Lieber peruanisch: Warum es Zeit wird, sich mehr Zeit zu nehmen

Die Peruaner, selbst hier in der Hauptstadt, gehen den Bürgersteig überaus gemütlich entlang, man könnte auch sagen: Langsam. Wobei diese Langsamkeit nicht mit einer grundsätzlichen Lahmarschigkeit verwechselt werden sollte, dazu ist der ganze Habitus des Gehens in diesen Breitengraden viel zu genüsslich: Die Damen und Herren hier machen schlichtweg sehr gelassene Schritte und verfallen nicht in übermäßige Eile (außer bei der Straßenüberquerung tritt ein Busfahrer mal wieder aufs Gas statt auf die Bremse). Und das gilt nicht nur für Teenager nach Schulschuss oder tiefenentspannte Rentner: Nur ein paar Minuten von unserem Apartment entfernt liegt die gefühlte Wall Street von Lima und sogar dort herrscht allüberall ein wohl überlegter Schlendrian.

Uns ist das aufgefallen, weil wir anfangs auf der Straße ständig alle überholt haben, was nun nicht nur daran liegen konnte, dass mein werter Reise- und Lebenspartner im Schnitt viel längere Beine hat als die eher klein gewachsenen Peruaner. Nein, vielmehr hatten wir schon aus reiner Gewohnheit einen schwindelerregenden Stechschritt drauf, eine zackige Gangart, die ganz klar ziel- und nicht erlebnisgesteuert war. Ich sage war und meine ist, denn noch immer erwischen wir uns regelmäßig dabei, wie Ratten auf Speed durch die (auffallend sauberen) Straßen zu zischen.

Ein Lob der Langsamkeit

Passiert das, dann sagen wir neuerdings: Lass mal lieber peruanisch machen. Und meinen damit nichts anderes als: lass uns mal entspannen, mal relaxter sein, mal nicht so durch die Gegend und das Leben hetzen. Googelt man „typisch peruanisch“ bekommt man natürlich eher andere Ergebnisse als „gemütlich gehen“ und wahrscheinlich werde auch ich in den nächsten Wochen noch viele neue Dinge entdecken, die in diesem Land immer wiederkehren. Ein paar Kandidaten hätte ich schon und ja, ich werde sie an dieser Stelle aufzählen, weil es nämlich gerade gut passt, beim ersten Mal dann doch irgendwie schön war und mich eh keiner dran hindern kann:

  • Wachteleier sind Quengelware
  • Das Klemmbrett ist eines der wichtigsten Utensilien im peruanischen Alltag und wird grundsätzlich mit großer Gewichtigkeit durch die Stadt getragen. Außer der Inhaber sitzt und ist kurz eingeschlafen.
  • Es gibt genauso viele Baustellen wie in Deutschland, aber viermal so viele Menschen, die darauf auch arbeiten
  • Die einzigen Zeichen eines gewissen Bio-Trends ist das Quinoa-Suppen-Frühstück vom Stand an der Straßenecke
  • Zigaretten und Tabletten kann man beinahe überall einzeln kaufen, allerdings nicht immer auch in einer Packung
  • Was dem Berliner sein Coffee-to-go-Becher ist dem Bürger von Lima seine Plastiktüte. Auch besagter Coffee-to-go-Becher wird hier in einer Plastiktüte gereicht. In gehobenen Läden ist diese allerdings aus Papier.
  • Was an Gehgeschwindkeit fehlt, machen alle mit ihrer Redegeschwindkeit wett

Und damit kommen wir zurück zur Langsamkeit: Bisher ist es mir wie gesagt noch nicht so recht gelungen, die gemütlich-genüßliche Haltung wirklich zu verinnerlichen. Dabei hat sie so viel Gutes und Richtiges. Wer sich nicht abhetzt, kann viel mehr mitnehmen: Seine Umwelt, die eigenen Gefühle, das was war und das was kommt, eigentlich das ganze Leben. Weniger Stress, mehr Genuss ist eine Maxime, die ich von Herzen gerne unterschreiben würde.

Wer Zeit hat, hat plötzlich keine Zeit mehr

Eigentlich sollte es mir auch ein Leichtes sein, einen Gang zurück zu schalten. Schließlich habe ich viel weniger zu tun als in Deutschland. Klar, ich muss in den nächsten vier Wochen die finale Überarbeitung meines Buches abschließen und mir auch schon ein paar Gedanken über das nächste machen, aber abgesehen davon habe ich – anders als noch zu Hause – den ganzen Tag frei. Und das führt paradoxerweise dazu, dass ich zu absolut gar nichts mehr komme.

