„Ja, ist denn heut‘ schon Weihnachten?“ -Unerwartete Effekte einer langen Reise

Die obige Frage stellte einst Franz Beckenbauer in einem ansonsten eher langweiligem Werbespot für einen Mobilfunkanbieter und auch ich frage mich in letzter Zeit häufig: Ist schon Heiligabend oder doch nur schnöder Sonntag? Diese Verunsicherung über den Status der Feiertage entsteht aus einer grundsätzlichen Laxheit gegenüber Daten und Fakten, die ich vor einigen Wochen noch für genauso unmöglich wie unverzeihlich gehalten hätte – was sich schleichend ändert, wenn man monatelang durch einen fremden Kontinent strolcht.

Langzeitreise ins Vergessen

Denn mittlerweile weiß ich nur sehr selten, was für ein Wochentag ist, welches Datum wir haben oder wie viel Uhr es ist. Klar, ich muss hin und wieder mal einen Flug buchen oder ein Hotel, aber da reicht ein schneller Blick in den Kalender, der dann ebenso schnell wieder vergessen ist – denn wozu wissen, was heute ist, wenn ich keine Ahnung habe, was morgen kommt? Natürlich führt diese Einstellung hin und wieder zu etwas peinlichen Momenten, zum Beispiel wenn man erst nach zehn Minuten Telefonat erkennt, dass Papas Geburtstag nicht irgendwann nächste Woche ist, sondern gerade heute. Gut, wenn man dann Eltern hat, die das in erster Linie amüsiert und in zweiter sogar erfreut, weil sie wissen: Keine Ahnung haben, was gerade für ein Datum ist, ist ein großartiges Symbol für Entspannung.

Das Datum ist übrigens nicht das einzige, was man auf Langzeitreisen gut und gern vernachlässigen kann. Auch das Internet ist viel weniger dringend nötig, als man zu Hause glaubt. In Deutschland bekomme ich Ausschlag, wenn ich länger als zwei Stunden meine E-Mails nicht abrufen kann und jeder verpasste Anruf ist für mich ein Vorwurf der Nachlässigkeit: Kaum vorstellbar nicht immerzu augenblicklich erreichbar zu sein. Jetzt bin ich ohne zu Zögern auch fünf ganze Tage ganz ohne Internet und gräme mich nicht, wenn ich nicht alle Dinge sofort mitbekomme oder eine Nachricht auf Antwort warten muss. Keiner stirbt davon, nicht ich, nicht meine Freunde/Bekannten/Arbeitgeber und ganz sicher nicht das Internet. Es lädt auch ohne mich weiter.

Dass ich ganz allgemein ein bisschen lockerer werde, dass hatte ich schon vor der Reise gehofft. Und tatsächlich kratzt es mich mittlerweile erstaunlich wenig wenn der Bus mal wieder stundenlang liegen bleibt, eine Spinne auf dem Klodeckel hockt oder Geschäfte geschlossen sind, obwohl sie nach eigener Aussage offen sein sollten. Pläne mache ich nur noch selten und wenn alles anders kommt, dann ist es halt so – was soll’s, irgendwie geht’s immer weiter. Leider ab jetzt weniger als bisher; der Zenit ist überschritten und die Tage, die uns hier noch bleiben sind weniger als die, die wir schon da waren. Ein guter Moment um aufzuzählen, was ich sonst noch so gelernt habe. Manches wichtig, einiges witzig und ganz sicher nichts umsonst.

