Gefangen in der Entspannungssperre

Seit fast drei Wochen bin ich nun in Südamerika. Eine Zeit, in der es um die schönen Ding des Lebens gehen sollte, um Entdeckung und Entspannung, Genuss und Neugier und darum, faul zu sein, so lange man will und vollkommen pflichtlos durch den Tag zu treiben. Die Realität sieht anders aus: Schlechtes Gewissen, Panik, Albträume und immer wieder das Gefühl: Ich darf das nicht. Ich darf nicht nichts machen, ich darf nicht lesen statt schreiben, am Pool liegen statt auf die Düne steigen.

Die Zeit heilt alle Wunden?

Nun könnte man hoffen (und ein bisschen tue ich das auch), das sich diese Probleme von selbst erledigen. Nicht umsonst bin ich insgesamt beinahe ein halbes Jahr hier und nicht nur ein paar Wochen. Ich weiß aus Erfahrung, dass ich lange brauche, um in Urlauben anzukommen, nicht selten länger, als sie dauern. Was einer der Gründe ist, warum ich so lange keinen mehr gemacht habe. Warum wegfahren, wenn man sich genauso gestresst fühlt wie zu Hause? So viele Tage wie jetzt (164!!!) habe ich mir allerdings noch nie frei genommen, insofern kann ich schlecht sagen: Das wird nix mit der Entspannung. Mir fehlen eindeutig die Vergleichsmöglichkeiten.

Trotzdem verfestigt sich in mir das Gefühl, dass es vielleicht ein wenig mehr braucht als nur Zeit und guten Willen. Relaxt sein ist harte Arbeit, denn es gibt immer was zu tun, auch hier: Das Manuskript muss überarbeitet werden, der Blog gepflegt, die Kamera gereinigt (wusstet ihr das die Wüste komplett total voller Sand ist?! Mich hat das mehr überrascht, als es dem Image meiner Cleverness zuträglich sein kann …), hier muss ich noch einen Anruf machen, dort eine Mail schreiben und was machen eigentlich mein Bankkonto und meine Post?

Die Macht der Gewohnheit und des Schweinehundes

Das Blöde ist, das alles immer gleich wichtig scheint, nämlich sehr, um nicht zu sagen: Am allerwichtigsten. Wichtiger als zu entspannen, wichtiger als der Genuss, wichtiger als einfach zu sagen: Ich mache mal piano. Aber warum ist das so?

Zum Einen bin ich von Natur aus überpflichtbewusst. Oder von der Prägung meiner Kindheit, über so was streiten sich nicht nur Sozialwissenschaftler gern, wobei es am Ende keinen Unterschied macht ob ich so geboren bin oder so gestaltet. Fakt ist: Etwas nicht zu tun, das ich tun sollte, das ist mir nahezu unmöglich. Wobei ich dazu neige, der Kategorie das sollte ich tun viel mehr zuzuordnen als sein müsste.

Der zweite wichtige Punkt ist meine Selbstständigkeit. So sehr ich es liebe, nicht von einem einzigen Arbeitgeber abhängig zu sein, meine Themen freier wählen zu können als festangestellte Redakteure und nicht zuletzt auch häufig besser zu verdienen, so sehr beeinflusst der Mangel an Jobsicherheit auch meine Perspektive auf die Freizeit. Wer sich allzeit darum kümmern muss, überhaupt Arbeit zu haben, der endet schnell in einer Haltung, die Arbeit über alles stellt.

Es steckt noch ein dritter Faktor hinter meiner Entspannungshemmung: Ich achte prinzipiell nicht gut auf mich. Oder besser gesagt: Nicht mehr. Vor einem halben Jahr war das anders. Da machte ich jeden Tag zu Hause Yoga und einmal die Woche zwei Stunden im Kurs. Ich konnte mühelos zehn Kilometer joggen und fühlte mich dadurch beweglich, fit und vor allem: Deutlich gelassener. Dann kam eine Phase in der ich mir viel Druck machte und aufhörte, mich dergestalt um mich zu kümmern. Stattdessen griff ich zu comfy food und Netflix. Mit zweifelhaften Folgen: Nicht nur, dass ich wieder Rückenschmerzen und einige Kilos mehr drauf habe, mir fehlt auch das Gefühl der inneren Zufriedenheit, das damals ganz von selbst da war.

