Wenn schreiben keinen Spaß mehr macht

Ich schwärme ja gerne und ausführlich von meiner Berufung zur Schriftstellerin, von dem hohen Stellenwert, den das Schreiben für mich hat und von der Tatsache, dass ich ohne gar nicht leben wollen würde. Das entspricht auch der Wahrheit, normalerweise jedenfalls. Momentan allerdings würde ich lieber auf Betonmischer oder Bonsai-Gärtner umschulen. Denn jeden Morgen öffne ich den Laptop und jeden Morgen möchte ich erst einmal eine Runde in die Tastatur kotzen. Geht aber leider nicht, ich brauche sie noch und zwar leider genau jetzt, wo ich absolut keine Lust auf Worte, Buchstaben und Satzbauten habe.

Lektorat: Himmel oder Hölle?

Der aufmerksame Leser wird vielleicht vage erinnern, dass ich momentan an der finalen Überarbeitung meines Erstlings sitze, genauer am Verlagslektorat. Eben dort vermutete ich denn auch spontan den Ursprung meiner Unlust: In den Zuckungen einer fremden Hand, die gefühlt ganz ohne Gnade durch mein Manuskript streicht. Ich gestattete mir also eine ausgemachte Krise (wann wenn nicht jetzt?!), mit leise schluchzenden Tränen, laut tobenden Ausrufen und dem dringenden Gefühl, eine völlig missverstandene kleine Drama-Queen zu sein.

Weil aber selbst Fräulein Theatralik weiß, dass kreative Verfluchungen schön aber auch schwachsinnig sind, wandte ich mich schließlich (immer noch recht dramatisch drauf) an meinen Freundeskreis, der in diesem Fall nicht nur vom Fach, sondern auch von Natur aus erschreckend smart ist. Die betreffende Retterin meiner zarten Schreiberseele erlaubt mir netterweise das Zitieren, was ich sehr zu schätzen weiß, denn wenn etwas an die Welt gehört, dann diese ihre klugen Worte:

An jedem Satz hängt eine Idee, eine Message und Herzblut. Doch was der Autor erzählt und was beim Leser ankommt, ist nicht dasselbe. (Sender, Empfänger, you know.) Der Lektor überwacht quasi die Übertragung, damit so viel wie möglich die Empfängerseite erreicht. Dafür ist es manchmal nötig, die Nebengeräusche und Autoreneitelkeiten zu eliminieren, um die kunstvolle Nachricht freizulegen.

Ich begriff das, ich verinnerlichte das und ich erkannte: Stimmt eigentlich, das Lektorat macht meine Sache besser, nicht schlechter. Gewiss, des Pudels Kern entdeckt zu haben, wollte ich nun endlich munter losmachen, voller Elan und planvollem Besserungswillen – und scheiterte immer noch.

Die Muss-Allergie

Ja klar, ich kam und komme voran, allerdings, und das ist für mich neu, nur unter großen Qualen. Mich überhaupt erst aufzuraffen, an meinem Manuskript zu arbeiten, kostet unsäglich viel Kraft und Mühe und wenn ich dann dabei bin, kommt kein flow, keine Leichtigkeit, kein Vergnügen. Da kommt immer nur der nächste schmerzhafte Satz. Das Gefühl, dass das Schreiben das schönste der Welt sei, das ist soweit weg wie der Mond.

Ich habe mehrere Theorien warum das so ist; weil es sehr lange her ist, dass ich den Text geschrieben habe und ein Teil von mir sich schon lange davon verabschiedet und weiterentwickelt hat, weil ich mich eigentlich gern mal hängenlassen und gar nichts tun würde, weil ich immer noch andauernd einfach nur müde bin, weil ich viel mehr Lust hätte, hier in Südamerika etwas ganz Neues zu erfinden, eine neue Welt, eine neue Geschichte. Aber der entscheidende Punkt ist, denke ich, ein anderer: Ich hasse es, wenn ich etwas tun muss.

Wie in so vielen Dingen bin ich da ein wenig zwiespältig. Auf der einen Seite arbeite ich besser mit einer Deadline, auf der anderen Seite werde ich bockig, wenn ich das Gefühl habe, ich hätte keine Wahl. Ich weiß nicht wann welche Seite überwiegt (falls es da ein System gibt, habe ich es leider noch nicht erkannt), aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass in dieser Sache der zweite Wesensteil den Ton angibt: Es macht mich wahnsinnig, dass ich mir nicht aussuchen kann wann und wie ich mein Manuskript überarbeite, sondern das ich es jetzt tun muss und zwar dalli.

