Das Ungewisse lieben lernen

In ziemlich genau vierundzwanzig Stunden werde ich meine Wohnungstür hinter mir zuziehen und mich auf den weiten Weg nach Südamerika machen. Ein Teil von mir könnte permanent in Jubelschreie ausbrechen und vor Freude auf dem Tisch tanzen. Doch es gibt auch einen anderen Teil und dieser andere Teil möchte sich viel lieber an die Sofalehne krallen und sämtliche Götter anflehen, ihn doch bitte von dieser Reise zu verschonen.

Als Feigling in die Welt hinaus

Die Sache ist die: Ich bin ein Mädchen mit Plan. Okay, selbiger ist oft eher theoretisch als praktisch, aber immerhin habe ich einen; ich kenne meine Ziele und Wege, ich teile meine Zeit gründlich ein und wenn ich spontan bin, dann weil ich das eingeplant habe. Jetzt aber wird das definitiv anders werden. Denn jetzt weiß ich nicht einmal, wo ich in vierzehn Tagen bin, geschweige denn, was ich da mache.

Es gibt Menschen, für die ist genau das die ultimative Erfüllung. Für mich dagegen ist das eher ein Grund zur Herzattacke. Warum dann aber mache ich dann überhaupt so eine Reise und das auch noch fünfeinhalb Monate lang? Die Antwort ist leicht: Ich mache das, weil es mir tierisch auf die Nerven geht, dass ich das Ungewisse nicht gut genießen kann. Ich habe einfach keinen Bock mehr auf Existenzängste, auf eingebildete Geldsorgen, auf langfristiges Denken, das dem kurzen Moment die Freude nimmt, ich habe keine Lust, zu zögern, zu zaudern und mich mit Kleinigkeiten verrückt zu machen. Oder, um es auf ein treffendes Beispiel zu verkürzen: Ich möchte nicht mehr in Panik geraten, nur weil der Rewe seine Getränke umsortiert hat.

Nein, ich will viel lieber mutig, relaxt und gelassen damit umgehen, dass die Zukunft offen und wandelbar ist. Und was bitte könnte besser sein, um das zu lernen, als genau das zu tun, was man fürchtet und sich kopfüber ins Abenteuer zu stürzen?

Jetzt musst du springen 

Ich erinnere mich noch gut daran, als wir vor einigen Jahren auf der Journalistenschule ein Seminar zur Selbstständigkeit hatten. Ich hörte mir damals brav alles an, was es sich anzuhören gab und dachte am Ende: Wer bitteschön gibt freiwillig die Sicherheit einer Festanstellung auf? Wie kann man überhaupt noch schlafen, wenn man nicht weiß, was man im nächsten Monat verdienen wird? Welche Irre lässt sich darauf ein?

Zweieinhalb Jahre später hatte ich die Antwort: Ich selbst bin diese Irre. Die Freiheit selbst zu entscheiden, was ich mache, das Gefühl, jederzeit aufstehen und gehen zu können, die Möglichkeit, Zeit zum Schreiben zu schaffen, das Ausbleiben von routinierter Gleichförmigkeit: All das war (und ist) mir mehr wert, als die sichere Summe am Ende des Monats.

Leicht war die Umstellung dennoch nicht. Im ersten halben Jahr bin ich zweimal die Woche nachts aufgewacht und hatte das starke Bedürfnis, hysterisch in eine Papiertüte zu atmen. Regelmäßig malte ich mir meinen dramatischen Auftritt bei Peter Zwegat aus. Bei jeder zweiten Brücke dachte ich: Guck mal, da drunter schläfst du bald. Auch ein Jobangebot abzulehnen musste ich erst lernen, weil die Angst, es käme vielleicht kein anderes, einfach viel zu groß war. Überhaupt, all die Ängste! Kann ich meine Miete bezahlen? Wirklich mal eine Woche frei machen? Es wagen, mehr Geld zu verlangen?

