Eigentlich alles wie immer. Nur bunter. Und lauter.

Nun bin ich gut vierundzwanzig Stunden am anderen Ende der Welt und muss sagen: Ich fühle mich nicht anders als vorher. Das sollte nicht überraschen, ein Aufbruch nach Südamerika ist weder ein Herzanfall noch eine neue Haarfarbe; es wird ganz sicher eine Weile dauern bis man eventuelle Änderungen an sich selbst sehen und/oder spüren kann. Das ist nicht weiter tragisch, es bleibt mir schließlich Zeit genug, um mich dreimal hin und wieder zurück zu ändern, aber ein kleiner Konflikt entsteht dennoch aus dem Gefühl des Gleichgebliebenen: Was zum Geier soll ich nun bloß schreiben?

Auch wenn ich auf den ersten Blick kein Blogger mit Nische bin, haben meine Artikel doch irgendwie etwas gemeinsam, eine Art Blick von Innen nach Außen nämlich: In der Regel versuche ich aus etwas Persönlichem eine allgemeine Schlussfolgerung zu ziehen oder wenigstens allgemeine Fragen aufzuwerfen, was nicht immer klappt, aber meistens viel Spaß macht. Dafür ist es in diesem speziellen Fall aber einfach zu früh und jetzt stattdessen munter aufzulisten, was ich wann wo wie erlebt habe oder nützliche Fernreise-Tipps zu geben, das wäre nun wirklich nicht mein Stil.

Gleichzeitig habe ich aber aller Welt versprochen, hier viel und schnell zu berichten, wie es mir fern der Heimat denn so ergeht und weil ich das weder schuldig bleiben, noch mir komplett untreu werden möchte, gibt es an dieser Stelle statt eines großen Aha-Moments (oder des klassischen Erlebnisberichts) einfach ganz viele kleine Mini-Erkenntnisse.

  • Zeitverschiebung ist höhere Mathematik.
  • Umrechnung auch.
  • In Lima geht man unabhängig von der Ampelanzeige über die Straße und zwar dann, wenn alle anderen auch gehen, sonst stirbt man. Ist kein anderer da, dann wartet man bis einer kommt, sonst stirbt man. Wichtigste Selbsterkenntnis aus insgesamt vierzehn Kreuzungsüberquerungen: Ich möchte noch nicht sterben.
  • Katzen sind überall gleich niedlich, weshalb mein wichtigstes Kriterium bei der Wohnungssuche ab jetzt das Vorhandensein feliner Gesellschaft sein wird.
  • Mein Spanisch war auch schon mal besser.
  • Supermärkte sind  hundertmal interessanter als Klamottenläden, wahrscheinlich weil ich essen schon immer lieber mochte als mich anziehen. Trotzdem entzieht sich mir, warum Milch hier anscheinend ausschließlich in liegenden Tüten zu haben ist.
  • Man hat in Lima den gleichen Gentrifizierungs-Komplex wie in Berlin:
Gentri Peru
Beweisfoto A
  • Ich neige offenbar zu latenter Selbstüberschätzung, da ich der Meinung war, ich könnte nach zweiundzwanzig Stunden Anreise ganz von selbst mit dem Rauchen aufhören.
  • Es gibt viel zu viel Internet auf der Welt und obwohl man das ganz genau weiß, ist das erste, wonach man fragt, immer das W-Lan-Passwort.
  • Sonne, Mond und Sterne machen laufbahntechnische Sachen, die sie in Europa nicht machen und beweisen damit, dass ich trotz Starbucks an jeder zweiten Ecke tatsächlich sehr, sehr weit weg von zu Hause bin.
  • Die frühabendliche Soundkulisse erinnert stark an GTA.
  • Der erste echte Kolibri in freier Wildbahn ist ein ziemlich gutes Erlebnis. Noch besser, wenn man kein Handy zum Fotografieren dabei hat und einfach nur so zuguckt.
  • Wenn ich unsicher bin, werde ich zickig und kurzangebunden, wahrscheinlich, weil ich unbewusst glaube, Arroganz sei immer noch besser als Ahnungslosigkeit. Das sollte ich schnellstens ablegen, nicht nur weil das offensichtlich totaler Quatsch ist, sondern weil ich sonst Gefahr laufe, demnächst allein zu reisen.
  • Apropos: Wie viel man auch knutscht, es ist nie genug.

