Als Großstädter allein im Colca Canyon: Kann das gut gehen?

Der Colca Canyon, um das gleich mal vorwegzunehmen, ist eine der tiefsten Schluchten der Erde und in sechsstündiger Busfahrt von Arequipa aus zu erreichen. Wer immer dort war sagt: Das ist so schön, das kann man nicht auslassen. Und: Mach bloß keine Tour, mach das alleine!

Touristen-Touren im Minutentakt

Das kommt mir an sich sehr entgegen, denn geführte Touren sind eher nicht so meins. Alles geht immer viel zu schnell, auch die Bewertungen im Internet, die bei der Auswahl eines Guides helfen sollen sind am Ende sehr subjektiv und seine Mitreisenden kann man sich meistens auch nicht aussuchen. Außerdem, und das ist der wichtigste Punkt, kann ich mich leider in Gesellschaft fremder Menschen nicht so gut entspannen, selbst wenn sie furchtbar nett und voller Informationen über die Umgebung sind.

An Möglichkeiten herrscht indes kein Mangel; der besagte Canyon ist, wie man so schön sagt, touristisch gut erschlossen (lies: man weiß vor Touristen gar nicht mehr wohin mit sich) und diesbezüglich buchbar ist jedes Paket, das man sich denken kann: Privat und in Riesengruppen, ein Tag, zwei Tage, drei Tage, auf den Pfaden, abseits aller Wege und so weiter und so weiter. Es spricht auch nichts dagegen, sich bequem alles buchen zu lassen und so mitzulaufen, die Kamera im Daueranschlag und im Herzen die Gewissheit, dass es vielleicht etwas gehetzt, teuer oder unentspannt wird, aber eben auf jeden Fall für schlafen und essen gesorgt ist, zwei nicht unerhebliche Faktoren im Leben, ohne geht es nun einmal schlecht.

Touren heißen Sicherheit und das ist erstmal keine verkehrte Sache. Dennoch, nach allem, was ich so über den Canyon gelesen und recherchiert habe, ließ der Gedanke, die Nummer unbetreut durchzuziehen, mich nicht mehr los und so entschlossen mein Partner und ich, dass wir es ganz genauso machen würden: Allein.

Der kleine Schritt des Einen ist der große Sprung des Anderen

Erfahrene Trekker, muntere Wanderer und ständig Weltreisende können nun vielleicht nur müde lächeln, denn atemberaubende Natur ist nicht gleich Wildnis und nur weil man ohne Führung sieben bis zehn Kilometer durch die Gegend spaziert ist man noch lange kein Abenteurer. Ein kurzes googlen und ein schneller Blick auf Instagram zeigen, dass unsere geplante Unternehmung geradezu lächerlich ist, dass nichts Besonderes oder Wagemutiges daran ist, im Gegenteil und dass abertausende Andere viel kühnere Reisen unternehmen. Dass nun wirklich nichts dabei ist, und man auf so kleine Minitrekkereien weiß Gott nicht stolz sein muss.

Ja, das könnte man sagen. Man könnte aber auch sagen: Das Abenteuer beginnt da, wo du die Pfade verlässt, die du kennst. Und das tue ich. Das Maximum an Naturbegegnung war für mich als Großstadtkind schon früher der Bauernhof im Dorf meiner Großmutter und wenn ich heutzutage einmal im Sommer nach Lübbenau paddeln fahre, dann gilt das schon als ausgedehnte Exkursion.

Dieser Mangel an Routine ist jedoch keine Abschreckung, sondern ein weiterer Grund, ganz ohne Hilfe zu wandern. Nicht unvorbereitet (Recherche kann ich und Equipment hab ich), aber ohne Erfahrung: Ein erstes Mal, das neues Licht auf die Welt wirft (also bis zum Einbruch der Dunkelheit, dann war es das im tiefen Canyon, Elektrizität ist da nicht so) und das auch den eigenen Horizont neu beleuchtet. Viele große Kreative raten ja dazu, einfach mal loszugehen und ich verstehe den Reiz, den es hat, einen Fuß vor den anderen zu setzen ohne dass einem dabei jemand das Händchen hält und den Weg komplett vorzeichnet. Was jetzt nicht heißen soll, dass ich querfeldein marschiere, ich bleibe schon da, wo es als sicher gilt, aber ich kann und werde mein eigenes Tempo halten und so machen, wie ich es für richtig halte.

Mutmomente und Angstattacken 

Morgen geht es also los und ich freue mich tierisch. Nach schönen Tagen in der Stadt lockt die grenzenlose Weite der Natur und die Hoffnung, dass durch selbige zu laufen tatsächlich kreativ und einfallsreich macht. Gebrauchen könnte ich das, das kann eigentlich jeder gebrauchen und jeder der schreibt, der braucht es gleich doppelt. Zwischendurch allerdings bekomme ich es dann doch mit furchtsamen Gedanken zu tun: Bin ich nicht viel zu unsportlich für sowas? Komme ich klar mit Rucksack auf dem Rücken? Halten die Kamerakkus? Werde ich im Schlaf erfrieren? Mir beide Beine brechen? Verdursten? Verhungern? Gefressen werden?

Zumindest letzteres ist unwahrscheinlich (einiges andere auch) und wenn man mal ehrlich mit sich ist, dann geht es nicht wirklich ums Überleben, sondern bloß darum, seine Grenzen ein bisschen weiter zu stecken. Dazu gehört übrigens auch eine gewisse Funkstille; mit Internet rechne ich eher weniger. Auch das finde ich gut, denn sich mal ein paar Tage nicht melden zu können, geduldig damit zu warten, seine Erlebnisse zu teilen und sich nicht ablenken zu lassen von Wort und Bild, das scheint mir der Gesamterfahrung eher zuträglich.

Insofern sage ich an dieser Stelle: Auf Wiedersehen, voraussichtlich am Donnerstag. Na ja, in den nächsten 24 Stunden bin ich streng genommen auch noch online, aber das klingt halt nicht halb so cool wie: Ich bin dann mal weg.

6 Kommentare

Gib deinen ab →

  1. Ich wünsche dir viel Spaß auf deiner bzw. eurer Exkursion. Auf deine Bilder bin ich schon sehr gespannt. Ein Abenteuer kann alles werden, dazu muss es nicht gefährlich werden. Abseits des Alltags halt…
    LG, Susanne

  2. Viel Spaß! … und viele tolle Momente! :-)

  3. Das klingt doch nach Abenteuer :)) Viel Spaß im Canyon euch beiden aus Schweden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: