Wo ist mein Wohlfühlbuch?

Überraschung: Ich lese gerne. In guten Zeiten lese ich wild, ungezügelt und querbeet; da gibt es nicht viel, was ich an Literatur verweigere. Ich erfreue mich an allem Neuen, das mir in die Finger gerät, stoße in unbekannte Genres vor und in fremde Gedanken, erobere frische Seiten und Sätze, verschlinge Erzählungen, Gedichte, Romane, Novellen. Kurzum: Geht es mir gut, dann könnte ich gefühlt an jedem Tag gleich hunderttausend neue Bücher lesen.

Ein Buch für alle Fälle

Aber geht es mir schlecht, dann gibt es für mich immer nur ein einziges Buch. Ein Buch, zu dem ich wieder und wieder greife und bei dem ich ganz genau weiß, was und wer mich erwartet, bei dem jeder Satz mir das Gefühl gibt, dass wir eine gemeinsame Geschichte haben, er und ich, bei dem keine Zeile überrascht und jedes Wort beruhigt, ein Buch eben, in dem ich mich zu Hause und angekommen fühle, sobald ich es nur aufschlage – mein Wohlfühlbuch.

Okay, das klingt jetzt so, als sei dieses Buch wirklich immer ein und dasselbe und zwar schon mein ganzes Leben lang, aber das ist natürlich nicht so, man wird schließlich älter und kann nicht für immer Dolly lesen. Leider. Es wäre vielleicht vieles einfacher, wenn Burg Möwenfels mich immer noch so glücklich machen würde wie damals als Kind.

Eine Lesereise durch meine Wohlfühlbücher

Nach Dolly und der Grundschule kamen das Gymnasium und die Regale meiner Mutter. Dort entdeckte ich eines Tages Die Feuer von Troja von Marion Zimmer Bradley und damit mein nächstes designiertes Wohlfühlbuch. Ich liebte diesen Wälzer so heiß und innig wie nichts zuvor und auch ansonsten waren es luxuriöse Zeiten für mich, denn ich hatte noch ein zweites Buch, das immer wieder als Trosthafen funktionierte: Schwarzes Feuer. Das wird nun wahrscheinlich kaum jemand kennen, denn das ist ein Star-Trek-Roman und steht damit erfahrungsgemäß auf eher wenigen Leselisten. Nun, ich war ein seltsames Kind.

Auch als Jugendliche war ich ein wenig seltsam und mochte seltsame Sachen, zum Beispiel Maggie Estepp. Maggie Estepp sang in einer Band, die ich nicht richtig verstand, aber verehrte und hatte zudem ein Buch geschrieben: Tagebuch einer Gefühlsidiotin. Es wurde augenblicklich und für sehr lange Zeit mein Wohlfühlbuch. So in etwa bis zum Studium. Da nämlich wollte ich es dann plötzlich klassisch und wandte mich in jeder schlimmen Lebenslage dem Hamlet zu. War das nun Attitüde oder echtes Bedürfnis? Das lässt sich schwer beantworten, ist am Ende aber auch egal, Hauptsache war auch damals nur, dass es funktionierte und das tat es: Hamlet konnte mich immer trösten, bei Liebeskummer, nach der widerlichen Statistik-Klausur und jeden verfluchten November.

Irgendwann später im Leben tauschte ich Shakespeare gegen Gaiman und Pratchett. Good Omens, dieses großartige Wunderwerk, wurde mein nächstes Wohlfühlbuch und erfüllte seine Aufgabe mit Bravour. Ich weiß nicht, wie oft ich dieses Buch gelesen habe, aber wir könnten da durchaus schon im zweitstelligen Bereich angekommen sein. Und das nicht nur, weil es mir so oft schlecht ging, ich habe Good Omens auch ohne Probleme immer wieder gern gelesen, immer dann nämlich, wenn ich auf nichts sonst wirklich Lust hatte.

Und plötzlich: Eine Leerstelle

Damit sind wir auch schon am etwas traurigen Ende meiner Erzählung, leise angedeutet in der Überschrift: Ich habe zur Zeit kein Wohlfühlbuch. Als ich jüngst nach selbigem greifen wollte (keine Sorge, mir geht es nicht total schlecht, ich bin bloß überarbeitet), stellte ich fest: Es gibt keins. Good Omens funktioniert nicht mehr. Und nichts ist an seine Stelle getreten.