Reise-Lektionen für jede Lebenslage

  • Auch mit 33 kann man mehrere Tage lang nicht duschen, ohne deshalb gleich den Selbstrespekt zu verlieren.
  • Heimweh hält nur so lange wie man ausblendet, dass zu Hause eiskalte Minusgrade herrschen.
  • Wer im Dschungel pinkeln geht, sollte niemals vergessen, seinen Arsch mit Mückenspray zu präparieren.
  • Wenn eine Bluse auf Nimmerwiedersehen im Fluss landet, muss einem nicht gleich das Herz brechen. Auch wenn man irgendwann nur noch halb so viel Klamotten hat wie am Anfang.
  • Apropos: Man kann in einem Land in der die Durchschnittsgröße gefühlt bei 1 Meter 40 liegt, zwar nicht alles problemlos nachkaufen, braucht aber sowieso viel weniger als man denkt.
  • Wer seinen Partner unter größter körperlicher Anstrengung ins Dorfkrankenhaus schleppt und dort dauerversorgt, beim hysterischen Wanderanfall trotz mehrerer Schweißschichten von selbigem lachend in den Arm genommen wird, nachts auf dem harten Dschungelboden umringt von Eier-erst-in-die-Kleidung-und-dann-in-die-Haut-legenden-Motten liebevoll händchenhaltend nebeneinander liegt, wer einhundertvierundreißig gegenseitige Vorwürfe des falschen Tonfalls überlebt und selbst nach tagelangem Camping ohne Dusche noch zärtliche Gefühle beim Anblick des Anderen in sich aufwallen fühlt, der kann sich recht sicher sein, dass seine Beziehung noch eine Weile halten wird.
  • Flugangst kann sich auch im fortgeschrittenen Alter noch entwickeln, aber auch mit Flugangst überlebt man den Flug. Hoffentlich.
  • Alle Wunden heilen irgendwann, selbst die von Sandfliegen.
  • Anfang zwanzig hat man zwar vielleicht noch etwas mehr Energie, Anfang dreißig allerdings hat man mehr Geld, was bedeutet, dass man eh viel weniger Energie braucht, weil man sich nämlich zwischendurch auch mal Luxus leisten kann.
  • Angst nutzt sich ab, weshalb man nach ein paar Wochen bedenkenlos durch hohle Gassen geht, die man anfangs nur unter Todesdrohungen betreten hätte.
  • Man kann Brötchen mehr vermissen als sein eigenes Bett.

Um zum Ende hin den Bogen noch einmal zurück zur Weihnacht zu schlagen, möchte ich anmerken, dass man auch Dinge lernt, die ein bisschen weh tun, zum Beispiel, dass man das Zusammensein mit der Familie an den Feiertagen doch mehr vermisst, als man sich selbst gegenüber vorher eingestanden hätte. Da will man (also ich) dann doch fast ein Tränchen verdrücken, weil man nicht dabei ist, wenn Ömchen und Cousinchen und alle drei Elternteile mit Tante und Onkel und Cousinsfamilie zusammen um den Baum sitzen und Plätzchen futtern. Ganz egal, ob das nun heute ist oder doch erst morgen.

10 Kommentare

Gib deinen ab →

  1. Ich sehe, dass diese Reise dir sehr gut tut und das freut mich sehr. Danke, dass du uns teilhaben lässt an deinen Erlebnissen und deren Wirkung auf dich. Frohe Feiertage in der Ferne.

  2. Denk dran: Auch an Weihnachten isses scheiße ungemütlich in deiner Heimat. Die Temperaturen sind irgendwo zwischen unangenehm und matschig, es gab vielleicht fünf Schneeminuten und vier Sonnenstunden. Im ganzen Monat.
    Ich bin sicher, deine Familie gönnt dir das Geschenk namens Weihnachten-nicht-hier genauso sehr wie ich.

    Kuss und Schoki!

    • Mmmmmmmhhh, Schoki……… den Schnee und die Kälte vermisse ich auch wirklich nicht. Und eigentlich auch den ganzen Weihnachtskram an sich nicht so. Nur ihr, ihr fehlt mir halt schon. Aber sooooo lang isses ja nicht mehr :)

      Dicker Kuss zurück!

  3. Weisst Du, an Weihnachten gilt umso mehr: Love the one you’re with. Dann IST Weihnachten, egal, wo Du bist!
    Ich wünsche Dir ein ganz Frohes Fest!

  4. Wow – die Sache mit der zu vernachlässigenden Spinne auf dem Klodeckel ist der Hammer.
    Ohne dich zu kennen vermute ich : Du bist ein anderer Mensch geworden. ;-)

  5. Ach ich liebe diesen Post. Und @“Keine Ahnung haben, was gerade für ein Datum ist, ist ein großartiges Symbol für Entspannung“ – jep, das ist wohl wahr. Und es ist schon erstaunlich, wie gut man ohne Internet leben kann, oder? Ich musste nun nicht um die halbe Welt fliegen, eine Woche Ostsee ohne „Netz“ hat gereicht, um mich da mal ein bisschen zu erden. Mittlerweile bin ich auch zu Hause mit Netz deutlich entspannter und lasse das Handy übers WE sogar mal ganz aus. Die Welt dreht sich weiter und das, was wahnsinnig wichtig ist, werde ich auch so mitbekommen. In diesem Sinne: Frohes Entspannen weiterhin und hab einen fabehalften Rutsch ins neue Jahr!

    Alles Liebe
    Sabine

    • Liebe Sabine,

      ich hoffe auch sehr, dass ich dieses handyfreie Dasein auch in Deutschland hin und wieder genießen werde können. Denn ja, es tut verdammt gut! :D Ich hoffe, du bist gut ins neue Jahr gekommen, liebe Grüße,
      Myriam

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: