Privates Hörspiel: Warum wir viel mehr vorlesen müssen

Eigentlich mag ich keine Hörbücher. Mir fehlt das eigene Lesetempo, die individuelle Betonung und auch ein bisschen die Gelegenheit, denn wenn ich Kopfhörer aufsetze, dann um Podcasts zu lauschen. Da bleibt die Zeit nicht, mich durch 32 CDs (okay, heutzutage eher durch 4 Mp3s) zu kämpfen. Aber seit ein paar Tagen habe ich eine Art des Hörbuchs entdeckt, die mich ganz und gar verzaubert: Das Vorlesen-Bekommen.

Liebe geht durch die Ohren

Schuld (warum gibt es da eigentlich kein passendes Antonym für?!) an meinem lauschenden Glück sind mein werter Partner und das Foucaultsche Pendel von Umberto Eco. Eine Kombination mit Geschichte.

Denn schon bei unserem ersten Date las er mir die erste Seite dieses Buches vor, ohne Frage ein sehr geschicktes Verführungsmanöver, wenn man eine angehende Autorin von sich überzeugen will. Da mich denn auch tatsächlich eine eher wenig intellektuelle Leidenschaft übermannte, kamen wir über diese erste Seite damals nicht hinaus. Und obwohl wir es uns hernach immer wieder vornahmen, liess Seite zwei auf sich warten. Irgendwas war immer wichtiger, so ist es mit Beziehungen und dem Alltag, vor allem wenn selbiger andauernd in zwei unterschiedlichen Städten stattfindet und man sich kaum sieht.

Unsere Zeit Südamerika soll nun nicht zuletzt eine Auszeit vom Alltag sein, auch davon, diesen dauernd getrennt zu verbringen. Mehr Stunden gemeinsam war und ist eines unserer Ziele hier und nachdem wir viele Abende zwar nebeneinander saßen und lasen, aber dabei dann eben doch nicht richtig zusammen waren, kam meinem Partner der gute Gedanke, man könne doch endlich mal wieder den Eco angehen. Und Kinder, ich sage euch: Es ist ein Traum.

Ausflug in die Kindheit

Apropos Kinder. Hat man welche, dann ist das mit dem Vorlesen wahrscheinlich nichts besonders. Da muss man sich ohnehin stundenlang durch die kleine Raupe Nimmersatt, Pumuckel und Ronja Räubertochter lesen, das weiß ich noch aus der Zeit, in der ich als Au-Pair gearbeitet habe. Allerdings ist man dabei eben in der Regel der aktive Part: Man liest vor, bekommt aber von seinem Fünfjährigen nur höchst selten umgekehrt etwas vorgelesen, schon gar nicht Umberto Eco.

Doch das Lesen und Lauschen ist – zumindest für mich – eine der schönsten Erinnerungen an Früher. Die Gummibärenbande, die Chroniken von Narnia, Cinderella (auf Englisch sogar), die besagte Raupe Nimmersatt: Alles Werke, die ich zunächst einmal nicht selbst verschlang, sondern gemütlich vorverdaut bekam und das jeden Abend, ausnahmslos. Vorlesen war in unserem Haus nicht weniger wichtiger als Essen. In der Regel musste das Papa machen, Papa hatte mehr Geduld, was wichtig war, denn Klein-Myriam wusste ganz genau, welcher Satz auf welchen folgte und beschwerte sich, wann immer eines übersprungen wurde. Nur bei Urmel aus dem Eis musste Mama ran, weil die nämlich all die Stimmen so herrlich nachmachen konnte.

Nicht nur, dass all dieses Vorlesen ganz sicher Mitschuld hat (schon wieder! Wer da ein besseres Wort hat, möge es mir bitte zukommen lassen) an meiner Leseleidenschaft, es erzeugte auch damals schon ein Gefühl der Nähe, des Zusammenseins: Man erlebte gemeinsam Abenteuer, teilte Gefühle und Momente und rückte dabei emotional ein großes Stück zusammen.