Keine Sorge: Dieses Listen-Spielchen soll in Zukunft nicht mein Blog-Standard werden. Vielmehr werde ich hier weiterhin auch südamerika-unabhängige Überlegungen zum Schreiben, Lesen und Leben versammeln und nur dann in den Modus „moderner Weltenbummler“ schalten, wenn ich das Gefühl habe, dass ich zum Thema auch wirklich was zu sagen habe. Was sicher passieren wird, allerdings noch ein klein wenig dauern könnte – ich war schon immer eher ein Spätzünder. Das hat bisher aber noch keiner Sache geschadet (eher im Gegenteil) insofern bin ich zuversichtlich, dass ich auch in Sachen südamerikanische Berichterstattung noch zu wahrer Form finde.

Und jetzt sage ich für heute: Gute Nacht. Oder doch eher Guten Morgen?! Ich fürchte, manche Dinge werde ich nie lernen.

 

18 Kommentare

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  1. miku sophie kühmel September 29, 2017 — 1:24 am

    Oh toll! Brauchst du noch Tipps für Peru? Ich war 2013 für drei Wochen im Land. <3 In Lima unbedingt bei La Rosa Nautíca essen!

  2. Liebe Myriam,

    wow, danke für den kurzen und erfrischenden Einblick in deinen Start der Reise. Haha, ich glaube wir gewöhnen uns grundsätzlich viel zu schnell an viele Dinge- geniess es also noch, solange es frisch und speziell ist ;)

    Viel Spass und auf bald…

    Herzliche Grüsse, Graziella

    • Liebe Graziella,

      da hast du recht, das geht oft viel zu schnell! Gut, dass wir in den nächsten Monaten vor der Routine weglaufen und woandershin reisen können, wenn uns danach ist – obwohl ich mir vorstellen kann, dass man sich irgendwann über ein bisschen Routine sogar freut!

      Liebe Grüße aus dem noch sehr aufregenden Lima,
      Myriam

      • Da magst du auf jeden Fall recht haben damit, irgendwann ist auch die Routine wieder herzlich Willkommen ;) Geniesst es in vollen Zügen, am Ende der Welt…und wer weiss, vielleicht entpuppt es sich gar als, Anfang der Welt (ich werde das gespannt verfolgen)

        Herzliche Grüsse aus der beständigen und „neutralen“,, sowie wunderschönen Schweiz :)

        Graziella

      • Das werde ich auf jeden Fall! :) Grüße zurück in die leider von mir noch völlig unbereiste Schweiz ;)

  3. Liebe Myriam,

    wow, danke für den kurzen und erfrischenden Einblick in deinen Start der Reise. Haha, ich glaube wir gewöhnen uns grundsätzlich viel zu schnell an viele Dinge- geniess es also noch, solange es frisch und speziell ist ;)

    Viel Spass und auf bald…

    Herzliche Grüsse, Graziella

  4. Guten Morgen, Liebes!
    Deine Listigkeit ist sehr erheiternd und vielleicht ist das ja die erste Lektion am sonnigen Ende der Welt: Dass man nicht immer tiefgründig erzählen muss, um sehr unterhaltsam zu berichten :)

  5. Habe deine Liste auch sehr genossen. Besonders die Kreuzungserfahrung fand ich genial. Sprachlich bessert sich alles ziemlich schnell nach ersten einprägenden Fehlleistungen und den daraus entstehenden Konsequenzen/Irritationen.
    Genieße die Zeit

  6. Das Listenspielchen ist aber äußerst kurzweilig … kann gerne so bleiben, also ab-und-an.
    Ansonsten wundert es mich, dass Du so hastig weiterblogst. Hätte gedacht, dass es auch eine Auszeit von sowas werden würde (vielleicht mein Fehler, könnte diese Annahme doch beweisen, dass ich Deine Blogbeiträge nicht gut genug durcharbeite).
    Bin gespannt, wie es weitergeht :-)

  7. Dafür, dass du noch „nichts“ zu berichten hast, ist es sehr amüsant. Hab gerade ein grosses Grinsen im Gesicht. Bitte schreib weiter – auch „nichts“.

  8. Spannende Liste und ich musste über „zickig und kurz angebunden“ grinsen – was ja blöd ist, weil das eigentlich nichts zum Grinsen ist. Aber nun ja… es kommt mir bekannt vor und ich muss da nicht erst nach Lima fliegen, um das nachmachen zu können. ;)

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