Reisen vs. Schreiben

Seit fast sechs Wochen bin ich jetzt in Südamerika. Die Quintessenz dieser Zeit: Nichts ist so wie man dachte und nichts läuft so wie man plante. An sich keine schlechte Sache, denn das Unverhoffte ist oft viel besser als das strikt Gewollte. In einer Angelegenheit aber stellt mich die aktuelle Lage vor eine ziemliche Herausforderung: Das Schreiben nämlich.

Ein Schriftsteller schreibt jeden Tag

Nicht umsonst ist das die Maxime vieler Ratgeber und Autoren eine gewisse Regelmäßigkeit. Regelmäßigkeit bringt Routine, Routine erzeugt Qualität, Qualität sorgt für Befriedigung (und im besten Fall für Erfolg). Außerdem hilft das tägliche Schreiben, sich selbst in seiner Tätigkeit ernst zu nehmen, nicht unwichtig, wenn man sich Autorin nennen will. Einem Hobby geht man nach, wenn einem danach ist, einen Beruf übt man auch dann aus, wenn man gerade vielleicht gar nicht so viel Lust darauf hat.

Auch als ich vor vielen Monaten den Plan gefasst hatte, ein halbes Jahr nach Peru zu ziehen, ging es vor allem um eines: Zeit zum Schreiben. Im Wissen, dass ich zu Hause nicht in der Lage sein würde, Jobangebote abzulehnen und im Windschatten der Sehnsucht, einmal Vollzeit-Schriftstellerin sein zu können, schien mir das Verreisen eine gute Möglichkeit. Damals dachte ich, ich würde stationär bleiben, am Liebsten tief im Dschungel, in Iquitos.

Doch es kam anders. Aus einem angedachten Ort wurde schnell ein ganzer Haufen toller Plätze, aus dem Langzeitaufenthalt die Wanderlust. Kein Wunder: Die Dinge, die es hier zu entdecken gibt, sind so vielfältig, dass es ein Verbrechen wäre, sie sich nicht anzuschauen. Das Problem ist nur: Es fehlt die Zeit zum Schreiben. Statt jeden Tag brav mein Pensum zu machen, gondle ich über die Dächer von La Paz oder rattere ich im Jeep durch die Salzwüste und stelle die Schreibarbeit oftmals hinten an. Sie fällt nicht völlig hinten über, aber sie nimmt viel weniger Zeit ein, als ich gehofft oder geplant hatte.

Inspiration als Autoren-Arbeit

Das ist ein Problem. Oder zumindest ein Problemchen: Es ist schwierig, sich zu verzeihen, weniger zu schreiben, als man sich vorgenommen hatte. Ich setze mir diesbezüglich häufig hohe Ziele, was an sich eventuell schon ein Fehler ist, und diese dann nicht zu erreichen, enttäuscht mich jedes Mal – unabhängig von den Umständen. Das wiederum wirft auch hier schnell einen Schatten auf eigentlich wundervolle Erlebnisse. Denn nichts dämpft Euphorie so sehr wie ein schlechtes Gewissen.

Doch man muss tiefer schauen als bis auf die Oberfläche, in diesem Fall die de facto geschriebenen Worte. Denn Geschichten entstehen nicht oder nur selten in einem Vakuum. Sie brauchen Futter und Feuer, Lust und Leben, Eindrücke und Einflüsse. Kurz: Sie brauchen Inspiration. Und die bietet das Reisen im Überfluss, sei es konkret, mit Erlebnissen, die man sonst nie gehabt hätte, oder subtil, durch die Stimmung, in denen einen das viele Reisen versetzt. Und auch das ist eine Form der Schreibarbeit, jedenfalls in meinen Augen.

Sicher, wer professionell schreibt, der muss das auch ohne Inspiration und entsprechende Stimmung hinbekommen. Diesbezüglich habe ich ohnehin keine Wahl, schließlich muss der letzte Schliff ins erste Buch und das zweite ist schon gekauft, sollte also bitte auch produziert werden. Da mache ich mir auch eigentlich keine Sorgen; mein Pflichtbewusstsein ist definitiv größer als jeder Reisetaumel.