Aber ich hielt durch, nicht zuletzt dank dem Vorbild meiner ebenfalls selbständigen Freunde und dem Zuspruch meiner Familie, in der man unendlich stolz darauf war, dass ich als Erste den Sprung in die Selbständigkeit gewagt hatte. Und siehe da: ich landete nicht auf der Straße, musste mir nur ein einziges Mal kurz Geld borgen und schaffte es nach und nach sogar, um einiges entspannter zu werden. Denn die Kapazität die wir Menschen haben, Ängste auszuhalten und weiterzumachen, ist ungleich größer als wir denken. Und je länger man sich ihnen aussetzt, desto geringer werden sie.

Das Glück ist mit den Tapferen 

Der Lohn des Durchhaltens kann wirklich endlos riesig sein – und darauf setze ich auch dieses Mal. Sicher wird es Momente geben, in denen ich mich nach der Stabilität und Sicherheit meines Alltags sehne. In denen mir das Reisen auf den Keks geht und auch das Ungewisse. Aber ich habe trotz allem auch ein gewisses Grundvertrauen, nämlich in meine Entscheidung, überhaupt so lange wegzufahren. Im Grunde meines Herzens bin ich davon überzeugt, dass mir tausendmal mehr Gutes passieren wird als Schlechtes und dass die Erfahrungen, die ich sammeln werde, einzigartig und großartig sein werden.

Und ich hoffe sehr, dass ich am Ende zurückkomme und sagen kann: Mir doch egal, wo der Rewe die Cola hinstellt. Ich werde sie schon finden. Oder, wie man in meiner rheinischen Heimat sagt: Et hätt noch emmer joot jejange.

35 Kommentare

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  1. Was für ein wunderwunderbarer Mutmacher-Post. Ich werde deine Texte jetzt schon vermisen, ernsthaft. Und ich bin auch davon überzeugt, dass dir mehr Gutes passieren wird. Du bist nicht zufällig auch auf Instagram? Da würde ich dir ja gerne daumendrückenderweise über die Schulter schauen. ;))

    • Vielen Dank für das Kompliment :) Aber wieso denn vermissen? Ich mache doch weiter! Mich hält nix vom Scheiben ab, kein Südamerika, keine Zeitverschiebung und auch kein Mangel an Internet. Okay, letzteres vielleicht doch, aber ich bin zuversichtlich, dass ich das ein oder andere W-Lan finden werde ;)

      Bei Instagram bin ich auch (myriam.klatt) und habe mir fest vorgenommen nach langer Posting-Pause wegen Timeline-Trauma auch bald wieder aktiv zu sein – würde mich sehr freuen, wenn wir uns auch da connecten (so heißt das doch heutzutage, ne?) :)

      • Dich hält nichts vom Schreiben ab? Sehr schön. Das ist die richtige Einstellung. Dann nehme ich das mit dem Vermissen zurück. ;)

        Dann suche ich dich mal auf Instagram. ;D

  2. Vielen Dank fürs Mutmachen! Werde mir das mal als Vorbild-Vorlage im Kopf speichern^^

  3. wünsch Euch, also Dir und Deinem Mut eine tolle und intensive Zeit😁👍
    Lieber Gruß von wortgefuehle
    ..

  4. Ich wünsche Dir eine tolle Reise, gutes Gelingen & Bewahrung, bereichernde Begegnungen und vieles, vieles mehr! Und danke auch für den wunderbaren Text, den ich teilweise meiner Kollegin vorgelesen habe, weil wir uns heute Morgen exakt über dieses Thema unterhalten haben!

  5. Das klingt ja hochspannend! Tolle Einstellung, lass uns bitte auf jeden Fall an deinen Erfahrungen teilhaben, ich bin gespannt und finde das wirklich eine tolle Idee,

    vielleicht mache ich sowas auch mal. 😊

  6. Dieser Artikel macht schon beim Lesen Mut – obwohl ich selbst jetzt keine Reise antrete, fühle ich etwas von diesem Eindruck in mir!
    Ich wünsche Dir tolle Monate und freu mich auf Deine Berichte!
    Viele Grüße,
    Ellen