Das ist nicht die Schuld der Bücher. Es gibt viele andere Gründe dafür, dass ich plötzlich wohlfühlbuchlos bin: Die viele Arbeit, die die Intensität des Lesens oft untergräbt, das eigene Schreiben, das fremde Bücher manchmal monatelang verbietet, das dämliche Erwachsein-Sein-Müssen, das Einen unbemerkt distanziert von vielen Dingen, die sonst tiefer gingen, das Recherche-Lesen, das viel Raum und Zeit einnimmt. Und vor allem natürlich die nicht unerheblichen Veränderungen des eigenen Lebens und Charakters, die auch die Geschichten ändern, die einen berühren und trösten können. Ich hoffe von Herzen, dass nur alle diese Dinge zusammenkam und ich nicht etwa tatsächlich verlernt habe, in einem Buch einen sicheren Hafen und eine tröstliche Heimat zu finden.

Vielleicht war ich in jenem Moment auch einfach dermaßen irritiert davon, dass mein Wohlfühlbuch sich nicht von selbst gemeldet hat, dass ich gar nicht richtig darüber nachdenken konnte, ob es nicht doch irgendwo auf mich wartet. Das könnte gut sein. Vielleicht war ich tatsächlich vorschnell in diesen meinen Worten. Vielleicht zum Beispiel klappt Gut gegen Nordwind. Ich werde das auf jeden Fall ausprobieren, das nächste Mal, wenn alles Neue zu unsicher und anstrengend erscheint und nur ein Buch helfen kann, dass vertraut und gemütlich ist und fähig, die Realität so vollständig zu verdrängen, dass nur die Innenwelt der Seiten bleibt. Denn das ist wohl das wichtigste was ein Wohlfühlbuch leisten muss: Alles andere vergessen machen.

 

 

11 Kommentare

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  1. „Die Asche meiner Mutter“ von Frank McCourt ist eines meiner Wohlfühlbücher ❤️

  2. Ich kann dich so gut verstehen. Besitze deswegen eine „Bücherapotheke“ – sprich: die Bücher werden niemals weiterverkauft und auch nicht verliehen, da bin ich knallhart. Denn manchmal muss ich sofort (also: so schnell wie eben möglich) ein paar Seiten aus diesem oder jenem Buch lesen, damit ich mich besser fühle. Das läuft allerdings alles eher unter „leichte Lektüre“ und ich rede da nicht von der leichten Lektüre einer Hermine Granger – wobei Harry Potter in meiner Bücherapotheke einen wichtigen Platz einnimmt. ;)

    Dein Post hat mich gerade inspiriert, dem Thema mal einen eigenen Post zu widmen. Wollte gerade schreiben: Ich link dann mal rüber, aber wahrscheinlich bist du dann schon unterwegs. ;)

    Lieben Gruß

    Anna

    • Liebe Anna,

      das ist mir beim Schreiben auch aufgefallen; dass diese Bücher-Medizin (um in deinem herrlichen Apotheken-Bild zu bleiben) eher eine leicht verträgliche und bekömmliche ist. Was mal wieder dafür spricht, dass leichte Unterhaltung genauso eine Daseinsberechtigung hat wie schwere Literatur!

      Freue mich jetzt schon auf deinen Post zum Thema – und das ist ja das Tolle hier, dass irgendwie alles ‚drüben‘ ist, selbst das entlegenste Anden-Dorf. Na ja, zumindest so lange es dort Internet gibt :D

      Und noch was: Ich sollte mir ein Beispiel an deiner Verleih-Politik nehmen. Das Tagebuch einer Gefühlsidiotin zum Bespiel habe ich dann tatsächlich irgendwann verliehen – und leider nie wieder bekommen.

      Lieben Gruß zurück,
      Myriam

  3. Oh schön!
    „Die Feuer von Troja“ war definitiv auch eins meiner Wohlfühlbücher als ich noch an der Schule war. Und eine glühende Hamlet-Phase hatte ich auch! :)
    Meine Wohlfühlbücher sid tatsächlich „Die Tochter der Wälder“ und der zweite Teil „Der Sohn der Schatten“ von Juliette Marillier. Ich glaube aber, die gibt’s aktuell gar nicht auf Deutsch?
    Ist halt eine kitschige Mischung aus historischem Roman und Fantasy… Muss auch manchmal sein. 😉

  4. Feuer & Stein von Gabaldon ist seit ewigen Zeiten mein Wohlfühlbuch … und ziemlich zerlesen. :-)

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