Die Angst darf gern zu Hause bleiben

Die Tage werden kürzer, nicht nur jeder für sich, sondern auch alle in ihrer Gesamtheit. Ich rede jetzt nicht vom unvermeidlichen Ende der eigenen Existenz, sondern nur vom Einschnitt in meinen Alltag: Nur noch zwanzigmal schlafen, dann bin ich für ein halbes Jahr in Südamerika. Nun sagt mir eigentlich ein jeder, dem ich das erzähle: Toll, ich beneide dich. Meistens beneide ich mich auch selbst und finde, dass das die beste Idee meines Lebens war. Und dann wieder gibt es Augenblicke, da denke ich: Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?! Das sind die Momente, in denen ich von zahlreichen Ängsten überfallen und aufgefressen werde. Ängste, die ich unheimlich gerne daheim lassen würde.

Und weil Schreiben die beste Therapie ist, zumindest für mich, dachte ich mir, ich nutze einfach diesen Blog zur präventiven Angst-Bewältigung. Natürlich sind diese meine Ängste zum Teil extrem abstrus, das haben Ängste leider so an sich, dass sie oftmals nicht in der Realität verwurzelt sind, sondern in einer Parallelwelt, in der man morgens vergisst sich anzuziehen und Ameisen so groß werden wie Einfamilienhäuser.

1. Ich werde beraubt/vergewaltigt/in Stücke gehackt

Angst: Diverse Sicherheitsberichte, Diskussionsforen und Listen im Internet legen dringend nahe, dass ich in großen Teilen Südamerikas das Haus gar nicht erst verlassen sollte, weil man da drüben im Grunde nicht mehr weit entfernt ist vom toxischem Wasteland a la Mad Max, nur mit weniger Charlize Theron und mehr Salsa. Der Tod lauert an jeder Ecke, von allen Wertsachen kann man sich schon vor der Reise verabschieden und wenn man am Ende der selben noch alle Gliedmaße hat, dann herzlichen Glückwunsch.

BeruhigungDas gleiche gilt auch für Berlin. So jedenfalls stellt sich das in den Augen der Menschen und (US-amerikanischen) Behörden dar, die auch bei Südamerika das große Zittern bekommen. Demnach ist meine Heimatstadt ein drogenverseuchter Müllhaufen, der von gewalttätigen Perversen regiert wird und wo der nächste große Terrorakt nur einen Wimpernschlag entfernt ist. Wie richtig oder falsch das ist, soll jetzt mal gar nicht zur Diskussion stehen, es geht hier schließlich nur um meine Ängste und da kann ich sagen: Ich habe keine. Ich fühle mich sicher hier. Warum also sollte das nicht auch in Lima gehen? Man muss sich nur bewusst machen, dass andere Leute eine andere Perspektive haben und dass diese Perspektive nun mal häufig ziemlich tiefdunkelschwarz ist, selbst wenn alles um sie herum ganz farbenfroh daherkommt.

2. Alles nur aus Langeweile 

Angst: Seit nunmehr zwei Jahren habe ich nie wirklich Urlaub gemacht (außer letztes Jahr mal eine Woche am italienischen See, aber da musste ich auf dem Küchenfußboden schlafen, was wenig erholsam war), ich habe immer irgendwie gearbeitet, meistens an mehreren Dingen gleichzeitig. Die Idee, das alles hinter mir zu lassen, wenigstens für ein paar Monate, schien immer verlocken. Bis jetzt, wo es nahe rückt. Jetzt denke ich: Was, wenn ich mich langweile? Was, wenn ich gar nicht damit klar komme, frei zu haben? Was, wenn das Schreiben allein nicht genug zu tun ist?

Beruhigung: Wenn mich die Panik vor dem Nichtstun überfällt, schaue ich mir nochmal ganz in Ruhe die Dinge an, mit denen man sich beschäftigen kann; Dinosaurierspuren, Regenbogenberge, Salzseen und so weiter und so weiter. Und dann denke ich mir: wenn mir bei all diesen Wundern wirklich dauerhaft langweilig wird, dann habe ich eh ein ganz anderes Problem, nämlich meine komplette Persönlichkeit.

3. Trennungsalarm am Andenkamm

Angst: Ich hänge recht viel mit meinem werten Herrn Partner rum oder tat es zumindest phasenweise, als ich noch nicht so viel in fernen Städten arbeiten musste und bin deshalb zuversichtlich, was so ein gänzlich geteiltes halbes Jahr angeht. Eigentlich. Uneigentlich sorge ich mich doch hin und wieder, wie es wohl für uns sein wird, wenn wir so enorm viel Zeit miteinander verbringen müssen und kaum Möglichkeiten haben, den eremitisch veranlagten Teil unserer Persönlichkeiten zu pflegen.