  7. Es wird eine wundervolle, bereichernde Erfahrung werden. Alles Gute für die kommenden Monate – caro.

  8. Liebe Myriam,
    Was für ein wunderbarer Beitrag! Ich konnte mich tatsächlich in nahezu jeder Zeile widerfinden. Den Mut für einen solch großen Schritt in Richtung Ungewissheit konnte ich bisher noch nicht aufbringen. Daher ziehe ich den Hut vor dir und freue mich schon auf deine Berichte! Ich wünsche dir eine ereignisreiche, spannende und lehrreiche Zeit und dass du wohlbehalten und tiefenentspannt zurück kommst :)

  9. Huhu Myriam,
    ich wünsche Dir eine spannende und tolle Zeit. Du wirst jede Menge Erfahrungen daraus mitnehmen, die Dir niemand jemals mehr wird nehmen können. Ich bin glatt mit gespannt, was Du alles berichten wirst.
    ganz viele liebe Grüße
    Grit

    • Liebe Grit,

      vielen Dank für deine lieben Worte! Ich denke und hoffe auch, dass da ganz viele spannende Momente und Geschichte auf mich warten werden und ich freue mich auch schon darauf, sie hier zu teilen!

      Liebe Grüße zurück,
      Myriam

  10. Viele schöne Momente in deinem eigenen kleinen Abenteuer wünsche ich dir. Ich kann sehr gut nachvollziehen wie du dich fühlst – ich selbst bin bei Planänderungen immer nahe der Hysterie, da mir eine gewisse Vorausschaubarkeit einfach Stabilität und Sicherheit gibt. Irgendwann kann das aber auch mal zum Gefängnis werden, weswegen ich deine Entscheidung umso mehr bewundere. Ich freue mich auf zahlreiche Reiseeindrücke :-)

  11. Liebe Myriam,

    ich wünsche dir alles Gute für deine Reise. Deinen Mut bewundere ich sehr und freue mich schon auf deine Beiträge aus dem fernen Südamerika. 😊

    LG, Susanne

  12. Ach, wie toll. Gäbe es doch nur mehr Mutbürger/innen wie dich. ☺️
    Also, ich wünsche dir ne super gute Reise und viel Spass beim Sprung ins kalte, klare Wasser. Freu mich auf die nächsten Posts … auch auf Instagram. Lieben Gruss, DLdW

  13. Glückauf! Wie wir Geologen zu sagen pflegen ..

  14. Liebe Myriam. Ich wünsche dir viel Erfolg bei deinem Vorhaben & sei nicht enttäuscht, wenn es etwas dauert, bis du den Effekt spürst. Ich kann deine Situation gut nachvollziehen! Meine Eltern haben mich auf eigenen Wunsch mit zwei Koffern in Holland ausgesetzt. Das war zwar nicht Südamerika, hat sich aber genauso nach Urwald angefühlt. Job neu, erste eigene Wohnung, keine Möbel, nicht mal einen Löffel oder Teller hatte ich.
    Ich habe in diesem einen Jahr unglaublich viel über mich gelernt, aber auch darüber wo ich hingehöre und wo meine Grenzen sind. Vieles haben diese paar Monate beschleunigt, das bereits in mir steckte. Ich habe zwar Jahre gebraucht, um das zu erkennen, aber ich möchte diese Erfahrung nicht mehr missen. Ich hoffe, diese paar Monate werden den gleichen Effekt auf dich haben und dich voranbringen.
    Viele Spaß! Positive Erfahrungen und komm heil wieder zurück mit einem Sack voller Erlebnisse, Geschichten und dem entsprechenden Selbstbewußtsein :-)

    • Vielen Dank für die lieben Wünsche :) ich glaube, dass solche Entwicklungen auch nicht von der Entfernung abhängen- ich war nämlich auch mit 18 ein halbes Jahr in Holland (als Au-Pair in Haarlem) und habe ebenfalls unglaublich viel aus dieser Zeit mitgenommen! Und ich bin sehr gespannt, wie und was diesmal mit mir passieren wird – und wenn das am Ende gar nicht so viel ist, dann ist das auch okay :)

  15. Du hast mir aus dem Herzen gesprochen. Wünsche dir ganz, ganz viel Glück und viele bereichernde Erlebnisse.

  16. Ein ganz toller Text , ich finde mich darin total wieder 😊 Ich gehe übrigens auch bald nach Süd- und Mittelamerika. Wer weiß, vielleicht trifft man sich😊😊😊

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