Bewusst frei machen – auch gegen den eigenen Willen

Womit die Lösung sich recht einfach präsentiert: Zurück zur Wertschätzung des Inneren und Äußeren. Aber, und da liegt der oben angedeutete Hase im Pfeffer, der Mensch ist ein Gewohnheitstier und meine Gewohnheit ist es geworden, mich zu vernachlässigen. Obwohl ich weiß, dass vor allem Yoga mir unendlich gut täte, schaffe ich höchstens mal zwischen Tür und Angel einen Sonnengruß und das auch nur mit Murren.

Nun ist es keine Neuigkeit, dass das was gut tut ist nicht immer auch das ist, was Spaß macht, zumindest zu Beginn. Das Wichtige ist, irgendwann trotzdem den Willen aufzubringen, damit anzufangen, sich selbst gut zu tun. Wie man das macht? Ich werde es jetzt so probieren:

  1. Ehrlich mit mir sein. Es ist illusorisch zu glauben, schon übermorgen könnte ich komplett ausgetauscht sein, mit Freizeitmodus, innerer Ruhe und der Flexibilität eines Schlangenmenschen. Aber ich muss genauso zugeben, dass ich sehr wohl auch genussvoll und entspannt sein kann und es nicht völlig unmöglich ist, sich wieder gelassen zu fühlen.
  2. Vorarbeiten. Ehrlichkeit heißt auch, einzusehen, dass ich nicht einfach den Stift fallen lassen kann. Einfach mittendrin mit aller Arbeit aufzuhören, das ist mir nicht gegeben. Aber was ich tun kann, ist bündeln: Ich kann mir zwei Tage nehmen, in denen ich alle Artikel, die mir so im Kopf herumschwirren aufschreibe und ich kann statt immer ein bisschen einfach einmal konsequent den Rest des Manuskripts durchgehen.
  3. Neue Wege gehen. Mein werter Partner, selbst nicht unbedingt ein Meister der Entspannung, hat mit dem Beginn unserer Reise angefangen, jeden Tag zu meditieren. Und ich muss zugeben: Ich sehe den Effekt. Zwar bricht bei dem Gedanken, mich zwanzig Minuten auf meine Atmung zu konzentrieren, gleich die Panik in mir aus, aber gleichzeitig denke ich: Das ist genau das, was du brauchst. Achtsamkeit und so, ihr kennt den Deal.
  4. Alles wertschätzen. Besser jeden Tag nur einen kleinen Sonnengruß, als alle Jubeljahre mal vier. Das weiß ich intellektuell schon lange, nun muss ich es nur noch verinnerlichen. Und machen. Ja, das wohl leider auch.
  5. Verzeihen üben. Dummerweise mache ich mir aus meiner Unfähigkeit zur Entspannung gleich den nächsten Vorwurf und daraus dann wieder den nächsten: Ich fühle mich schuldig, dass ich mich schuldig fühle. Ein herzlich dämlicher Kreislauf und einer, den ich dringend durchbrechen muss. Und sei es damit, dass ich mir jedes Mal wenn sich solche Gefühle in mir regen sage: Das ist okay. Du darfst auch gestresst sein. Hauptsache, du gibst dich nicht auf.
  6. Mich austricksen. Wenn sonst nichts klappt, klappt bei mir meistens das: Die Idee, gemeinplätzige Behauptungen durch Selbsttest zu überprüfen, quasi im Namen der Wissenschaft. Wenn ich es nicht schaffe, mich und meine innere Ausgeglichenheit ganz von selbst wichtig genug zu nehmen, dann muss ich mir eben ein Ziel setzen, das mir die Sache wert erscheint. Zum Beispiel einen Blog-Artikel über den tatsächlichen Effekt von Yoga und Meditation auf meine Genussfähigkeit.