Beruhigung: Sollten wir uns auf die Nerven gehen, dann trennen wir uns, dass haben wir mehr oder weniger schon abgemacht. Also nicht für das ganze Leben, das wäre nun doch ein wenig übertrieben, sondern da drüben, für ein oder zwei Wochen oder wie lange es eben dauert, bis man sich dann wieder sehen will. Ehrlicherweise gehe ich nicht davon aus, dass das wirklich nötig wird, aber es ist gut zu wissen, dass wir im Fall der Fälle gar nicht erst groß streiten müssen, sondern sofort getrennte Wege gehen. Hoffentlich, ohne dass wir uns dabei verlaufen.

4. Der deutsche Patient

Angst: Ich behaupte sehr gerne, dass ich nie krank werde, woraufhin oben erwähnter Partner gerne begütigend kichert und mir zweideutig zuzwinkert. Doch egal ob meine Eigenwahrnehmung nun wahnhaft ist oder wahrhaft, eines kann ich nicht bestreiten: Ich neige dazu, im Ernstfall das richtig große Krankheitslos zu ziehen. Ob Borreliose oder Hirnblutung, ich bin dabei, Gott sei Dank in großen Abständen. Das letzte Mal ist allerdings eine Weile her, insofern fürchte ich mich doch ein wenig vor Malaria und Konsorten, einfach weil ich die Neigung habe, eher selten krank zu werden, dafür aber schwer.

Beruhigung: Bisher habe ich all diese Dinge immer gut überstanden. Klar, ich war halbseitig gelähmt, hatte nach der Mandelentzündung quasi wochenlang ein Loch im Rachen und halluzinierte dank Aneurysma meine Lieblingsband ins Zimmer. Aber am Ende war ich immer wieder rundum gesund und munter, ohne Langzeitschäden oder chronische Symptome. Warum sollte das nicht auch so bleiben?

5. Angriff der Mutanten-Spinnen

Angst: Sie werden mich kriegen. Zu Hunderten. Tausenden. Sie werden auf meinem Bett sitzen, in meinem Rucksack, werden über meine Hände krabbeln, die Arme und mir ins Gesicht springen. Okay, jetzt ist mir schlecht. Denn ja, ich entspreche dem Klischee zu einhundert Prozent: Ich habe eine extrem irrationale Angst vor Spinnen.

Beruhigung: Hier beruhigt mich leider nur wenig. Ich versuche mich zu desensibilisieren indem ich heimische Spinnen auf die Hand nehme ohne in Panik auszubrechen und innerlich tausend Tode zu sterben, aber ich weiß nicht, wie effektiv das Ganze ist, da ich mich an nichts herantraue, was größer ist als mein kleiner Fingernagel. Ich fürchte, der ein oder andere Schreianfall wird sich in Südamerika nicht vermeiden lassen.

6. Winter ain’t coming no more

Angst: Als ich ursprünglich mal überlegt habe, mir ein halbes Jahr frei zu nehmen, war eines für mich augenblicklich klar: Ich würde im Winter fahren und zwar dahin wo es warm ist. Einmal im Leben würde ich dem Grau und der Kälte und dem Schnee und den Frost-Füßen entkommen. Einmal im Leben würde ich den Winter schwänzen. Doch jetzt, wo Starbucks wieder Pumpkin Spice Latte verkauft und ich das erste Mal seit langem Wollsocken aus der Schublade hole, da frage ich mich: Wird mir das alles nicht furchtbar fehlen?

Beruhigung: Sollte es wirklich soweit kommen, rufe ich mir einfach all die vielen Male ins Gedächtnis in denen ich den Winter verflucht habe. Außerdem gibt es ja auch drüben sehr kalte Gegenden, im Notfall muss ich eben zum Bergsteiger mutieren.

 

Das Schöne ist ja, dass die Lösung für alle diese Ängste die im Grunde gleiche ist: Vergiss es einfach. Das wird sich alles finden. Hoffe ich wenigstens. Und wenn nicht, dann bleibt ja immer noch das Schreiben, da kann man ja wirklich alles ausgezeichnet verarbeiten – auch einen Haufen akuter Angstattacken.

20 Kommentare

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  1. Ich les‘ da nur ‚raus: klappt schon … :-)
    Gute Reise, also!