Zusammen liest man weniger allein

Genau das passiert auch jetzt wieder. Im Vorlesen entsteht eine gemeinsame Gefühlswelt, eine die tiefer geht als das, was zum Beispiel ein Film erzeugen kann. So schön ist es, die Stimme eines Menschen, den man liebt, etwas erzählen zu hören, was einen fasziniert, dass man selbst dann kaum aufhören mag, wenn einem schon die Augen zufallen und sich das vorgelesene Buch mit dem zu mischen beginnt, das man gerade alleine liest (höchst amüsant in meinem Fall, da ich mich gerade durch die Romane zu Stargate Atlantis arbeite und sich im Halbschlaf die Protagonisten Ecos auf einem Raumschiff der Wraith trafen um dort über Mathematik und DHDs zu diskutieren).

Weil man älter geworden ist, bleibt es nicht bei der reinen Gefühlswelt, auch der Verstand profitiert immens vom Vorlesen. Zunächst einmal ganz konkret, zum Beispiel wenn wir uns gemeinsam an lateinischen Zitaten abmühen (was eingedenk der Tatsache, das wir beide großes Latinum haben eigentlich leicht sein sollte, de facto aber genauso anstrengend ist, wie der Versuch die arabische Schrift zu entziffern) oder über die korrekte Aussprache französischer Namen diskutieren (ich verliere meistens).

Aber es geht noch weiter, nämlich auf die Metaebene, wo wir, beides Kreative, über das Schreiben an sich sprechen, über das, was wir aus den vorgelesenen Worten lernen und verstehen und vielleicht für uns selbst nutzen können. Natürlich geht das auch, wenn man ein Buch nacheinander oder parallel liest. Aber alles ist dichter und näher, wenn man vorliest (oder vorgelesen bekommt; bisher, ich gebe es zu, ist die Sache sehr einseitig, was aber okay ist, weil mein Partner umgekehrt es aus unerfindlichen Gründen unendlich genießt, sich durch Ecos meterlange Sätze zu schlängeln).

Bestimmt werden wir irgendwann tauschen. Vielleicht bald, vielleicht erst beim nächsten Buch (also nicht ganz so bald, Eco ist kein Typ der sich kurz fasst). Aber auf jeden Fall werden wir damit weitermachen – ich hoffe, auch zu Hause.

 

P.S. Ich weiß, dass meine Artikelfotos von mal zu mal weniger als Symbolbild taugen. Aber hey, irgendwo muss ich meine besten Südamerikaschüsse ja präsentieren und ich hänge halt mehr am Blog als an Instagram!

8 Kommentare

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  1. Ich habe mit meinen Kindern auch abends Vorlesestunden gemacht. Zuerst las immer nur ich. Später jedoch wechselten wir uns auch ab. Damit alle zuhören konnten, haben wir oben auf der großen Bühne des Nebenzimmers, in dem mein Ältester schlief, ein kleines Fenster in die Wand geschnitten.
    Ich lese sehr gerne vor, wenn der Text mich anspricht. Bei langweiligen Texten, in der Schule zum Beispiel bei mancher Pflichtlektüre, fange ich immer an zu gähnen. Das ist peinlich, aber ich kann es nicht ändern. Dann öffne ich oft die Fenster und rede von zu wenig Sauerstoff. Aber ich glaube, meine Schülerchen merken sehr schnell was mir gefällt oder eben nicht.

  2. Mich haben die „Harry Potter“-Hörbücher ja fast traumatisiert. Mann, ich habe mich so gefreut, mir die Geschichten vorlesen zu lassen, aber das war nicht mein Ding, obwohl ich Rufus Beck als Schauspieler echt mag. Irgendwie wurde das seither nichts mehr mit Hörbüchern. Ich lese lieber selbst, kann u. mag nicht zig Stunden mit einem Hörbuch verdaddeln (nebenbei hören mag ich’s nicht) und bin auch ein schlimmer Stimmenfetischist. Mit der falschen Stimme ist bei mir alles gelaufen, eine „falsche“ Synchronstimme hat mir schon so manchen Film verleidet. Allerdings mag ich Hörspiele. Ich sage nur: Die Drei ???. Aber nur die alten Folgen. *g* Manchmal bin ich echt eine schlimme Zicke. ^^

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