es gar nicht so viel anders ist als zu Hause, zum Beispiel in Lima. Ich weiß das ist unglaublich langweilig und wenig hip von mir, aber was soll ich machen? Ich bin halt doch nur ich und ich brauche guten Kaffee, eine anständige Auswahl beim Essen und vor allem das Gefühl, von hunderttausend Menschen und ihren Geschichten umgeben zu sein.  Denn das genieße ich tatsächlich am allermeisten – egal wo.

 

9 Kommentare

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  1. Das klingt gut und macht mir Lust auf Reisen. Berlin erwartet Dich. Und vielleicht stellt es auch ein richtiges Willkommens-Wetter auf die Beine… nicht so einen Schneematsch wie jetzt gerade.

  2. Irgendwie habe ich jetzt Lust, mal wieder – und ander – zu verreisen.
    Willkommen im Club der Kaffee-schwarz-Trinker (UNHEIMLICH erwachsen und hip!).

  3. @“Feste, Discos und Parties finde ich weit weniger aufregend als Ruinen, Geschichte und Museen“: Ich weine vor Freude… wenn ich das lese, fühle ich mich schlagartig weniger „unnormal“. ;) Unnormal finde ich es allerdings, wie schnell die Zeit vergeht. Hast du nicht gerade erst den Beginn deiner Reise verkündet? Erschreckend. Darauf erstmal einen Kaffee. Schwarz. Wie ihn die Psychopathen wohl am liebsten trinken. Willkommen im Club.^^

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