Alles geht zu Ende

Ich möchte nicht über das eine große Ende reden, also das letzte, denn dieser Gedanke führt allzu leicht in ungute Gefilde, dorthin, wo 42 zwar eine amüsante Antwort aber keine große Hilfe ist. Denn ganz ehrlich: der Sinn des Lebens ist eine Nummer zu groß für mich. Was mich gerade beschäftigt ist ohnehin etwas anderes, die vielen alltäglichen Abschlüsse nämlich, jene kleinen Enden, die man andauernd und immer wieder erlebt, manche absehbar, manche überraschend, einige gut, andere schmerzhaft.

Das hat sicher damit zu tun, dass ich in zwei Tagen ein großes Projekt verlasse, in das ich viel Herzblut, Energie und Kraft gesteckt habe. Der Grund dafür ist ein guter, nämlich der Anfang von etwas Neuem; meiner große, lange Reise durch einen mir fremden Kontinent. Trotzdem ist es nicht leicht, Adieu zu sagen und die restliche Arbeit anderen zu überlassen. Das Ende tut weh – und nicht nur dieses Mal.

Der letzte Satz ist immer der schwerste

Den größten Abschiedsschmerz habe ich grundsätzlich beim Schreiben. Hin und wieder lese ich von Autoren, die sagen, dass es das allerschönste Gefühl für sie wäre, das Wörtchen „Ende“ unter ihr Manuskript zu setzen. Ich kann dann immer nur neidisch aufseufzen und theatralisch den Kopf schütteln. In meiner Welt gibt es keinen härteren Moment als den, in dem das Geschriebene fertig ist, denn das ist es ja in Wahrheit nie: Es könnte immer noch besser werden, immer noch genauer, schöner und perfekter. Aber irgendwann muss halt Schluss ein, egal wie sehr man sich dagegen auch sträuben mag. Irgendwann ist eine Geschichte an ihrem Ende angekommen. Und jedes Mal könnte ich bitterliche Tränen weinen.

Immerhin; bei meinem Erstling steht dieser Moment noch bevor. Es ist ein nicht unerheblicher Trost für mich, dass ich noch das Durcharbeiten des Verlagslektorats vor mir habe, auf das ich mich irrsinnig freue. Auch hier unterscheide ich mich gefühlt von vielen Mitschreibern: Ich liebe das Überarbeiten. Solange es nur weitergeht, ist alles gut.

Interessanterweise schwappt diese Scheu vor dem Ende auch in meine sonstige Arbeit über. Egal wie kurz oder wie lang der Beitrag ist, den ich gerade texte und wie leicht mir dieser bis dahin von der Hand gegangen ist: Beim letzten Satz gerate ich immer ins Stocken. Gut, dass es in diesen Dingen in der Regel eine Deadline gibt, da bin selbst ich gezwungen, irgendwann mal aufzuhören und die Sache gut sein zu lassen.

Hätte ich gewusst, dass dies das letzte Mal…

Besonders schmerzhaft ist ein Ende, mit dem man nicht gerechnet hat. Das betrifft meist die zwischenmenschlichen Trennungen, seien es nun entfremdete Freundschaften oder zerbrochene Beziehungen. Erstere gehen oft eher schleichend zu Ende und werfen nur nach und nach schmerzhafte Fragen auf. Warum haben wir uns so verändert? Was hat uns früher verbunden, das es heute nicht mehr gibt? Dasselbe kann man sich nun auch nach gescheiterten Beziehungen fragen, aber man tut es dann häufig eine Spur verzweifelter, vor allem dann, wenn das Ende wirklich völlig unerwartet kam. Was häufiger passiert, als man meinen sollte.

