Ich tanze nicht – und das ist auch gut so

Es gibt ja Sachen, die sollte man lieber für sich behalten, wenn man entsetzte Blicke und nervige Fragen vermeiden will. Ein dauerndes Desinteresse an Babys zum Beispiel oder eine Abneigung gegen Hundewelpen. In die Kategorie harmlose Ansichten mit Schockeffekt gehört ganz entschieden auch die Unlust am Tanzen.

Wer nicht tanzen möchte, hat ein Problem – und zwar mit seinen Mitmenschen. Denn die können den mangelnde Spaß am Hüftschwung nicht einfach hinnehmen, sondern gehen gern und intensiv zur Ursachen- und Folgenanalyse über. Da wird eine Abneigung gegen den eigenen Körper diagnostiziert oder eine tiefgreifende Verklemmung aller Sinne, es wird vermutet, dass man auch im Bett nicht viel Vergnügen haben kann und überhaupt eine ziemliche Spaßbremse sein muss. Alles reine Spekulation, was aber kaum jemanden davon abhält, diese angeblichen Mängel beheben zu wollen und zwar mit dauerndem Auffordern, Auf-die-Tanzfläche-Ziehen und verbaler Aufmunterung jeglicher Couleur.

Es nervt. Es beleidigt. Es ist anstrengend. Weshalb man als Nichttänzer oft dazu neigt, Orte zu meiden, an denen getanzt wird. Das ist einfacher, als immer wieder dieselben Diskussionen zu führen. Dennoch, ich stehe dazu: Ich hasse es zu tanzen. Haut an Haut mit fremden Menschen bekomme ich Beklemmungen, angerempelt zu werden macht mich aggressiv, und zugegeben fehlt es mir auch die nötige Fitness. Außerdem bin ich tendenziell zu kopflastig zum Tanzen, zu schnell gelangweilt und geschmackstechnisch schlichtweg in eher ungeeigneten Musikgenres unterwegs. Alles gute Gründe, das mit dem Tanzen zu lassen. Gründe, die weder mit mangelnder Selbstliebe zu tun haben noch mich automatisch zum lustfeindlichen Fräulein Rottenmeier machen.

Wie ich eigentlich darauf komme? Nun, gestern war ich daheim in Berlin auf einer 20’er-Jahre-Party. Normalerweise fahre auch ich die oben genannte Vermeidungsstartegie und gehe zu sowas gar nicht erst hin. Aber in diesem Fall ging ich doch, ich liebe nämlich Veranstaltungen, wo sich alle Mühe beim Styling und der Deko geben, außerdem gab ich eine (für meine Verhältnisse) spontane Zusage und vor allem: Ich war in der richtigen Begleitung.

Denn wir kamen zu Dritt – doch getanzt wurde nur zu Zweit. Partner und Freundin vergnügten sich wirbelnderweise auf der Tanzfläche, während ich daneben (oder eine Etage höher) stand. Und da ist mir dann etwas klar geworden, was ich bisher noch nicht über mich wusste: Ich finde Tanzen ziemlich toll – beim Zugucken nämlich. Es war ein großes Vergnügen, einfach nur da zu sein, den Drink in der Hand, ein Lächeln auf den Lippen und im Blick die große Freude, die die Beiden – und auch alle anderen Tänzer – bei ihrer Sache hatten. Ich fühlte mich sauwohl so und hatte das erste Mal seit ziemlich langer Zeit das Gefühl, dass ich feiern gehen eigentlich gar nicht so übel finde.

Doch das Beste an dieser unerwarteten Erfahrung ist, dass ich ab jetzt die perfekte Erklärung für meinen Unwillen zum Tanzen habe: Ich bin Schriftstellerin. Und als Schriftstellerin ist es wichtig, hinzuschauen. Denn aus der Beobachtung entstehen die schönsten Geschichten. Klar, auch mitmachen ist nie verkehrt wenn man Inspiration sucht, aber da ist es mit Tanzflächen ein bisschen wie mit barocken Kirchen: Hast du eine betreten, hast du alle betreten. Zumindest, wenn du dir nicht viel draus machst.

36 Kommentare

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  1. Ich verstehe dich. 😊 Bin nächste Woche auf einer Hochzeit und vorm Tanzen graust mir. Ich bin da auch komplett talentfrei. Musik liebe ich, aber tanzen war nie mein Ding.

  2. Wie gut ich das kenne… Auch keinen Alkohol trinken gibt anderen Raum für viele Fragen, Analyse und Überredungsversuche. Aber so bin ich halt und da beißen andere auf Granit, egal was sie sagen.

  3. Bei uns ist es umgekehrt. Ich tanze für mein Leben gern, es tanzt sozusagen bei der richtigen Musik aus mir heraus, während mein Mann mir gern dabei zusieht. Dann wird einem schnell mal eine Krise angedichtet. Auch wird er oft angemacht, weil man denkt, wir hätten Krach und es als gute Gelegenheit sieht, sich – sagen wir mal – näher zu kommen. Er reagiert da immer recht klar und eindeutig. Ich habe in meinem Leben einige gesellschaftliche Regeln gebrochen und mir ist das Geschwätz der Leute völlig egal. Jeder hat ein Recht auf seinen eigenen Lebensentwurf. Am schnellsten sind die „Analysierer“ still, wenn man ihnen sagt, dass man kein Interesse an Küchenpsychologie hat.

