Wider die Statistik oder: Warum ich die WordPress-Startseite hasse

Zahlentraumata und andere Nullpunkte

Ich hatte es noch nie sehr mit Statistik. Wie alle Sozialwissenschaftler musste auch ich in der Universität ein betreffendes Seminar belegen, eines, das nicht mit Referat, sondern mit Klausur abschloss. Herausreden ging also leider nicht, nur hinauszögern. Ich schob das Ganze denn auch bis ins allerletzte Semester auf und lieferte wenig überraschend das schlechteste Ergebnis meiner gesamten Studienzeit ab, eine 4,0. Das machte mir nicht allzu viel aus, ich hatte damit gerechnet (Wortwitz rein zufällig) und war vor allem froh, dass die Sache nun für immer hinter mir lag. Das dachte ich damals wenigstens.

Doch heimtückisch wie die Statistik ist, hat sie sich völlig unerwartet erneut in mein Leben geschlichen, nämlich ausgerechnet hier, beim Bloggen. Sie kommt in anderer Gestalt daher als damals im Hörsaal, aber sie ist genauso anstrengend, wenn nicht noch mehr; denn ging es früher nur darum, dass ich einfach keinen Bock hatte, nachzudenken und zu rechnen, geht es jetzt darum, nicht aus den Augen zu verlieren, was wichtig ist.

Der Kampf gegen das Zählen

Was nun eigentlich mein Problem ist? Nun, jedes Mal, wenn ich WordPress öffne, sehe ich als allererstes meine Blog-Statistik. Und jedes Mal bekomme ich einen Schreck, nicht weil der Inhalt dieser Diagramme so furchtbar diabolisch ist, sondern weil ich mich davor fürchte, was es mit mir machen könnte, mich eingehender damit zu beschäftigen, was diese Zahlen aussagen. Beziehungsweise was das mit meinem Schreiben machen könnte.

Denn zugeben, an schlechten Tagen reicht sogar schon ein flüchtiger Blick um von harten Zahlen in leise Zweifel gestürzt zu werden. War der letzte Text schlecht geschrieben? Uninteressant? Was war in dieser Woche anders als in der Woche davor? Denke ich zuwenig darüber nach, was ich hier tue? Oder zuviel? Sollte ich mich mehr damit beschäftigen, wann man was veröffentlicht? Sollte ich endlich nachgeben und eine Nische finden? Will ich mir überhaupt diese Art von Gedanken machen? Und ist eigentlich noch Kuchen da?

Ich fürchte, das ist eine ganz natürliche Reaktion, vor der kaum jemand wirklich gefeit ist. Anerkennung lehnt man selten ab und nichts anderes sind ja diese Zahlen: In Ziffern übersetzte Anerkennung. Zumindest interpretieren wir sie schnell so.

Aber: Ich möchte das alles eigentlich nicht (bis auf den Kuchen). Es entspricht nämlich weder meiner Einstellung noch meinem Charakter, mir von Statistiken (oder übermäßigem Erfolgsstreben) den Weg vorgeben zu lassen, außerdem ist das Ganze sehr anstrengend und weitestgehend sinnfrei. Schließlich liefert WordPress ja nur Ergebnisse, keine Begründungen, so dass diese Zahlen letzten Endes immer noch interpretiert werden müssen und das erinnert mich dann schon wieder an die Uni und das nervt extrem. Es hat Gründe, dass ich nie einen Master gemacht habe.

Berechnung vs. Intuition

Vor nicht allzu langer Zeit pochte ich ja auch noch wortreich darauf, dass ich hier nur das zu tun gedenke, was ich wolle, nicht das, was von mir verlange. Ich bin auch immer noch weit davon entfernt, mich an ominösen Blogger-Regeln entlang zu hangeln oder gnadenlos SEO-optimierte Überschriften zu schreiben. Dennoch ist längst nicht alles beim Alten. Das ist aber nun gar nicht die Schuld der Statistik, sondern liegt an den Fragen, die man sich ohnehin VOR allen Zahlenanalysen stellen sollte, nämlich: Warum mach ich das? Was erhoffe ich mir? Was ist mein Ziel?

Die Antworten darauf haben sich ein wenig geändert. Vor zwei Monaten, als ich hier nur alle Jubeljahre mal was veröffentlicht habe, hätte ich wahrscheinlich mit den Achseln gezuckt und gesagt: Na ja, ich schreibe halt gerne. Für mehr hätte es nicht gereicht, was natürlich vollkommen in Ordnung, aber eben auch ein bisschen vage ist.

