Die Angst vor der Eigenwerbung: Warum uns Marketing so schwer fällt – und wie es trotzdem klappt

Neulich saß ich unter dem Sternenhimmel von Iquitos, rauchte eine geschenkte Zigarette ohne Filter, und lauschte Walter Saxer, als selbiger mich unerwartet mit folgender Aussage vom geflochtenen Hocker haute:

„Ich schaffe es einfach nicht, für meinen eigenen Film Werbung zu machen.“

Ich übertreibe nicht: Ich rutschte in der Tat vor Überraschung fast vom Stuhl. Denn dass ein erfahrener Filmproduzent – der immerhin solche Kultklassiker vermarktet hat wie Fitzcarraldo und Nosferatu – tatsächlich davor zurückscheut, sich selbst zu produzieren, das hätte ich weiß Gott nicht gedacht. Aber es beruhigt mich. Denn mir geht es genauso: Lieber als laut hier! und kauf mich! schreien, möchte ich abwarten und Kaffee trinken (mit Tee konnte ich noch nie was anfangen).

Falscher Calvinismus und echter Selbstzweifel

Die Scheu vor der Eigenwerbung ist, möchte ich behaupten, eine ganz und gar natürliche Reaktion. Denn die fiese Stimme im Kopf, die sich auch beim Redigieren gerne einmischt, führt ungefragt eine ganze Handvoll Gründe auf, warum es sich einfach nicht gehört, sich selbst oder sein Werk anzupreisen:

  • So gut ist das gar nicht, was du da gemacht hast. Versteck es lieber, statt darauf hinzuweisen. Das ist sicherer.
  • Nur abgehalfterte Promis und totale Vollidioten heischen nach Aufmerksamkeit. Und nur weil du gerade im Regenwald bist, musst du dich ja noch lange nicht auf das Niveau von Dschungelcamp-Bewohnern begeben.
  • Erfolg haben wollen ist verachtenswert. Du arbeitest für die Kunst an sich, nicht für schnöden Mammon.
  • Was sollen denn die Leute von dir denken, wenn du Sie jetzt mit Werbung zuballerst? Man wird dich verachten und über dich spotten!
  • Du magst dich ja Atheist nennen, aber glaube nicht, dass du komplett an calvinistischen Einflüssen vorbeigekommen bist. Du weißt: Stummer Fleiß und stiller Eifer sind gefragt, nicht Arroganz und Selbstdarstellung.
  • Bescheidenheit ist eine Zier. Also ziere dich gefälligst!

Wahrscheinlich könnten viele meiner Mitautoren diese Liste noch endlos ergänzen. Die wenigsten von uns haben eine natürliche Disposition zur Eigenwerbung und schrecken wie ich davor zurück, auf sich aufmerksam zu machen.

Kreative unter Zugzwang

Aber die Wahrheit ist: Ich kann mir Bescheidenheit nicht leisten. Denn wie die meisten Kreativen, Künstler und Kulturschaffenden werde ich weder mit glitzerndem Bargeld überschüttet, noch mit verlockenden Werbeofferten. Meinem Verlag kann und will ich da nichts vorwerfen – natürlich steckt man in eine unbekannte Debütantin nicht das Marketingbudget, das zum Beispiel ein Ken Follet bekommt. Außerdem macht man den Mangel an Knete in meinem Fall mit großem Engagement und guten Ideen wett.

Nichtsdestotrotz: Will ich gelesen werden – und das will ich – dann muss ich wohl oder übel auf mich aufmerksam machen. Von nichts kommt nichts, erst Recht nicht in einer Branche, in der es alles andere als einen Mangel an Alternativen gibt. Natürlich gehört auch eine gute Portion Glück zu jedem großen Erfolg. Aber verlassen sollte man sich darauf nicht. Es reicht das Bemühen des gesunden Menschenverstands, um deutlich zu machen, warum ein Buch der Werbung bedarf: Man selbst greift schließlich auch zu nichts, von dem man nichts gehört hat, das man nirgendwo sieht und das keiner kennt.

