Ich habe heute leider kein Foto von mir

Eines kurz vorweg: Dies wird kein fishing for compliments. Ich bin nicht auf der Suche nach Schmeichelei oder Bestätigung und es soll mir niemand sagen, ich sähe doch wunderbar natürlich aus in meinen ach so menschlichen Momenten. Dies ist keine Slideshow der versteckten Schönheit, sondern eine tragisches Drama! Okay, eher eine urkomische Dokumentation, denn Lachen ist ausdrücklich erlaubt.

Ist fotogen sein Ansichtssache?

Wovon ich rede? Von meinem fehlenden Fotogen. Also nicht dem aktiven, ich schieße, das beweise ich hin und wieder bei Instagram, ganz passable Bilder. Passiv aber sieht die Sache allerdings anders aus, nämlich wahlweise wie eine Kreuzung aus Melone und Struwwelpeter, ein besoffenes Monchichi oder ein latent minderbegabtes Gürteltier. Nun kann ich euch viel erzählen, aber ein Bild sagt mehr als tausend Worte, weshalb drei quasi schon einer Kurzgeschichte entsprechen. Titel: Die Leiden der nicht mehr ganz so jungen Myriam.

Nun könnte man natürlich sagen: Aber Myriam, du hast doch jetzt einfach nur jeweils drei Fotos aus einer Serie rausgesucht, auf denen du irgendwie komisch aussiehst. Da gibt es bestimmt auch Bilder, auf denen alles stimmt. Seid versichert, dem ist nicht so. Klar, ich habe die Höhepunkte beziehungsweise Tiefpunkte ausgewählt, aber das heißt nicht, dass ich auf allen anderen Bildern eine strahlendes Model bin. Bei mir kommt auf sechzig Katastrophen gerade mal ein Foto, mit dem ich ganz okay bin. Sicher, ein wenig liegt das auch im Auge des Betrachters und man selbst ist nicht selten sein größter Kritiker, aber auch nach neutralen Gesichtspunkten fehlt mir auf Fotos meistens das gewisse Etwas. Außer das gewisse Etwas heißt ein Hang zur Lächerlichkeit.

Sein wahres Gesicht zeigen

Nun glaube ich nicht, dass ich schlichtweg unheilbar hässlich bin. Ich lande zwar ganz sicher nie auf dem Cover eines Modemagazins, aber es ist nun auch nicht so, dass kleine Kinder bei meinem Anblick schreiend wegrennen. Der Grund für all diese fragwürdigen Bilder von mir ist ein ganz anderer: Ich verkrampfe vor der Kamera. Fotografiert zu werden ist mir ein Graus, denn all die Unsicherheiten meiner Jugendzeit (in der ich nicht nur vergeblich auf der Suche nach mir selbst, sondern auch sehr stark übergewichtig war) kommen augenblicklich wieder an die Oberfläche, wenn jemand eine Linse auf mich richtet. Sofort möchte ich mich irgendwo verkriechen und das sieht man mir halt auch an. Lockeres Lachen, Leichtigkeit des Augenblicks? Fehlanzeige. Stattdessen ein pseudo-tapferes Lächeln und in den Augen den Ausdruck beginnender Panik.

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Aber warum habe ich mich jetzt entschieden, solche Schnappschüsse offen auszustellen, ja geradezu anzuwerben? Warum lösche ich sie nicht einfach und vergesse, dass sie je existiert haben? Tatsächlich habe ich dafür mehrere Gründe.

  1. Gegen das Instagram-Ideal. Ich bin bei weitem nicht die einzige, die mit den Augen rollt ob der hundertausend Insta-Weibchen, die ihr Leben präsentieren als sei es eine einzige Luxusreise durch die Welt des Schönen und Guten. Persönlich möchte ich dem allerdings nicht nur Schimpfen und Augenrollen entgegensetzen, sondern auch mal eine Art Gegenbild.
  2. Echtsein als Image. Ich habe schon öfter darüber geschrieben, dass ich so meine Probleme mit dem Aufbau und der Unterhaltung eines guten Images habe. In den letzten Wochen und Monaten hat sich dieser Unwillen weiterentwickelt in eine vage Idee: Wenn ich ein Image haben möchte, dann ist es das eines Menschen, der am ehesten daran erkennbar ist, dass er sich nicht glanzvoll auf Perfektion poliert sondern im Gegenteil darauf setzt, mit seinen ehrlichen Schwächen zu punkten. Und dazu gehört auch, sich so zu zeigen, wie man in Wahrheit aussieht, wenn die Kamera Klick macht. Ohne Löschtasten oder Filterfantasien.
  3. Humor gewinnt. Ganz ehrlich? Ich tue das auch, weil ich es schlichtweg witzig finde, wie bescheuert man aussehen kann. Lachen ist schließlich die beste Medizin, auch wenn das Leben bloß daran krankt, dass man nicht besonders fotogen ist.

Aus der Not die Tugend

Natürlich möchte auch ich manchmal ein Foto haben, auf dem ich mich einfach nur schön und cool  finde. Ich denke, das ist menschlich und verzeihlich. Es gibt solche Bilder tatsächlich auch, hinter ihnen steckt dann in der Regel harte Arbeit von meiner Seite und eine Engelsgeduld von Seiten des Fotografierenden. Für den Alltag aber, für die vielen Schnappschüsse unterwegs habe ich mich entschieden, der Realität ins Auge zu sehen. Ich bin nicht cool, ich bin ein Clown. Und ein Clown, der albert herum. So zum Beispiel:

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Oder so:

 

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Elegant ist das nicht. Aber amüsant, zumindest für mich, die ganz gut damit leben kann, sich selbst lächerlich zu machen wenn es einem höherem Zweck dient, in diesem Fall der Unterhaltung. Und ganz ehrlich? Ich bin lieber die Einzige mit Puzzledeckel auf dem Kopf als eine von Hunderten, die nachdenklich im Licht der untergehenden Sonne den Strand entlanggehen, währen der Wind Ihnen zärtlich im Haar spielt. Ein Vorbild werde ich so vielleicht nicht und ganz sicher auch kein Influencer, aber das ist auch ganz gut so. Ich bleibe lieber ohne Einfluss – und dafür ehrlich.

 

19 Kommentare

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  1. Das fehlende Fotogen! Gosh, das kenn ich auch. Und ich habe ein Mittel dagegen gefunden: fotofaule Freunde. Mein Freund knipst nie irgendwas, sodass alle Pärchenausflüge nur aus meiner Perspektive verewigt werden. (Auch meine Exfreunde waren laut der Fotosammlung immer allein unterwegs.) Meine Mutter, meine Schwester – alle ohne den Drang, einen Auslöser zu bedienen. Wenn sie es doch mal versuchen, ist alles so verwackelt, dass meine Hackfresse auch nicht mehr auffällt. Und meine Freunde sind zu cool, um irgendwas zu fotografieren, was nicht instagrammtauglich ist – und da gehör ich halt mal gar nicht zu. Hihi.

  2. So was liebe ich. Wenn das Fotogen fehlt, dann mit Stil. Danke, sehr lustig und gelungen!

  3. Du wirkst auf mich so wohltuend losgelöst – auf eine attraktive Weise.
    Ich selbst habe seit meiner Kindheit einen Brass aufs fotografiert Werden und gucke stets wie ein Donnerkater. Aber manchmal erwischt mich die Kamera unbemerkt in einem glücklichen Moment. dann erkenn ich mich auch wieder.

  4. Ich finde mich in dem Bericht total wieder. Was da glaube ich auch mit reinspielt, ist, dass du dich – so lese ich es heraus und so geht es mir selbst – lieber auf der anderen Seite der Kamera widerfindest. Ich frage mich aber manchmal auch, warum denn in jedem Urlaub tausend Erinnerungsbilder gemacht werden müssen, wie die von dir beschriebenen :D
    Ich plädiere für weniger Bilder!^^

  5. Ach, herrlich! Vielleicht können wir ja eine Stiftung für Fotogen-Intolerante gründen, wo jedes Mitglied einen Puzzle-Deckel zum Einstieg bekommt. Und mal ehrlich: Ist es nicht auch eine Kunst auf jedem Foto verstörend seltsam zu wirken? Alleine nach dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit müsste man ja irgendwann einmal ein Modelgesicht verzeichnen – aber Fehlanzeige!

  6. Liebe Myriam,
    erstmal vorweg, Du siehst wunderbar aus. Warum? Weil man auf Fotos Dich sehen kann, nicht irgendwas gestelltes. Und das macht Fotos toll. Manchmal scheint das vergessen zu werden in unserer heutigen, digitalen Welt und die Medien und Möchtegernpromis tun ihr übriges, um einen einfach nur kranken Schönheitsstandard durchzusetzen, bei dem 99% der Menschheit auf der Strecke bleibe, und auch die Rolle der Frau als reines (jederzeit austauschbares) Dekoobjekt und immer mehr forciert wird. Wenn Du mal eine ruhige Minute hast, google mal nach Celeste Barber auf Instagram. Sie ist der Wahnsinn. Sie nimmt genau diese Art von Mensch auf Instagram aufs Korn und das mit einem Witz und einem Selbsthumor, den nur ein Mensch machen kann, der ein realistisches Selbstbild besitzt und zufrieden ist mit sich selbst. Es ist einfach nur klasse. Nicht, dass etwas an Instagramschönheiten auszusetzen wäre. Ganz im Gegenteil, eine Frau soll sein können, was sie möchte. Es wäre nur schön, wenn jungen Mädchen mehr vermittelt werden würde, dass es nicht das schöne Äußere ist, was das einzig wahre erstrebenswerte ist.
    Deswegen liebe Myriam, ist Dein Post einfach klasse und Du siehst wunderbar aus. Die wahre Schönheit strahlt nunmal von innen und das tut sie in Fotos, die nicht extrem gestellt sind.
    Ganz liebe Grüße
    Grit

    • Liebe Grit,

      vielen Dank für deine inspirierenden und klugen Worte! Und die vielen Komplimente :) Ich wünschte, es würden sich mehr Leute (und vor allem Frauen) als Berühmtheiten durchsetzen, die von der Norm abweichen, ich erinnere mich. Wie schwer es als junges Mädchen war, entsprechende Vorbilder zu finden. Celeste Barber ist da wirklich toll!

  7. Vor allem das letzte Bild ist wunderbar. Mag ich sehr. <3 Und sonst… nun ja… Schwester im Geiste halt. Ich hasse die Kamera und sie hasst mich und demzufolge verkrampfe ich und das sieht dann auch so aus. Erschwerend kommt hinzu, dass ich mein Foto-Schicksal in meiner "so hässlich bin ich doch gar nicht, es muss doch mal ein gescheites Foto von mir geben?!"-Phase in die falschen Hände gelegt habe. Es gibt Menschen, die können einfach nicht fotografieren. Die Kamera draufhalten, ja, das können sie. Aber sie haben kein Auge für nichts und dem verdanke ich die schlimmsten Fotos meines Leben und das hat mich, da ich ja nun eh schon mit einer sehr absurden Selbstwahrnehmung zu kämpfen hatte, dann tatsächlich kurzfristig in eine "ich bin so hässlich"-Krise gestürzt. Das klingt blöd und kindisch, ist aber leider tatsächlich wahr. Seither schütze ich mich selbst, indem ich Fotolegasthenikern verbiete, auch nur die Kamera auf mich zu richten. Die Bilder, die ein "richtiger" Fotograf macht, sind da weitaus besser und demzufolge plane ich… ähem… (also es steht auf der To-do-Liste weit unten), irgendwann mal wieder ein "richtiges" Foto von mir machen zu lassen. Wat'n Glück, dass ich auf Instagram etc. ohnehin nicht dazu neige, die Welt mit Bildern von mir fluten zu wollen. Ich frage mich ja oft genug, warum ich der Meinung bin, meine Texte unters Volk bringen zu müssen, aber nun noch Bilder? Nö.

    Dir danke ich für diesen ehrlichen Post. Sehr sympathisch, mal wieder. ;))

    P.S: Celeste Barber ist wirklich genial. ;)

    • Oh ja, das stimmt, in den falschen Händen ist so eine Kamera ein Mordinstrument – und sei es nur, weil man ihren Träger im Nachhinein gern erwürgen würde :D theoretisch habe ich mit meinem Freund einen ziemlich guten Fotografen in der Hand (der hat’s sogar gelernt), aber irgendwie findet der halt immer, dass ich doch toll aussähe, wenn ich wieder finde, dass ein Foto hässlich ist, deshalb nützt es leider nix, dass er ach so toll kadrieren kann… ;)

  8. Liebe Myriam
    Wie wundervoll, authentisch und witzig auf eine herzliche Art zugleich- genau das ist es! Einfach echt und einfach Du, dass gefällt mir sehr und ja wir dürfen definitiv öfters so sein.
    Danke für diesen tollen Beitrag💖
    Liebe Grüsse, Graziella

  9. Fotogen flop (obwohl …die Bilder sind niedlich…)- Schreibgen top. Womöglich hängt das sogar zusammen? Erstklassiger Humor gründet ja oft auf „leidvollen“ Erfahrungen. ;-)

    • Selbst wenn es nicht so sein sollte: ab jetzt kann ich mir selbst gegenüber so tun als ob. Ganz nach dem Motto: Gott sei dank siehst du wieder so Banane aus, das spricht dafür, dass du noch immer schreiben kannst 😄😄😄

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