Jetzt dagegen, nachdem ich tiefer in die Blogwelt eingetaucht bin, kann ich ganz klar sagen: Ich mag den Austausch. Ich mag es, anzuregen, zu diskutieren, nachzuarbeiten, Feedback zu bekommen (und zu geben), Reaktionen zu lesen, weiterzudenken, zu inspirieren, anzustoßen, nachzuhaken. Und dabei macht es mir genauso viel Spaß, woanders zu lesen und zu kommentieren, wie es mir Freude bereitet, hier zu schreiben. Und am Schönsten ist das alles eben dann, wenn dieses Gefühl des Austauschs entsteht, des Teilhabens aneinander.

Worte statt Zahlen

Die wichtigste Einsicht, die ich in Sachen Statistik hatte, ist also logisch und auch nicht besonders neu: Es kommt nicht auf die Menge an, sondern auf die Art und Weise. Ein hoher Balken macht noch keinen guten Text und vierhundert stumme Besucher sind zwar respektabel, bringen aber am Ende nicht halb so viel wie vier, die den Mund aufmachen. Was zählt, sind nicht die Zahlen. Es sind die Menschen.

Insofern wäre es auch vollkommen in Ordnung, wenn sich mein Schreiben mit der Zeit verändern sollte. Es findet schließlich nicht in einem luftleeren Raum statt, sondern eher in einer Art Bahnhofshalle, in der man gemeinsam auf den Zug wartet und dabei Gott und die Welt diskutiert. Da ist es nur natürlich, dass man sich ein wenig der Stimmung anpasst und nicht permanent lautstark Dinge diskutiert, mit denen keiner sonst etwas anfangen kann.

Nur sollte eben keine Statistik darüber entscheiden, worüber man sich unterhält, sondern man selbst und zwar sozusagen gemeinsam, also ohne sich dabei untreu zu werden, aber mit dem Bewusstsein dafür, was in der Welt um einen herum passiert und wie sie auf das reagiert, was man so von sich gibt. Dabei helfen dann keine Zahlen, sondern nur Worte – ein Satz, der mir die wunderbare Gelegenheit gibt, mich für selbige zu bedanken, nämlich bei euch, die hier lesen, schreiben und kommentieren.

Also dann, ohne weiters Anzählen und Abzählen: Vielen, vielen Dank euch!

 

31 Kommentare

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  1. Lustig… Vorhin habe ich einen ähnlichen Beitrag von Michael Behr gelesen. Heute sind wohl alle von der Statistik genervt. 😉

    • Witziger Zufall :D Obwohl: Manchmal liegen Themen halt irgendwie in der Luft ;)

      • Ja, das Gefühl habe ich auch gerade irgendwie ;-) .

        Aber sehr schön geschrieben! Auch wenn ich bei 400 stummen Besuchern nur ehrfürchtig mein Haupt neigen kann.

      • Lieber Michael,

        vielen Dank :)

        Aber siehste, das ist eines der Probleme mit Zahlen und Statistiken, das Beispiel mit der 400 grade. Die klingt offenbar beeindruckend, hat aber doch gar keine Definition, zumindest nicht in meinem Text. Es könnte sich auch um Besucher im gesamten letzten Jahr handeln, die Performance des ‚Über mich‘-Textes oder halt – wie in meinem Fall – einfach irgendeine Zahl, zu der man ohne großes Nachdenken spontan gegriffen hat um einen Standpunkt zu verdeutlichen (und nicht etwa um eine Realität wiederzugeben). Ich sag es ja immer; Zahlen ohne Kontext sind gemeingefährlich :D

        Insofern: Verzeihung wenn ausgerechnet ich als Statistik-Verächter an dieser Stelle mit Zahlen für Verwirrung sorgte ;)

        Liebe Grüße,
        Myriam

      • Liebe Myriam,

        ja, die 400 sind schon eine ziemlich Aufsehen erregende Zahl ;-) .

        Ich denke, so ganz kommt man trotz aller Bemühungen nicht darüber hinweg, irgendwie Vergleiche zu suchen und anzustreben. Ein Psychologe würde wahrscheinlich sagen, dass ohne diesen Antrieb, diesen Ehrgeiz, der Mensch gar nicht funktionieren kann. Jedenfalls nicht in der Gesellschaft wie wir sie uns aufgebaut haben.