Man kann nun länglich darüber lamentieren, dass früher alles besser, die Konkurrenz geringer und das Werbebudget ganz allgemein größer war, aber wem nutzt das? Die Dinge sind wie sie sind und so wie sind müssen wir sie selbst in die Hand nehmen.  In der Theorie ist das leicht. Wer konkrete Marketingideen sucht, wird schnell fündig. Von Buchtrailern und Social-Media-Aktionen über Lesereisen und Postkarten bis hin zum Influencer-Marketing findet sich mehr als eine Strategie zur Selbstvermarktung. Aber wie bringt man diese verdammte innere Stimme zum schweigen, die einem immer wieder sagt, dass man es besser lassen soll?

Werbestrategien für das eigene Wohlgefühl

Was es dafür braucht, ist eine gewisse Eigenwerbung vor sich selbst. Zum Beispiel mit folgenden Leitsätzen:

  • Du darfst erfolgreich sein wollen. Niemand würde auch nur mit der Wimper zucken, wenn du dir als Tischler zum Ziel setztest, viele Tische zu verkaufen oder als Broker nach dem größten Deal des Jahrhunderts schieltest. Warum also solltest du als Autor/Filmemacher/Podcaster nicht ebenfalls Erfolg haben (wollen) dürfen?
  • Du darfst dein Werk gut finden. Es wäre gelogen, zu behaupten, dass ich mein Buch scheiße finde. Auch wenn mich manchmal Zweifel überkommen; natürlich finde ich mein Buch nicht scheiße, sonst hätte ich es ja nicht geschrieben. Ich denke, die meisten Kreativen haben zumindest einige Augenblicke, in denen sie sich selbst richtig gut finden. Darauf sollte man sich konzentrieren und sich klar machen: Ich möchte der Welt da draußen etwas GUTES zeigen. Dass es von mir ist, ist eigentlich Nebensache.
  • Du darfst Vertrauen haben. Natürlich wird es Leute geben, die mit dem Kopf schütteln und dich Angeber nennen werden. Solche Leute gibt es immer. Aber sie sind unwichtig. Denn die Menschen, die dir etwas bedeuten – egal übrigens, ob persönliche Freunde oder Bekannte aus dem Internet – werden dich nicht verurteilen, sondern stolz auf dich sein und dir helfen. Apropos:
  • Du darfst um Hilfe bitten. Von einer wunderbaren Person, die ich schon mehr als einmal um Hilfe bat, bekam ich einmal ein fantastisches Buch von Amanda Palmer geschenkt: The Art of Asking. Seitdem habe ich verinnerlicht, dass um Hilfe bitten nichts Schlechtes, sondern im Gegenteil etwas wahnsinnig Gutes ist. Und gerade wenn es um Unterstützung bei der Selbstvermarktung geht, solltest du um Hilfe bitten wo es Sinn macht.

Nun habt aber bitte keine Sorge, dass ich diesen Blog in den nächsten Wochen und Monaten ausschließlich als Werbeplattform nutzen werde. Klar, ich werde sicherlich immer wieder mal über das Schreiben schreiben und dabei auch hin und wieder subtil den Link zu meinem Buch einpflegen (okay, an besagter Subtilität muss ich noch feilen…) Doch bei aller neugewonnenen Selbstsicherheit will auch ich es in Sachen Eigenvermarktung nicht übertreiben. Und deshalb werde ich im kommenden Artikel zum Beispiel lieber darüber schreiben, wie ich in den reißenden Fluten des bolivianischen Beni-Flusses nicht nur mein Hemd, sondern auch fast meinen Verstand verlor. Und meine Würde.

4 Kommentare

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  1. Was für ein guter Text, einmal mehr!

  2. Hat dies auf Knollensammler rebloggt und kommentierte:
    Da finde ich doch tatsächlich und zufällig heute Abend noch einen Blogartikel der mich fesselte. Und ich wollte doch früh ins Bett. Danke Myriam..

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