Die Angst des Autors vor dem zweiten Buch

Neben der Reiserei, der Druckfahnen-Überprüfung, der Sommer-im-Winter-Stimmung und einer recht bastelintensiven Buchtrailer-Produktion beschäftigt mich im Augenblick  natürlich auch das Schreiben und zwar vornehmlich das von Exposés, nämlich denen für meinen zweiten Roman. Leider ist mir dabei etwas Unangenehmes aufgefallen: Ich neige dazu, mich zu wiederholen. Statt kreativer Gedanken-Explosionen finde ich auf meiner Ideenliste eher müde Abklatsch-Emulsionen.

Der schmale Grat des Genre-Autors

Da kann man jetzt natürlich sagen, das gehört so, wie ein Blogger seine Nische braucht, so braucht ein Genre-Autor seine Klischees, da ist Wiederholung kein Fluch, sondern ein Segen. Außerdem schreiben selbst hochgelobte Literaten hin und wieder mal dieselbe Geschichte, hier am Meer und da im Kongo, aber am Ende doch recht deckungsgleich, da muss man sich nicht groß grämen, wenn man sich dabei erwischt, seinen Protagonisten die gleichen Charakterzüge zu geben. Nichtsdestotrotz frage ich mich: Wo sind im Genre die Grenzen des immer-wieder-gleichen und wie weit darf man sie überschreiben? Man kann schließlich nicht einfach alles anders machen als alle anderen, weil dann nämlich alles anders und folglich nicht mehr Genre ist. Was nicht geht, wenn selbiges im Vertrag definiert ist.

Also muss man versuchen das eine zu wahren und das andere zu wagen, wobei es eine verdammt harte Nuss ist, herauszufinden, was auf der einen und was auf der anderen Seite steht. Stetig sieht man sich gezwungen, zwischen zwei Gegensätzen zu vermitteln: Zwischen der Erwartung, die ein Leser hat und der freudigen Überraschung, die man selbigem dennoch bereiten möchte, zwischen der Befriedigung geliebter Klischees und der Vermeidung abstoßender Stereotypen, zwischen unvermeidbaren Zielen (der Liebe) und Zielen, die einem selbst schon ein bisschen auf den Keks gehen (die Liebe).

Das ist Klagen auf hohem Niveau, keine Frage, ich würde mich, wäre ich nicht ich selbst, wahrscheinlich ohrfeigen, weil ich verdammt nochmal froh sein sollte, dass ich gleich ein zweites Buch hinter das erste schieben darf, unabhängig von den Bedingungen, die daran geknüpft sind. Und das bin ich auch. Nur bin ich eben auch ein wenig ideenmüde, wobei es wenig hilft, bei den Genre-Kollegen zu schnüffeln, nicht nur, weil Abgucken doof ist, sondern auch, weil einem dann schnell klar wird, dass man tatsächlich nicht halb so originell ist, wie man in seinen besten Augenblicken zu hoffen wagt.

Höhenflüge und Tiefpunkte

Denn gefühlt ist jede Geschichte schon geschrieben, jeder Konflikt schon auserzählt; keine unterhaltsame Verstrickung, die nicht schon entzaubert wäre und keine Romantik, die noch jungfräulich auf ihre Entdeckung wartete. Alles was bleibt sind Permutationen, sind Abwandlungen und Varianten, die mit ein bisschen Glück nicht völlig belanglos bleiben und ein paar Gefühle wecken können, im besten Fall gute. Ich gebe zu, das klingt pessimistisch, aber wenn man genauer darüber nachdenkt, dann kann diese Haltung durchaus befreiend sein: Wer sich eingesteht, die Welt nicht neu erfinden zu müssen, dem mag es vielleicht gelingen, sie neu zu entdecken.

Diese hoffnungsschwangere Erkenntnis hilft aber nicht gegen all die anderen Sorgen, die wahrscheinlich so gut wie jeder Schreibende mit seinem Zweitgeborenen hat: Kann ich zeigen, dass ich in meinem Schreiben besser geworden bin – oder, bitte, bitte, wenigstens mein Niveau gehalten habe? Wird sich jemand dafür interessieren, was ich da schreibe? Kann ich mich selbst dafür interessieren, was ich da schreibe? Kann man sein zweites Buch genauso leidenschaftlich lieben und hassen wie ein erstes? Werde ich die Fehler des ersten Mals vermeiden können, die mich immer noch verfolgen? Kann ich den Anspruch erfüllen, den ich an mich selbst habe und die Erwartungen, die andere hegen?

Ein (momentan recht kleiner) Teil von mir winkt ab und zuckt mir den Schultern. Dieser Teil ist sich sicher, dass das alles schon okay, ja sogar großartig sein wird, wenn es erst einmal an das Schreiben selbst geht. Doch der Rest von mir ist sich bewusst, dass es noch einige Hürden zu nehmen gibt, bevor es derart gemütlich wird, angefangen, wie gesagt (schon wieder eine Dopplung!) mit einer guten Geschichte. Und das, obwohl ich sonst immer gern behaupte, dass es der geringste Teil der Arbeit ist, eine Idee zu haben. Was nur wieder beweist, dass ich im Grunde keine Ahnung habe.

 

8 Kommentare

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  1. Hast du nicht gerade eine neue Welt entdeckt – in echt? Überall gibt es Frauen, überall gibt es Liebe, nur die Bedingungen sind unterschiedlich. Lass es sacken, dann kommt die Idee von ganz allein, inspiriert von deiner Reise. Dann kommt es schon nicht zu allzu vielen Wiederholungen.

  2. Mag sein, dass im Genre schon recht viele Nuancen abgegrast wurden (was ich ernsthaft bezweifle bei all den mittelständischen, heteronormativen, weißen, gesunden Protagonistinnen der Frauenunterhaltung), aber längst nicht jeder Leser hat das alles gelesen. Wenn du dich nicht grade von Helen Fielding oder Cecelia Ahern inspirieren lässt, dürfte es also nicht allzu vielen Leuten auffallen, dass es diesen oder jenen Kniff schon mal anders gab ;)
    Nur Mut – bei dir klingt die Mischung nachher eh ganz anders!

  3. Dein Problem heißt: Goethe und Schiller. Irgendwie ist in der deutschen Kultur (Literatur) dieser Geniegedanke gefestigt. Alles muss neu klingen, aber auch vertraut – muss einzigartig sein, aber bitte auch nicht zu befremdlich. Wenn ich an Autoren denke, die ich sehr sehr mang, fällt mir auf, dass sich hier bestimmte Dinge wiederholen. Ich habe dabei Murakami im Sinn. Aber ich denke nie: „Ach, nee… schon wieder der Schafsmann!“ Sondern ich freue mich, wenn ich Motive, Charaktere etc. „wiederlese“. Ich wünsche dir einfach nur ganz viel Freude, ein paar gerissene Nerven und tolle, neue Erfahrungen beim zweiten Buch!

    • Ach, der Schafsmann! Stimmt, über den freue ich mich auch ein jedes Mal :D Vielen Dank auch für deine Wünsche, ich bin mittlerweile einigermaßen zuversichtlich, dass es eine schöne Erfahrung werden wird, sich der Nummer zu widmen! :)

    • Liebe Sarah Marie, da freue ich mich sehr! Ich bin allerdings im Moment ziemlich gestresst (wenn auch aus schönen Gründen, Reisen und Schreiben nämlich), und kann mich nicht so richtig darum kümmern. Ich behalte es aber im Kopf und hoffe, dass ich dann verspätet noch etwas dazu machen kann. Liebe Grüße, Myriam

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