        Und trotzdem hat meine „über mich“-Seite keine 400 Aufrufe! ;-)

        Liebe Grüße
        Michael

      • Lieber Michael,

        ich merke auch schon: da habe ich mich in der Zahl vergriffen, ich wollte eigentlich bloß einen möglichst großen Kontrast :D

        Über die Sache mit dem Antrieb habe ich noch gar nicht nachgedacht, aber du hast vollkommen Recht – Ehrgeiz und das Erreichen von Zielen sind sicherlich oft ein extrem starker Ansporn, bewusst oder unbewusst.

        Liebe Grüße zurück,
        Myriam

      • Hallo Myriam,

        es hat bei mir wirklich lange gedauert, bis ich aufgehört habe, mich von diesen Zahlen (zu sehr) unter Druck setzen zu lassen. Runde zwei Jahre, um genau zu sein. Wahrscheinlich will ich deswegen auch ungerne dahin kommen, dass ich aus Marketinggründen u.ä. wieder jede Zahl analysieren muss …

        LG
        Michael

  2. Sehr schön geschrieben und drückt genau aus, was beim Bloggen wichtig und was unwichtig sein sollte…
    VG Jennifet

  3. Ich bin mal so ehrlich: Genau diesen Text habe ich gerade gebraucht! Denn noch vor einer halben Stunde habe ich – angestachelt von der aktuell ernüchternden Statistik – meinem Freund vorgejammert, dass ich nie hätte einen Blog ins Leben rufen sollen weil ja ohnehin klar war, dass es niemanden interessieren würde was ich denke und schreibe. Dabei hast du so recht und es lohnt sich auch schon, wenn man nur ganz wenige erreicht, statt viele Klicks ohne Hintergrund zu bekommen. Danke für deine Worte, liebe Myriam!

    • Liebe Tanja,

      toll, das freut mich total, wenn meine Worte zur richtigen Zeit kamen :) Sicher sind diese Statistiken für manche Leute hilfreich, aber gefühlt richten sie mehr Schaden an, als dass sie helfen. Wegen blöden Zahlen sollte man nicht den Glauben an sich verlieren – das war schon damals im Matheunterricht immer mein Motto ;)

  4. ganz genau! Die Statistik sagt nichts über das Schreiben aus. Ein Sternchen ist schnell gesetzt, (in der Hoffnung man bekommt es „zurück“.) Ein Kommentar – egal wie kurz, ist mir lieber, denn er zeigt mir, dass sich jemand mein Geschriebenes zu Gemüte geführt hat.
    Und nur das zählt!!!!

  5. Ähnliche Gedanken hatte ich die Tage auch. Es nervt mich, dass der erste Blick immer auf die Statistik fällt und ich möchte auch nicht auf den ersten Blick sehen, wie viele Follower ich habe. Es stresst mich unbewusst doch. Denn natürlich gibt es Posts, die „floppen“, wohingegen andere sehr viel besser laufen. Ginge ich nach meiner Statistik, dürfte ich nur auf die „Kodderschnauze“ setzten und „rumstänkern“. Darauf habe ich keine Lust. Aber ich registriere gelegentlich schon mit mildem Erstaunen, WAS geklickt wird und was kaum. 😂

    Lieben Gruß
    Anna

    • Liebe Anna,

      ich natürlich auch, man ist ja nur Mensch und furchtbar neugierig :D Aber ganz ehrlich: Ich erkenne da bei meinen Artikeln echt kein System. Sieht alles komplett zufällig aus, was da so geklickt wird und was nicht :) Vielleicht schimpfe ich nicht lautstark genug?! :D

      Liebe Grüße zurück!