Schreiben gegen den inneren Widerstand

Es wäre ein wenig übertrieben an dieser Stelle von einer ausgemachten Schreibblockade zu sprechen. Schließlich gelingt es mir relativ regelmäßig mich trotz aller Widerstände hinzusetzen und zu arbeiten, wenn auch nur unter Flüchen. Aber der Wunsch, das alles möge wieder leicht und angenehm von der Hand gehen, der bleibt. Dass sich dieser in nächster Zeit erfüllt ist erst einmal unwahrscheinlich, ich glaube leider nicht an Wunder und auch nicht daran, dass Dinge einfach von selbst besser werden. Da müsste ich schon selbst was tun und dazu bin ich leider zu weinerlich, jedenfalls im Augenblick. Aber es gibt immerhin ein paar kleine Dinge, die mir unterdessen weiterhelfen, an meiner Lustlosigkeit nicht völlig zu verzweifeln.

  • Mehr Reden. Hilft eigentlich immer. Vornehmlich mit Menschen, die wissen, wie sich so etwas anfühlt oder es sich wenigstens bildreich vorstellen können. Ein bisschen rumjammern und getröstet werden hilft immens.
  • Weniger hadern. Normalerweise arbeite ich sehr systematisch, also in der Regel von vorn nach hinten (oder von hinten nach vorn, wegen der Timecodes, Mit-Redakteure werden wissen wovon ich rede). Dabei löse ich jedes sich auftuende Problem möglichst sofort. Diesmal erlaube ich mir allerdings, die eine oder andere schwierige Stelle zu überspringen, beziehungsweise auf später zu verschieben. Denn ich will lieber einmal ganz groß leiden, als jeden Tag ein kleines bisschen.
  • Kleiner denken. Überhaupt: Einfach mal ein bisschen runterregeln, die vermaledeiten eigenen Ansprüche. Wollte ich zu Beginn gerne dreißig Seiten am Tag machen, mindestens, setzte ich mir jetzt gar keine nummerierten Ziele mehr. Hauptsache ist doch, dass ich am Ende fertig (und hoffentlich zufrieden)bin. Man muss nicht immer alles ultimativ schnell machen. Erstmal ist es gut, die Dinge überhaupt zu machen.
  • Größer träumen. Während ich mich derart quäle, träume ich zwischendurch von einer Zeit im November, in der das alles zu Ende ist. So wird die furchteinflößende Deadline zugleich zur Schwelle der Erlösung. Schizophren, aber hilfreich.
  • Pisco trinken. Hilft nicht nur bei einer Schreibschwäche, sondern auch bei Schüchternheit, Kopfweh, Sprachbarrieren, Hunger, Müdigkeit, Sonnenbrand, Hoffnungslosigkeit und hundert Dingen mehr. Danke Peru, für den Pisco!

Etwa drei Wochen lang wird es zwangsläufig so weiter gehen mit mir, dem Manuskript und der Unlust am Schreiben, und in diesen Wochen werde ich auch hier in der Blog-Welt deutlich inaktiver sein, so wie schon in den letzten Tagen. Denn leider brauche ich meine Worte gerade dringend woanders. Wie es danach aussieht werden wir sehen. Ich hoffe in jedem Fall, dass ich es schaffen werde, wieder Lust darauf zu haben, vor dem Bildschirm zu sitzen und zu schreiben. Schließlich muss ich in den kommenden Monaten noch ein zweites Buch fabrizieren. Und weil ich wie gesagt gerade arg schwächle in meiner Schreibkunst, schließe ich diesen Artikel nicht mit einem ausgesucht schönen Satz, sondern mit einer abgewrackten journalistischen Phrase: Wie sich das alles noch entwickeln wird, bleibt abzuwarten.

27 Kommentare

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  1. Oh, wie ich deinen Artikel im Moment nachvollziehen kann …

    Ich stecke ja auch im Verlagslektorat und auch bei mir ist der zugrunde liegende Romanentwurf eigentlich schon sehr alt. Damit hat er sich gesetzt und es fühlt sich wirklich nicht sehr nett an, wenn dann an einigen Stellen Anmerkungen stehen, bei denen ich geneigt bin, in Spock-Manier eine Augenbraue hochzuziehen.

    Und ansonsten merke ich, dass mein (welches!?) Zeitmanagement überhaupt nicht funktioniert. Hier ein wenig schreiben, da ein wenig überarbeiten, ach, bloggen wollte ich auch noch. Und dann stellen auch das reale Leben und damit Job und Familie ihre Anforderungen.