  4. Der Vorwurf „Spaßbremse!“ bedeutet eigentlich: „Ich weiß ganz genau, wie bescheuert es aussieht, meine Glieder um mich zu werfen und über eigene und fremde Absätze zu stolpern. Ich weiß auch ganz genau, dass ich Alkohol brauche, um mich so umwerfend zu finden, dass mich weder eigenes Schwitzen noch Springen noch Schiefmitsingen stört. Und wenn du jetzt nicht mitziehst, weil du das alles nicht brauchst, um Spaß zu haben, habe ich das Gefühl, meine Vorstellung von kindischer Partygestaltung verteidigen zu müssen.“
    Und hey, wer will schon sein eigenes unelegantes, albernes, beschämendes Interesse verteidigen, wenn er doch einfach die diffamieren kann, die grad in der Minderheit sind?

  5. Ich stelle fest, dass es schon eine gute Wahl von mir war, mich früher ™ nur in solchen Lokalitäten herumzutreiben, in denen es gesellschaftlich mindestens so anerkannt war, an der Bar anzuklinken, wie auf die Tanzfläche zu gehen. Wobei ich da, so ganz dann und wann, auch mal vor mich hin dilettiert habe. Ich denke wirklich, es kommt auf den Ort und die Gelegenheit drauf an. Und natürlich mit den Musikgenres :-).

    Wobei ich die 20er-Party auch gerne beobachtet hätte. War bestimmt schön!

    • Das war sie, allein schon wegen der großartigen Kleider ;)

      Ehrlicherweise habe ich schon als Jugendliche eher in Lokalitäten rumgehangen, die gar keine Tanzfläche hatten. Mit einer Ausnahme, dem Pulp in Duisburg, aber da war Dank Metal und ähnlicher Klänge das Tanzen dann auch gleich eine völlig andere Nummer :D

      • Was hat dich denn ins Pulp verschlagen? ;-)

        Zu „meiner Zeit“ waren zwar noch andere Lokalitäten in der Verlosung, aber die Ausrichtung war schon ähnlich. Das Pulp kenne ich in der Hauptsache als Schauplatz von Konzerten.

      • Mich lockten damals vor allem die Musik, die Typen – und das Buffet :D

        Konzerte habe ich im Pulp tatsächlich nie gesehen, dabei war ich in der Zeit nahezu Konzert-süchtig… Ich müsste mal auf meinen alten Eintrittskarten gucken, wo das alles so war, ich kann mich tatsächlich nur vage erinnern.

  6. Und mit diesem Post wirst du mir noch sympathischer und du wirst ahnen, warum das so ist… ;)

    Liebe Grüße
    Anna

  7. Sehr gut geschriebener Artikel den ich mit Interesse gelesen habe.
    Ich bin zwar leidenschaftliche Tänzerin, aber ich würde mir nie Gedanken darüber machen, wenn jemand nicht tanzen möchte. Jeder hat seine Vorlieben und das ist auch gut so. Einer liebt das Tanzen, andere das Lesen oder Hunde und Katzen. Jeder soll doch mit seinen Neigungen glücklich sein und sich nicht um andere kümmern.
    Liebe Grüße
    Sigrid

  8. Wie schön zu sehen, dass Vorlieben eben verschieden sind und nicht jeder, der etwas gegen das Tanzen hat ein Sonderling ist. Ich gehöre definitiv auch dazu! Eine Ausrede fehlt mir bisher aber leider noch.

    • Ich finde es ja auch sehr bestärkend, dass ich offensichtlich alles andere als allein mit meiner Abneigung bin :) und ob man nun wirklich eine Ausrede braucht… Besser wäre wahrscheinlich, andere könnten das auch ohne akzeptieren!

  9. Klasse post. Macht mir auch mal wieder klar, dass es nicht nur wichtig ist, herauszufinden was einem Spaß macht und dazu zu stehen, sondern eben auch herauszufinden, was nichts für einen ist. Und dazu zu stehen. :D

    • Es fällt ja oft schwerer zu akzeptieren, dass dieses oder jenes einem einfach NICHT gefällt, vor allem, wenn es Dinge sind, die gefühlt alle anderen toll finden. Aber ich empfinde es immer als wahnsinnig erleichternd, einzusehen, dass mir manche beliebten Sachen halt einfach nicht gefallen! :)

  10. Ach ja, das kenn ich. Im Prinzip tanze ich ganz gern mal, aber eigentlich am liebsten nur zu Hause im Wohnzimmer wenn sonst keiner da ist, außer Partner oder beste Freundin ;) Ich bin auch total gern Beobachter bei solchen Veranstaltungen – das ist schon absolut spannend genug! Ich schiebe das auch sehr auf meine Introvertiertheit. Ich muss nicht immer mitmischen, ich nehme auch genügend Reize beim Beobachten auf. Und fühle mich dabei auch gar nicht als Spaßverderber – ich habe nur Spaß auf andere Weise :)

    • Ach, ich selbst fühle mich da auch nicht als Spaßverderber (obwohl ich tatsächlich nicht mal zuhause tanze oder nur gaaaanz selten :)), das kommt wenn, dann immer von Außen… aber was soll’s, die Freude am Beobachten ist’s wert ;)

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