Dabei hatte ich mir vor der Abreise farbenfroh ausgemalt, wie schön das alles sein würde: Endlich ganz in Ruhe andere Blogs lesen und meinen eigenen schreiben, endlich mal wieder ganz viel Zeit zu Zweit genießen, ganz geruhsam das wildfremde Leben in Südamerika erforschen und zwischendurch lesen, lesen, lesen. Jetzt aber stelle ich fest, dass es, kaum bin ich aufgestanden, schon Schlafenszeit ist. Woran das liegt, das weiß ich ehrlicherweise auch nicht genau. Obwohl ich schon immer argwöhnt habe, dass man umso mehr schafft, je mehr man zu tun hat, habe ich keine Ahnung, warum das so ist.

Nun kann es unabhängig davon nicht die Lösung sein, meinen Tag wieder so voll zu stopfen wie daheim. Denn ich will ehrlich sein: Daheim stand ich kurz vor dem Exitus. Mit einer inneren Batterieladung die nie über den 10%-Strich geht, lässt es sich eben nur sehr schwer leben, von angenehm leben ganz zu Schweigen. Eine Tatsache, die übrigens ganz sicher nicht nur mich betrifft. In einer Welt in der wir nicht zuletzt durch unsere Doppelexistenz als Echtleben/Onlinewesen leicht in ein ungewolltes höher-schneller-weiter-bunter rutschen, müssen wir aufpassen, nicht jede Minute des Tages zu verlieren, ohne sie überhaupt wahrzunehmen. Für mich jedenfalls ist klar: Ich muss dringend raus aus dem Schleudergang.

Abwarten und Inca Kola trinken

Natürlich könnte ich jetzt zwanzig Schritte planen, durch die ich endlich entspannter, gemütlicher und langsamer leben könnte. Aber irgendwie glaube ich, dass das nicht funktionieren wird, weil schon der Grundgedanke eines zwingenden Plans ja der Sache selbst widerspricht. Langsam machen indem man ein Änderungs-Schnellverfahren einläutet, das scheint mir dann doch ein wenig zu widersinnig.

Nein, ich möchte lieber glauben, dass sich die gewünschte Gemütlichkeit in den nächsten Wochen und Monaten fernab vom gewohnten Alltag einfach von ganz allein ergibt und dass momentan das einzige Problem die Tatsache ist, das so etwas eben dauert. Sonst wäre man ja auch nach zwei Tagen Urlaub schon vollkommen erholt und ich glaube mir wird keiner widersprechen wenn ich sage: Dem ist nicht so.

Vielleicht ist der Schlüssel zu einem langsameren Leben also ganz einfach Geduld. Das klingt irgendwie richtig und fühlt sich zudem an an wie poetische Gerechtigkeit, was ich sehr gut finde, wie eigentlich alles, wo Poesie drin vorkommt. Und bis mein Inneres zur Ruhe kommt, machen zumindest meine Füße schon mal ein wenig peruanisch. Schaden kann es ganz sicher nicht.

4 Kommentare

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  1. Diese Tempo-Sache und wie ich ihr verfallen bin, ist mir auch schon aufgefallen. Und ich glaube, das Tempo von Berlin ist besonders hoch und wehe da bleiben mal ein paar Ortsfremde auf derÜberholspur der Rolltreppe stehen… Auch ich kenne das Gefühl, nur viel zu schaffen, wenn ich richtig viel zu tun habe. Sonst zerrinnt mir der Tag zwischen den Fingern und am Ende frage ich mich, wo die Woche hin ist. Solange der neue Alltag noch nicht Alltag ist, bleibt da vielleicht dieses hektische Freizeit-/Urlaubsgefühl, aus dieser wertvollen Zeit das meiste rausholen zu wollen. Wenn das vergangen ist, wird es besser. Bestimmt.

  2. Ich glaube, so schnell kann man sich einfach nicht runterbremsen. Positiv ist doch schon mal, dass ihr euch diese langsamere Gangart angewöhnen wollt und sie nicht genervt als „lahmarschig“abtut.

    Also: Gut Ding will Weile haben…sogar der gemütliche Gang. ;)

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