    Ich drück dir dir Daumen, dass du mit deinen „Tricks“ gut klar kommst und die schwierige Zeit meisterst!

    • Vielen Dank fürs Mut machen – tut gut zu hören, dass ich mit meinen Schwierigkeiten nicht alleine bin 😄

      An die mir ebenfalls vertraute zuckende Augenbraue habe ich mich sogar ein bisschen gewöhnt, meistens stelle ich auch fest, dass sie (sehr Spock-untypisch) überreagiert. Was mich fertig macht ist der Schneeballeffekt: Du änderst einen Halbsatz auf Seite 3 und musst in dann 27 andere Sätze anpassen, die sich gepflegt über das ganze Manuskript verteilen.

      Seufz.
      😏

      • Oh ja, der Schneeballeffekt, wo sich dann herausstellen muss, wie gut man sich in seinem Manuskript eigentlich wirklich auskennt.

        Aber irgendwie finde ich ihn auch ganz angenehm, denn er hat noch am meisten Ähnlichkeit zum „richtigen“ Schreiben.

      • Das geht mir tatsächlich gar nicht so, ich habe dabei das Gefühl ich mache aus einem aufwendig gewobenem Stoff plötzlich einen Flickenteppich :)

      • Das kommt sicherlich darauf an, wie tiefgreifend die Veränderungen sind. Bei mir lag die größte Änderung, der komplette Wechsel der Erzählperspektive, ja direkt am Anfang. Vielleicht schockt mich deswegen alles, was danach kommt, einfach nicht mehr so.

      • Ja okay, das ist natürlich auch wirklich eine Änderung, die gegen alles abhärtet – aber du bist ja in guter Gesellschaft; Sebastian Fitzek hat soweit ich weiß auf Rat seines Agent bei seinem Erstling auch die Perspektive komplett geändertert. Und das war ja dann nun wirklich von Erfolg gekrönt ;)

      • Es war vor allem in gewisser Weise eine gute Schule zu Beginn meines ersten Verlagslektorats. Die Verlegerin hat mir klipp und klar gesagt, dass aus ihrer Sicht der Roman nur so und nicht anders Sinn für sie macht. Klar hat das was von „friss oder stirb“, aber nachdem ich ungefähr zu einem Viertel durch war mit den Änderungen stellte ich fest, dass die Frau aber mal sowas von Recht gehabt hat.

        Das macht es leichter, jetzt mit den kleineren Änderungen zu leben.

        Das mit Fitzek wusste ich nicht, kann ich mir bei dem Roman aber gut vorstellen. Wobei mir ja schon ein Zehntel des Erfolges ausreichen würde. Wir wollen mal nicht unbescheiden werden ;-) .

  2. Ich kenne das, was du da schreibst. Ich liebe schreiben, normalerweise ist es wie die Luft zum Atmen, ich brauche es einfach, aber seit dem Sommer ist es irgendwie so gar nicht mehr da. Hin und wieder schreibe ich an einer Idee, habe dann auch Spaß , aber der Flow, den ich kenne, den du auch beschreibst, der will nicht auftauchen. Ich schreibe zum Glück nicht, weil es es muss, sondern einfach, weil es ein Hobby ist, aber trotzdem definiere ich mich irgendwie darüber. Im Freundeskreis bin ich die, die die Geschichten schreibt und an einem Tag mal locker 10K hinbekommt, wenn sie nur Lust dazu hat. Davon bin ich momentan mehr als nur Lichtjahre entfernt und am Anfang hat es mich nervös gemacht, ich hatte das Gefühl, ich müsste unbedingt schreiben, weil es doch ein Teil von mir ist.
    Irgendwann kam aber die Erkenntnis „Hey, du MUSST gar nichts.“ Dann ging es. Manchmal sitze ich immer noch da und denke mir, wieso ist dieses Gefühl weg, dieses Gefühl, das Schreiben meine große Liebe ist, meine Lebensessenz und meine Therapie? Ich weiß es nicht. Vielleicht kommt es irgendwann wieder.

    Eigentlich will ich dir damit nur sagen, dass du mit diesem Gefühl nicht alleine bist, ich kenne das auch :D

    • Das ist lieb von dir, zu wissen, dass man nicht alleine ist hilft tatsächlich sehr!

      Ich bin sich sicher, dass diese Gefühle zurückkommen können und werden … ohne das Vertrauen darauf könnte ich glaube ich nicht weitermachen 😊

  3. Ooooh, ich verstehe dich so gut.
    Okay, ich hatte noch nie mit Verlagslektorat oder Ähnlichem zutun, aber diese Unlust an etwas, das eigentlich die eigene große Leidenschaft ist, kenne ich trotzdem. Mir geht es zur Zeit ganz ähnlich – Ich schaue mir Geschichten an, die ich vor einigen Wochen noch voller Inbrunst überarbeitet und beinahe täglich mit neuen Ideen gefüllt habe und denke mir jetzt: Was zur Hölle hast du da fabriziert? Hör lieber gleich auf, bringt eh nichts mehr!
    Beim Blog übrigens ein ähnliches Drama.

    Aber vielleicht bringt der Herbst ja mit seiner kuscheligen Stimmung etwas Abhilfe? :) Weiß ja nicht wie es dir geht, aber ich schreibe in den kühlen Jahreszeiten um einiges mehr und mit größerer Freude als im Sommer.
    Alsoooo: Gib nicht auf!!! :)

    Liebe Grüße und ganz viel Kraft für dich!

    • Du und Myriam, ihr sprecht mir gerade so aus der Seele!
      Vor allem geht es mir ähnlich wie dir, was die Unlust die Krittelei an der eigenen Arbeit angeht, die einem das Schreiben madig macht. Im ersten Moment ist mal voll und ganz begeistert und manchmal nur ein paar Tage später fragt man sich, was für einen Mist man da verzapft hat.

      Es ist echt schwierig, sich von (konstruktiver) Kritik zu distanzieren, egal ob sie von anderen oder einem selbst kommt und das ganze mit dem nötigen Maß an Rationalität zu betrachten. Da steckt man gerne mal den Kopf in den Sand und verkriecht sich.

      Ich hoffe aber auch, dass der Herbst dieses Jahr wieder seine magischen Kräfte wirken lässt. Dann bin ich nämlich auch produktiver. ;)

      • Ich glaube wirklich leicht wird es nie sein, Kritik anzunehmen, sei es die eigene oder die von Außen, aber ich hoffe und denke, dass man sich auch daran gewöhnen kann, wie eigentlich an alles 😊

    • Liebe Tara, ich merke, wir sind viele 😄 das ist toll!

      Herbst und Winter lasse ich dieses Jahr allerdings aus, ich reise bis April durch Südamerika 😊 insofern muss ich mich mit Schreiben in der Sonne arrangieren, aber das ist auch für mich selten das Problem, ich mag es warm!

      Vielen Dank für deine lieben Wünsche!

      • Ja, es ist immer sehr beruhigend zu hören, dass es einem nicht allein so geht :D
        Ach toll, na dann kannst du dich ja vom warmen Klima und dem Reisefieber inspirieren lassen 😊 Viel Spaß!!

  4. Ich fühle mit dir. Sitze hier nun nicht an der Überarbeitung eines Romans, aber mir kommt einiges aus deinem Post sehr, sehr vertraut vor. Und jetzt hätte ich bitte gerne auch etwas Pisco (auch wenn ich nur vermuten kann, worum es sich dabei handelt). ;))

    Ich drück die Daumen, dass die Drama Queen „weggeflowt“ wird.

  5. Sitze gerade an der Durchsicht meines „Erstlings“ und habe schon einige Symptome aus deinem Beitrag wiedererkannt.😥

    Halte durch und freue dich auf das Gefühl, etwas fertig gestellt zu haben. Das hilft mir bisher ganz gut.

    Liebe Grüße

  6. Kopf hoch, das wird schon wieder. Ich sitze auch grad an der Überarbeitung meines ersten Romans und kenne das Gefühl. Ich habe zwar keinen Lektor, aber den Druck mach ich mir selbst. Na ja, und diese riesigen Ansprüche an mich selbst… Lass los und die Lust wird zurückkommen.

  7. Ich möchte ja keine Spaßbremse sein… aber für den Beton gibt es Maschinen. 😉 Also schön weiterschreiben. Ich kann mir gut vorstellen, dass Korrektur und Lektorat nicht viel Spaß machen. Da kommt einer mit Blick von außen und auf Verkaufzahlen, Zielgruppen, Verlagsprogramm usw. und „nörgelt“ an etwas herum, in das man so viel von sich hineingelegt hat. Aber was wäre denn die Alternative? Den Roman in der Schublade liegen lassen?

  8. Mir ging es einfach genau so beim Lektorat für mein Buch! Kann das so nachempfinden.
    :) Liebe Grüße,
    Arunika

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