  2. Ich bin genau wie du ich hab mich da gerade so wiedererkannt :D Ich liebe es Neues auszuprobieren, aber ich habe vor allem Angst 😅 Erfreulicherweise bin ich wie du und tue die meisten Dinge trotz Angst und habe dann ähnliche Gedanken wie du…mit ähnlichen Beruhigungsstrategien :)
    Ich werde nächsten Sommer alleine 3 Monate auf einer Almhütte arbeiten, da könnte ich jetzt auch schon so einen Text schreiben 😂
    Viel Spaß in diesem halben Jahr, es wird sicher toll 😍

    • Solange die Angst einen nicht abhält, die Dinge zu tun, die man tun will, ist es glaube ich auch ganz okay, hin und wieder ein kleiner Angsthase zu sein :D

      Allein auf der Almhütte klingt sehr spannend (und ja, mir kommen dabei auch gleich ein paar Ängste in den Sinn… ;)), da wünsche ich dir auf jeden Fall viel Freude – und wenig Furcht ;)

      Liebe Grüße!

  3. Ich kann dich soo gut verstehen!! Ich hab während meines Studiums ein halbes Jahr in Chicago verbracht, was auch total verschrieen war in punkto Kriminalität – es gab in meiner Heimatstadt sogar einen politischen Slogan „Wien darf nicht Chicago werden“! In den Monaten vor der Abreise hatte ich dann auch so wechselnde Phasen von Zuversicht/ gespannter Vorfreude und Panik. In welcher davon ich mich gerade befinde, hab ich immer an meinen Träumen gemerkt: entweder hab ich da in einem Traumhaus am Strand den American Dream gelebt oder bin von Drogendealern durchs Ghetto gejagt worden :D Du wirst sehen: die Wahrheit liegt immer irgendwo dazwischen! Und in jedemFall wird es eine Erfahrung fürs Leben! :)

    • Ich sage mir auch zwischendurch immer: Wenigstens ist es nicht Baltimore ;)

      Mit einer Wahrheit dazwischen kann ich auf jeden Fall sehr gut leben – denn wenn alles immer nur gut und schön ist, wird das ja auch irgendwann öde. Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt auf diese Lebenserfahrungen – die guten und auch die nicht ganz so guten!

  4. Ich kann dich gut verstehen. Aber ich sehe, dass du dich bestens vorbereitest. Heimische Spinnen über die Hand krabbeln lassen?! *brrr*Also wenn du das schaffst, dann wirst du auch den Rest mit Bravour meistern. ;)

  5. Spontan würde ich sagen: das mit dem Winter wird nicht wirklich zum Problem werden 😊 und das meiste andere auch nicht außer – die Monsterspinnen 😱😱😱

  6. Natürlich klappt es. Und ein bisschen Angst vor ganz konkreten Gefahren macht wach und schärft alles Sinne. Ein wunderbar lebendiges Gefühl. Alles Gute.

  7. Kann ich mir jetzt nicht vorstellen, dass es dir langweilig wird – nein, keinesfalls!
    Sobald du unterwegs bist, werden die Ängste sich in Luft auflösen; so läuft es doch immer. (Ich bin Expertin. Ich hab immer Schiss. Vor allem.) Die Spinnen sind natürlich ein ernstes Problem… vielleicht solltest du dir mal noch „Charlotte’s Web“ angucken. Damit du sie ein bisschen magst. ;-)

    • Das ist eine ausgezeichnete anti-Spinnen-Idee. Beziehungsweise pro-Spinnen-Idee :D

      Ich setze auch sehr darauf, dass unterwegs alles ohne große Furcht läuft; in der Regel habe ich auch nie akute Situations-Angst, sondern nur präventive Fantasie-Ängste ;)

  8. so ein cooler Beitrag! Ich musste erst schlucken, Schlangen sind nicht so mein ;-) Aber der Text ist so toll, ich finde du nimmst das alles so mit Humor und das ist super! Manchmal ist es besser mal alles über Bord zu werfen was man hört und liest und sich selbst ein Bild zu machen!

    Liebst,
    Alena
    lookslikeperfect.net

  9. Respekt für den Mut, überhaupt ein Flugzeug zu betretenWürd ich nie tun. Schon in der Gondel zur Zugspitze, bekam ich oben meine Hand nicht mehr von der Haltestange: Festgewachsen ;)

    Ich hab das Gefühl, mit deinem Weggang aus Berlin, verliert Berlin seine heißeste Frau – Hab jetzt erst Bilder von dir entdeckt. Ich liebe Frauen, in denen sich die Intelligenz mit der Schönheit paart. Und diese Brille macht dich absolut unwiderstehlich: Steh drauf auf Frauen mit Brille. Total sexy: „Sie trug nur Chanel und ihre Brille, als sie mir die Tür öffnete und es öffnete sich auch gleichzeitig die Tür zu meinem Herzen.“ Zitat: Spontan.

    Danke, dass es dich gibt <3

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