  6. Na toll (geschrieben), jetzt hab ich mal wieder in meine Statistik geschaut. 😅

  7. 400 stumme Leser … naja, als ich selber noch keinen Blog hatte, habe ich auch immer nur gelesen und nie (nie!) den „gefällt mir“-Button gedrückt. Das ist völlig normal, denke ich. Und die Mehrzahl der Leser und Leserinnen hat halt keinen eigenen Blog. Letztlich gibt noch nicht mal die Zählung des oben genannten Buttons ehrliche Auskunft über Gefallen oder Nichtgefallen des jeweiligen Artikels, denn ich z.B. bin bei mir sympathischen Bloggern eher geneigt diesen Button zu drücken, auch wenn mich der Artikel nicht so berührt. Es ist dann eine (weitere) Anerkennung des gesamten Blogs. Aber es bleibt natürlich dabei: das Drücken des „Gefällt-mir“-Buttons ist die Aussage, dass „man“ was richtig macht, alles andere ist nicht zu entscheiden. Aber sollte man sich darüber Sorgen machen? Wenn man kein Geld damit verdienen muss, ist es kein Problem.
    400 stumme Leser … soll ich jetzt mit meinen null stummen Lesern angeben? Und nein, sie sind nicht deshalb stumm weil sie allesamt kommentieren und „liken“, sie sind gar nicht erst da :-).

    • Hach, ich merke schon: Die völlig willkürliche gewählte Zahl 400 bringt irgendwie alle aus dem Konzept :D Da ging es mir eigentlich nur um die Verdeutlichung eines Standpunkts, nicht um die Abbildung einer persönlichen Realität – außerdem könnten sich die 400 theoretisch ja auf alles beziehen: Am Tag, in der Woche, im Jahr, die Ich-Seite… man lässt sich von diesen Zahlen wirklich viel zu schnell verführen, was Falsches zu denken ;)

      Ansonsten kann ich dir nur Recht geben: Wenn es einem nicht darum geht, etwas zu verdienen, kann einem im Prinzip egal sein, wie gefällig man ist. Ich glaube nur, dass es den wenigsten leicht fällt, sich ganz davon frei zu machen – ich jedenfalls muss das schon bewusst tun, einfach so klappt es leider nicht immer ;)

  8. Hallo Myriam,
    ich kenne genau diese Fragen auch von mir selbst! Schön, wie du für das, was ich mir irgendwie zurecht gedacht habe, Worte gefunden hast. Ein bisschen Anpassung ist gut, ein bisschen: Aha, das hat den anderen wohl gefallen. So kann man weitermachen. Da sind ein paar nette Kommentare tausend Mal mehr Wert als hunderte Klickzahlen. Wobei ich mich immer noch nicht davon lösen kann. Aber der Stellenwert ist deutlich gesunken ;)
    Liebe Grüße, Alex

    • Liebe Alex,

      man muss sich ja auch gar nicht ganz davon lösen, finde ich – solange man sich dessen bewusst ist und den eigenen Übereifer des Gefallen-Wollens ein wenig in Schach hält ist doch alles in Ordnung ;)

      Liebe Grüße,
      Myriam

  9. Hallo Myriam,

    Bin gerade über deinen Blog gestolpert und hab direkt mal ein bisschen gelesen. Dieser Beitrag hier hat mich total angesprochen, da ich selbst so ein Statistik-Hasser bin (Die Vorlesung mit entsprechender Klausur hat mich fast mein ganzes Studium gekostet ;) )
    Und trotzdem merke ich immer wieder, wie sehr ich mich von der Blog Statistik beeinflussen lasse, sowohl im positiven als auch besonders im negativen Sinne.
    Ich stimme dir total zu, man sollte sich nicht allzu sehr auf die Zahlen verlassen und diese überinterpretieren, aber irgendwie kommt man auch schwer davon los…
    Naja, vielleicht kommt das auch wirklich mit der Zeit und irgendwann sieht man es einfach ein wenig lockerer? :)

    Liebe Grüße!

    • Hallo zurück! :)

      Ich setze schon darauf, dass das mit der Zeit besser wird. Ich glaube, es ist wichtig, sich regelmäßig bewusst zu machen ob und wie sehr man sich von solchen Statistiken beeinflussen lässt – und sich dann eben regelmäßig zur Räson zu rufen ;)

      Ganz liebe Grüße,
      Myriam

  10. Hallo Myriam, unabhängig von den Zahlen: wichtig ist in der Tat der ehrliche und offene Austausch sowie das Feedback ueber die Inhalte. Viele Gruesse Andreas

  11. Ich habe es mir abgewöhnt, der Statistik meines Blogs Aufmerksamkeit zu schenken, als mir bewusst wurde, dass ich einmal die Fußgängerzone in einer mittelgroßen Stadt rauf und runter latsche und da genau so viel Leuten begegne wie in ganz Deutschland/Österreich/Schweiz zusammen an einem Tag meinen Blog lesen, sagen wir max. 500. Als mir das klar wurde, hab ich einmal laut gelacht, und weitergeschrieben.

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