In diesem Sinne: Ich höre jetzt mal auf zu tippen und gehe meditieren. Ich sag euch dann in vier Wochen mal, wie’s war.

8 Kommentare

Gib deinen ab →

  1. Hallo Myriam!

    Mir geht es wie dir: Ich kann einfach nicht locker lassen, wenn ich für längere Zeit frei habe. Ich habe ständig das Gefühl, etwas vergessen zu haben oder etwas falsches zu tun. Jedesmal wenn die Semesterferien beginnen, brauche ich erst mal 3 bis 4 Wochen und mich an das Nichts-Tun ( zumindest in Bezug auf das Studium) zu gewöhnen. Eigentlich irgendwie komisch. Aber am Ende meiner freien Zeit, werde ich dann auch wieder ganz nervös. Mal schauen wie lange das noch so weitergeht…

    Liebe Grüße & eine tolle Zeit in Südamerika! Ich hoffe du kannst wieder richtig entspannen und genießen!

    • Ja, es ist echt ein bisschen erschreckend, wie wenig großzügig man diesbezüglich mit sich selbst umgeht. Das immer so viel Druck herrscht und so wenig Verständnis für das eigene Bedürfnis nach Faulheit. Mal schauen wie gut ich das hier ändern kann ;)

  2. Hab Nachsicht mit dir – schwierig für Perfektionisten, ich weiß. Blick ab und zu auf das, was du schon geleistet hast. Beobachte einfach die Menschen dort, vielleicht färbt etwas ab. Und Meditation ist natürlich sehr hilfreich.
    Bezeichnend finde ich, dass du Muße als Faulheit bezeichnest, ein sehr negativ besetztes Wort. Faulheit ist, sich hängen zu lassen und Arbeit anderen aufzuhalsen – Muße hingegen ist auftanken für den Geist. Ohne dieses Auftanken entleeren sich die Speicher.

    • Du hast recht, Muße ist ein viel besseres Wort! Und man braucht sie wirklich… aber wie sooft hat es mir schon geholfen, meine Gedanken hier aufzuschreiben, zumal Worte wie deine dann noch zusätzlich helfen! Also vielen Dank!

  3. Mir geht folgendermaßen: ich kann Freizeit wesentlich besser genießen, wenn ich drum herum viel zu tun habe. Die Idee, sich „produktive“ Zeit ganz bewusst in den Tag / die Woche zu legen hilft mir, die „freie“ Zeit dann auch zu genießen. Und befriedigender ist das allemal, als mit schlechtem Gewissen Freizeitaktivitäten nachzugehen oder halbherzig und ineffizient vor meinem Lehrbuch zu sitzen. Dann lieber zwei effiziente Stunden in die Bib und danach mit dem Schwimmbad oder der Radtour belohnen!

    • Ja, das klingt einleuchtend! Oft funktioniert das bei mir auch ganz gut, manchmal aber schwappt dieses Gefühl produktiv sein zu wollen dann leider doch über in die Freizeit. Das kann ich dann leider meist nicht gut stoppen.

  4. Ich erkenne mich in einigem von dem wieder, was du hier schreibst. Eine meiner persönlichen Macken ist es, dass ich Romane erst ab dem Nachmittag oder Abend lesen kann, vorher muss es „irgendwas bringen“ – und wenn es nur ein Buch aus dem Bereich Persönlichkeitsentwicklung ist. Aber lesen, einfach nur so zum Spaß?! Vormittags?! Geht gar nicht. Wahrscheinlich befürchte ich, mit Chips und dem Vormittagsprogramm von RTLII auf der Couch zu enden. ;)

    Dir wünsche ich, dass du deinen inneren Antreiber mal ein bisschen besänftigen kannst. Streu ihm halt Wüstensand in die Augen, gibt ja vor Ort genug davon. ;)

  5. Das mit dem schlechten Gewissen ist eine saudoofe Angewohnheit. Ich konnte sie auch noch nicht ablegen und gehe deshalb in die Verlängerung. Es muss doch verdammt nochmal zu schaffen sein, mit oder ohne Meditation (auch eine meiner Schwachbaustellen).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: