Was im Colca geschah oder: Der tiefe Graben zwischen Realität und Multimedia

Nein, ich bin nicht in der tiefsten Schlucht Perus verschollen, sondern im bolivianischen Internet, beziehungsweise dem Mangel daran. Nun aber, da ich das weltweite Netz in einem australisch geführtem Café doch noch gefunden habe und (vorerst) von keiner Manuskript-Überarbeitung abgelenkt werde, komme ich nun endlich dazu, wie versprochen von meinem Abenteuer im Colca Canyon zu berichten.

Wander-Liste für Anfänger 

  • Am Anfang sind die Wasserflaschen zu schwer, am Ende zu wenig.
  • Es herrscht Uneinigkeit, was schlimmer ist: Bergab oder bergauf. Ich bin für bergab. Mein Partner für bergauf. Kompromiss: Ist beides scheiße.
  • Stundenlange Streckenrecherche ist nur bedingt hilfreich, wenn keine der gesammelten Informationen den Tatsachen entspricht. Angefangen bei der Anzahl der Kilometer. Und ich sage euch, drei Kilometer mehr oder weniger machen eine Menge aus, wenn es permanent bergauf und bergab geht (siehe oben).
  • Die Sonne ist dein Feind. Erst knallt sie die ganze Zeit unbarmherzig auf dich herab und dann geht sie so schnell unter, dass du Angst haben musst, den Rest des Wegs im Dunkeln gehen zu müssen.
  • Zwischendurch erscheint Nudisten-Trekking eine valide Alternative.
  • Beinahe jeder, den man unterwegs trifft (oft passiert das Gott sei Dank nicht), ist 10 Jahre jünger, 10 Kilo leichter und 10 Schattierungen brauner. Und Franzose.
  • Herrenlose Hunde folgen dir so lange, bis sie den nächsten finden, der sie mit Wasser und Snacks versorgt, eine Herangehensweise, die ich mir das nächste Mal als Beispiel nehmen werde.
  • Es ist eine Herausforderung den schmalen Grat zu treffen zwischen dem sinnvollen Hören auf echte körperliche Schwäche und dem obsessiven Nachdenken über all die verschiedenen Schmerzen, die einen gerade quälen. Tut man letzteres zu intensiv, wird man weinerlich und verzweifelt schnell, vergisst man ersteres, fällt man eventuell tot um.
  • Es macht extrem stolz, wenn man sein Vorhaben trotz allem durchzieht und am zweiten Tag NICHT einfach den Bus zurücknimmt. Jedenfalls am Anfang, wenn man losgeht, und am Ende, wenn man ankommt. Dazwischen verflucht man sich aufs Äußerste.
  • Keine Dusche ist so geil wie die, die du nimmst, nachdem du zweieinhalb Tage gewandert bist. Ich habe geweint vor Glück.

Fotos, Videos und die verfluchte Realität

Eine der eher bitteren Erfahrungen dieser ganzen Unternehmung ist die, dass sich das was man mit den eigenen Augen sieht, kaum oder gar nicht mit der Linse einfangen lässt, zumindest nicht ohne entsprechendes Equipment und solides Fotografenwissen. Damit lässt sich dann zumindest ein bisschen tricksen, denn die Wirklichkeit braucht in diesem Fall Lügen um ehrlich zu sein: Der Berg (nicht der einzige übrigens), den wir runter und später wieder rauf gekraxelt sind, sah in echt viel steiler aus als auf dem Foto. Weshalb mein ausgefuchster Partner das Handy einfach leicht ankippte. Mit falschem und doch richtigem Ergebnis.

Auch sonst sind Fotos irgendwie farblos gegen das echte Erlebnis, mal wieder keine besonders clevere Erkenntnis von mir, aber mein Gott, ich bin froh, dass mein Hirn überhaupt noch zum Denken in der Lage ist, nachdem es stundenlang in der Sonne gebrutzelt hat und auf unbefestigten Schotterwegen durchgeschüttelt worden ist. Obwohl also kein Bild so schön ist wie das Leben, hier noch ein paar Schnappschüsse von unterwegs, sonst vergammeln sie ja doch nur auf der Festplatte.

Was mir nun eigentlich hätte klar sein müssen, so als TV-Tussi, ist die Tatsache, dass man sich vorher überlegen sollte, was man filmen will, weil man sonst so lange munter drauf losmacht, wie alles spaßig ist und ausgerechnet dann aufhört, wenn es interessant (lies: anstrengend) wird. Weshalb das hier dargebotene Video nicht das Gefühl der gesamten Wanderung wiedergibt, sondern lediglich das jener Abschnitte, in denen wir fit genug waren, um zur Kamera zu greifen. Aber hey, besser als nix.

Ob es überhaupt möglich gewesen wäre, alle Aspekte dieses Abenteuers angemessen aufzunehmen? Wer weiß. Es dürfte eine ziemliche Herausforderung sein. Auch schöne Fotos kommen ja nur selten per Zufall zustande. In den meisten Fällen stecken gute Planung und akribische Umsetzung hinter besonders atemberaubenden Bildern. Auch treffende Worte übrigens muss man mit Mühe suchen, damit sie die wahren Gefühle und Augenblicke treffend beschreiben, etwas, das ich persönlich mir für Kurzgeschichten aufhebe. Hier im Blog bin ich meist lieber witzig als gefühlig.

Gut, dass es das Unfassbare gibt

Außerdem: Manchmal ist scheint es nahezu angemessen, dass man nicht alles was man will im Handumdrehen einfangen kann. Denn auf eine gewisse Weise ist es nur richtig, dass es auf die Schnelle keine Worte für das Gefühl gibt, dass du hast, wenn du während einer Pause über dir ein Kleinflugzeug zu hören glaubst, hochguckst und dann feststellst, dass das Geräusch kein Flieger verursacht, sondern ein Kondor. Beziehungsweise drei davon.

Und überhaupt: warum sollte man vor die Tür gehen, sollte man sich anstrengen, sich quälen, sollte man reisen, sollte man leben, wenn das Passive genauso gut wäre wie das Aktive? Manche Dinge muss man mit eigenen Augen sehen, mit eigenen Ohren hören, in den eigenen Händen halten. Was nicht heißt, dass es nicht Spaß macht, das zu sehen und zu lesen, was andere erleben. Aber das kann nicht alles sein, nicht für mich jedenfalls.

Deshalb werde ich wieder wandern, auch wenn ich, ganz ehrlich, niemals ein Fan von Trekking werde. Aber die vielen kleinen Augenblicke sind es wert, jene intensiven Momente, in denen du überrascht wirst von der Welt und dir selbst, und die für immer in dir weiterleben werden – auch ohne Fotos, Videos oder Worte.

11 Kommentare

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  1. Toller Bericht, danke. Und bestimmt ein Erlebnis, dass man nicht vergisst.

    • Das stimmt wohl :D Ich bin mal gespannt, wie die gegenteilige Erfahrung wird; ich starte morgen eine dreitägige Tour durch die Salzwüste und weil wir keinen Führerschein mitgenommen haben (saublöder Fehler!) geht das nur organisiert. Ich bin ein wenig skeptisch… :D

  2. Großes, wirklich großes Kompliment für die ehrliche Berichterstattung!!!

  3. Sehr cooool. Aber schaut schon anstrengend aus :) Wie viel Kilometer lauft ihr circa am Tag?

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