Das, was an einem solch plötzlichen Ende häufig so schmerzt, ist der Gedanke, dass man alles anders gemacht hätte, wenn man gewusst hätte, wie es ausgehen würde, ein wenig nach dem Motto: Wenn ich geahnt hätte, dass dieses unsere letzte Umarmung sein würde, hätte ich dich niemals losgelassen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich diesen Satz aus Friends geklaut habe, aber das tut der Sache keinen Abbruch. Dieses was-wäre-wenn ist der Fluch des ungewollten Abschieds; es verfolgt einen manchmal noch jahrelang.

Es geht nicht ohne loszulassen

Je mehr Gefühl ich für etwas oder jemanden aufgebracht habe, desto schwieriger ist es, das Ende zu akzeptieren. Ein ziemlich logisches Gemütsverhalten, das auch erklärt, warum ich es so sehr hasse, eine Geschichte beendet zu haben – in nichts sonst investiere ich schließlich so viele tiefe Emotionen (mein Partner wird mir diese Aussage nachsehen, der ist genauso). Dass ich es trotz alledem meistens ganz gut hinbekomme, nicht auf ewig an allem zu klammern, liegt daran, dass ich mir ein paar Punkte immer bewusst zu machen versuche.

  1. Man braucht Platz für Neues. Mit Herzen (und Gehirnen) ist es ein wenig wie mit Kleiderschränken: Hin und wieder muss entrümpelt werden, sonst findet man nichts wieder und es passt auch nichts mehr rein. Wenn ich zu lange an alten Geschichten (fiktiven wie realen) klammere, dann fehlt den neuen Ideen und Menschen der Raum sich zu entfalten.
  2. Es könnte schlimmer sein. Kein besonders kreativer Gedankentrick, aber einer, der durchaus seine Berechtigung hat; sich vorzustellen, wie es noch schlimmer hätte kommen können (Doppelmord! Computerabsturz! Sharknados!) kann durchaus helfen, ein Ende erträglicher zu machen.
  3. Es könnte besser sein. Nämlich als man denkt. Nicht selten stellt sich heraus, dass ein scheinbar harter Verlust der Auftakt für einen bis dahin undenkbaren Gewinn war. Wir können nicht in die Zukunft schauen – und deshalb immer hoffen, dass das Schlechte einfach notwendig war für etwas Gutes.
  4. Alles geht vorbei – auch das Ende. Die Erfahrung verspricht: Egal wie sehr etwas in diesem einen Augenblick schmerzt, es wird der Moment kommen, wo die Sache nicht mehr wirklich Weh tut. Sich in diesen zukünftigen Tag zu denken, hilft, den heutigen zu überstehen.

 

Am Ende (ha, da ist es wieder!) ist es einfach der Lauf und das Schicksal der allermeisten Dinge, das sie irgendwann enden müssen. So ist das Leben nun einmal angelegt. Und auch wenn ich eigentlich nicht über Sinn und Unsinn des Ganzen diskutieren wollte, muss ich doch zumindest eines sagen:

 

4 Kommentare

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  1. Sehr schöne Worte, um ein oftmals trauriges Thema ganz und gar nicht traurig klingen zu lassen.

  2. Ein sehr interessanter post, mit dem ich mich in vielen Bereichen gut identifizieren kann. Mir fällt es ebenfalls schwer, los zu lassen und auch wenn ich zum Beispiel immer froh darüber bin, eine Geschichte zu Ende gebracht zu haben, fehlen mir danach oft die Charaktere und ich würde am liebsten weiter schreiben.
    Auch in Beziehungen und Freundschaften bin ich jemand, der eher viel investiert. Trotzdem ist mir auch bewusst, dass manche davon einfach zu Ende gehen müssen, aus den verschiedensten Dinge. Es gibt allerdings eine Freundschaft, die ich immer noch vermisse und wohl auch immer vermissen werde.

    • Einige Dinge wird es im Leben wohl immer geben, die man nicht völlig loslassen kann… seien es nun Menschen oder Erinnerungen. Das ist aber glaube ich auch in Ordnung, jedenfalls so lange einen das Vermissen nicht daran hindert, weiterzuleben!

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