Vom Touristen zum Kurzzeit-Expat und zurück

Doch nicht nur die Pflicht sollte ja hier drüben zu ihrem Recht kommen, sondern auch die Kür: All jene Geschichten, die ich schreiben möchte, weil mir danach ist, weil ich sie schon immer schreiben wollte, weil ich mich nicht in einem Genre festschreiben will. Und gerade für diese Erzählungen ist die Inspiration der Fremde pures Gold. Denn das erste Mal seit Langem denke ich wieder: Ich habe Ideen! Ich will sie aufschreiben! Einfach nur so! Für mich!

Ganz von selbst wird das allerdings nicht passieren. Der Tag hat nun einmal nur 24 Stunden, die muss man sich schon entsprechend einteilen. Ab jetzt wollen wir aber genau das tun. Es wird Wochen geben, in denen wir viel reisen und ich ganz Tourist sein darf, ohne Gedanken an Arbeit, Schreiben oder die Zukunft. Inspirationsphasen sozusagen, in denen es kein schlechtes Gewissen geben soll und keine Selbstzweifel, in denen alles erlaubt ist was Spaß macht und nicht bloß das, was sinnvoll wäre. Und dann wieder werden wir uns dort, wo es uns besonders gut gefällt, für längere Zeit niederlassen um zu arbeiten und zu schreiben.

Natürlich muss ich auch dabei realistisch bleiben: All das, was so in meinem Kopf rumspukt werde ich ganz sicher nicht zu Papier bringen können. Aber wenn ich mich denn hinsetze und schreibe, dann habe ich meistens einen ziemlich hohen Output, so dass es durchaus möglich scheint, in den kommenden Monaten deutlich mehr festzuhalten, als das bisher der Fall ist.  Denn wie sooft scheint der Kompromiss das Mittel der Wahl: Das Reisen und das Schreiben miteinander zu versöhnen, das wäre wunderbar. So wie hier, in diesem Artikel, in dem beides eine Rolle spielt und nebeneinander steht, nicht ganz gleichberechtigt, aber doch gerecht genug, als das es nicht zum Eklat kommt. Ein guter Anfang.

9 Kommentare

Gib deinen ab →

  1. Gönn es dir, einfach mal das Schreiben etwas hintenanzustellen. Du wirst so viele tolle Eindrücke sammeln auf deiner Reise, wie du selbst ja auch sagst. das füllt den Inspirationspeicher auf für langweilige Zeiten in good old Germany.
    Liebe Grüße,
    Arunika von quarterlife.blog

  2. Ich wünsche dir beides: viele neue Eindrücke durch das Reisen, aber auch die Geduld und Motivation, längere Zeit nur zu schreiben und sich nicht ablenken zu lassen.

    LG in die Ferne, Susanne

  3. Wie man’s macht ist es falsch. Ich hab jetzt endlich mal Gelegenheit zur „Schreibroutine“ und stelle fest: Das ist gar nicht so einfach, weil es mich ganz kribbelig macht.
    Geniess die Inspiration!

  4. Da gibt es diesen Ausdruck „mit etwas schwanger gehen“ und manchmal muss man halt auch „mit etwas schwanger reisen“, bis Ideen reifen und bereit fürs Papier sind.
    Was ich mich gerade gefragt habe, welche Rolle bei dir Laptop und handschriftliche Notizen spielen? Ich merke nämlich, dass mir handschriftliches Schreiben oftmals leichter fällt als tippen.

  5. Nicht‘s ist wie es scheint, es ist immer ein sowohl als auch…und die Inspirationen die du jetzt sammeln darfst, lassen dich ein Leben lang davon zehren 😉 also think positive: Es wird nie wieder eine Schreibkrise mangels Inspiration geben. Du glückliche 😊 herzliche Grüsse

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: