Aufhören oder weitermachen?

Vor einiger Zeit schlug ich mich mit einem Projekt herum, an dem ich immer wieder verzweifelte, nicht wegen des Inhalts (der sehr viel Spaß machte) sondern auf Grund der Arbeit an sich (deren endloser Overhead mir dauerhaft schlaflose Nächte bereitete). Als ich eines Tages mal wieder auf der Couch herum heulte, nahm mein werter Partner – von Natur aus ein freiwilliges Premium-Mitglied jeder Mitleidsgruppe –  mich tröstend in den Arm. Ich schluchzte noch lauter, er tröstete noch mehr. Und dann schlug er vor, ich solle das Projekt doch einfach hinwerfen. Ich hörte auf zu jammern und machte große Augen. Hinwerfen? Mir war dieser Gedanke bisher nicht gekommen. Gerade darum erschien mir die Idee in diesem Augenblick wie eine göttliche Erleuchtung.

Ich warf das Projekt dann trotzdem nicht hin. Es genügte mir, zu realisieren, dass ich es könnte, wenn ich wollte. Ich fühlte mich allein schon freier durch das Wissen, dass ein vorzeitiger Abbruch nicht schön wäre, aber insgesamt verkraftbar, dass ich die Wahl hatte, dass es letzten Endes in meinen eigenen Händen lag, ob ich nun jeden Tag leiden würde oder nicht.

Das Problem mit dem Pflichtgefühl

Da nun log ich mich ein wenig selbst in die Tasche. Objektiv gesehen hätte ich natürlich wirklich hinwerfen können, aus meiner subjektiven Warte bezweifele ich jedoch, dass ich dazu in der Lage gewesen wäre. Ich habe nämlich eine Menge Pflichtgefühl und ertrage es außerdem schlecht, Menschen zu enttäuschen, denen ich etwas versprochen habe. Ärgerlicherweise gilt das vor allem dann, wenn das Versprechen beruflicher Natur ist. Da lege ich ein Durchhaltevermögen an den Tag, das oft mehr schadet als hilft, zumindest mir, die dann Doppelschichten kloppt oder weit unter dem Durchschnittslohn schufftet, weil ich nun einmal einen Deal eingegangen bin und man einen Deal nicht bricht. Dass ich dabei dann auch immer mindestens 110% geben will, dürfte der gesamten Problematik nicht unbedingt zuträglich sein, aber nun gut. Halbe Sachen liegen mir nicht. Nicht wenn es um meine Arbeit geht.

Privat bin ich da lockerer. Wenn mir zum Beispiel ein Buch nicht gefällt, dann lese ich es auch nicht zu Ende. Den Tanzkurs, den ich mal angefangen habe, hörte ich auf, als ich merkte, dass ich Swing nicht als Freude, sondern als Folter empfand. Wenn ich mich nicht gut fühle vor einer Verabredung, dann sage ich sie eben ab. Auch beim Schreiben quittiere ich regelmäßig den Dienst – und halte das auch zweifellos für die richtige Entscheidung. Viele Geschichten fühlen sich erst einmal interessant und wichtig an, entwickeln sich im Laufe der Zeit aber zu Schlafmitteln die schon ihren Schöpfer (also mich) schwer betäuben. Ich trenne mich dann gnadenlos, egal wie viele Seiten ich schon geschrieben habe.

Anders sieht es aus, wenn ich einen Text oder einen Artikel versprochen habe: Der wird dann geschrieben, selbst wenn die Finger und die Hirnzellen zu bluten beginnen. Da ist nichts mit Nein sagen im Nachhinein, unabhängig davon, ob ich mich in der Sache nur vage verabredet oder vertraglich gebunden habe oder nicht.

Eitelkeit und die Sache mit der Schuldfrage

Dabei ist die Theorie ja klar: Aufhören sollte man dann, wenn man physisch oder psychisch an seine Grenzen kommt (und nicht etwa erst dann, wenn man selbige schon im Rückspiegel verschwinden sieht), wenn man ungerecht behandelt wird und auch dann, wenn man sich unter Wert verkauft. Man sollte nicht rücksichtslos werden, mitnichten, aber man sollte sich selbst schützen lernen und dabei auch in Kauf nehmen können, dass man dann eben nicht überall und immerzu dafür gelobt wird, wie zuverlässig, umgänglich und strebsam man ist.

Denn das macht ehrlicherweise einen großen Teil meiner Pflichtverletzungs-Phobie aus – dass ich mich gern geschmeichelt fühle. Ich mag es, wenn Kollegen sagen: Die Myriam, auf die kann man sich verlassen. Das ist ja auch nicht schlimm, es sollte mich bloß wachsamer machen, wenn es darum geht, Zusagen zu geben.

Auch beim eingangs erwähnten Projekt zum Beispiel ahnte ich vorher schon, dass es den Rahmen dessen was ich zu leisten bereit bin ein wenig sprengen würde, alleine schon, weil ich nun einmal zwei Berufe habe und den zweiten, das Schrifstellertum nämlich, nicht dauernd hinten an stellen will. Aber ich habe mich damals so sehr gefreut, dass man mich an Bord holen wollte (und mich auch so sehr für den Inhalt begeistert), dass ich meine Bedenken ignoriert habe. Was wiederum ein weiterer Grund ist, warum ich Jobs nicht vorzeitig beenden kann: Ich weiß ja, dass ich mir das ganze Leiden selbst zuzuschreiben habe. Ich laufe nicht von Natur aus blind in solche Projekte, ich kneife die Augen bewusst ganz fest zu und muss mich deshalb nicht wundern, dass vor mir das große Chaos liegt, wenn ich sie schlussendlich doch mal öffne.

Gibt es einen Ausweg?

Die Lösung, beziehungsweise ein gangbarer Kompromiss wäre vermutlich, das alles nicht so verbissen zu sehen. Aber wie macht man das? Wie nimmt man seine Arbeit lockerer? Wie schafft man es, gar nicht erst an den Punkt zu kommen, an dem man hinwerfen will?

Das sind jetzt übrigens ernst gemeinte Fragen und ich freue mich sehr über Antworten – die wiederum gar nicht ernst gemeint sein müssen; mit Humor lässt sich schließlich fast alles leichter ertragen. Auch die eigene Verbissenheit.

17 Kommentare

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  1. Ich würde ja sagen: Unterschätze dein Publikum.
    Als Frau vom Fach stellst du einen ganz anderen Anspruch an dein Werk als das spätere Publikum. Von deinen 110 Prozent sind etwa dreißig völlig vergeudet und werden höchstens von einem anderen Fachmann erkannt und gewürdigt.
    Ich würde ja sagen, steck den Perfektionismus weg, das merkt eh keiner.
    Aber dann würdest du sagen: Selber!
    Und du hättest so recht :)

  2. Ich würde gerne etwas Kluges sagen, doch gibt es da, glaube ich, keine 0815 Lösung. Vielleicht häufiger der eigenen Intuition folgen, einen Mittelweg zwischen Bauch und Kopf. :-) Finde für DICH einen Weg, mit dem DU leben kannst, einen Kompromiss. Oft ist es heilsam. Ich kenne das nur zu gut, und immer wenn ich völlig geschlaucht auf dem Sofa sitze, dann schaffe ich es, für einige Wochen, die vielen kleinen Abstriche, Kompromisse um dennoch zufrieden zu sein, mit sich. Ist mein Akku wieder voll, neige ich dann auch wieder dazu, mich zu übernehmen.
    Ich wünsche dir viel Glück! :-)

    • Das ist eine gute Idee – ich müsste meine Intuition da nur ein wenig umtrainieren fürchte ich. Denn leider sagt mein Bauch meistens: Weitermachen! Alles geben! Nicht durchhängen! Er hat es nicht so mit dem Mittelweg. Ist wahrscheinlich die Gewohnheit … ich setze aber große Hoffnung in meine anstehende Auszeit, in der meine Batterie sich hoffentlich wieder füllt und ich vielleicht sogar lerne, einfach ein bisschen lockerer zu sein.

      Auf jeden Fall macht es schon mal Mut zu hören, dass Kompromisse nicht automatisch zu Unzufriedenheit führen :)

      • Absolut. Kompromisse sind in diesem Fall ein Zugeständnis der eigenen Grenzen. Man sieht sie, nimmt sie an und bemüht sich nicht übers Ziel hinauszuschießen. Denn es wird eh immer ’nur‘ bis zum Ziel (be/ge-)wertet. Alles, was da hinüber herausgeht, erhält leider wenig Anerkennung. Mit diesem Quäntchen mehr kann man wunderbar etwas Schönes anfangen.

      • So konkret habe ich das nie betrachtet! Aber das ist wirklich eine sinnvolle Art, Kompromisse zu betrachten. Ich werde wirklich versuchen, mir das zu Herzen zu nehmen – zumal ein Quäntchen mehr Schönes wirklich toll wäre :)

  3. Hang zu Perfektionismus ist leider nicht einfach abzustellen, schon gar nicht allein über den Kopf. Ich spekuliere jetzt einfach mal, dass du auch den Moment des Stolzes liebst, wenn du dich überwunden und eine schwierige, womöglich unangenehme Sache zu Ende gebracht hast. Die Frage ist, ob dieser kurze Moment, nach welchem es ja wohl – so habe ich es gefiltert – gleich mit der nächsten Überanstrengung weitergeht, wert ist, permanent über die eigenen Grenzen zu gehen.
    Spinn das mal weiter. Gesetzt den Fall, diese Überbeanspruchung von Körper und Geist führte schließlich zu einem Zusammenbruch. Dann wird dich niemand dafür loben, dass du so fleißig und tapfer warst. Kaum einer wird sich erinnern an das, was du geleistet hast. Nur der Zusammenbruch wird gesehen werden. Sobald dir das klar wird, innerlich klar wird, kannst du aus innerer Überzeugung heraus etwas ändern.

    • Da hast du mich jetzt wirklich perfekt analysiert. Und du hast auch absolut Recht damit, dass dieser kurze Augenblick des Stolzes keinen Zusammenbruch wert ist. Mein Problem ist meistens, dass ich den richtigen Moment verpasse, um mir das so nachdrücklich klar zu machen, dass ich auch entsprechende Konsequenzen daraus ziehe. Ich frage mich halt, wie man es zu innerer Überzeugung schafft. Häufiger darüber nachdenken? Genauer hinschauen? Tiefer analysieren?

      • Geh in Gedanken die schlechteste aller Möglichkeiten bis zu deren Ende und überlege dir, ob du bereit bist, die Konsequenzen zu tragen. Wenn nicht, hast du eine Einsicht gewonnen, die auf jeden Fall etwas in dir verändern, einen Prozess in Gang setzen wird. Ist die Antwort ja, dann ist das eben dein Weg und dann ist es gut, jemanden an der Seite zu haben, der ab und zu abbremst. Meine wichtigsten Entscheidungen habe ich auf diese Weise getroffen. Mit perfekt verkopfter Planung bin ich ganz schön auf die Nase gefallen.

      • Das klingt in der Tat nach einer vernünftigen Art, damit umzugehen. Ich werde es auf jeden Fall mal so versuchen. Wahrscheinlich mache ich mir die Konsequenzen bisher wirklich nicht in aller Tragweite klar oder rede mir immer ein, dass es soweit ja niemals kommen wird. Das werde ich jetzt mal abstellen. Also vielen Dank dir :)

  4. Meine Einstellung ist leider die Gleiche wie Deine und das hat mir nicht gut getan.Ich muss lernen, nicht so viel auf die Anerkennung der Anderen zu warten…Dir wünsche ich das Du den richtigen Weg gehst.

  5. Verdammt, das ist schon wieder eine Situation die mich an mich selbst erinnert. ich hatte dabei schon mehrere Phasen des Durchhaltens und Zu-Ende-Bringens hinter mir und war beim letzten Projekt (beruflich, Nebentätigkeit) ziemlich am Ende. Schließlich habe ich nach langem Grübeln abgesagt (es gab keinn Vertrag nichts, also die Grübelei war totale Zeitverschwendung). Nach der Absage habe ich erst gemerkt, was für einen Druck ich eigentlich die ganze Zeit hatte. Hab ich jetzt ’nen Rat für dich? Leider nicht, weil man meistens selber die Erfahrung erst machen muss. Deshalb hoffe ich, dass du bald eine gute Lösung für dich findest (es passiert übrigens überhauptnichts schlimmes, wenn man mal nein sagt oder absagt)

    • Das kenne ich gut, dass man oft erst hinterher merkt, wie viel Druck die ein oder andere Sache einem gemacht hat und wie groß die Erleichterung ist, wenn man da raus kommt… damals bei dem erwähnten Tanzkurs war das auch so :)

      Ich glaube, ich werde mal versuchen, mehr darauf zu achten, von Anfang an weniger Arbeit anzunehmen oder besser dafür zu sorgen, dass die Bedingungen für mich stimmen. Ich bin froh, dass ich jetzt ein paar Monate weit weg vom Alltag habe, um darüber nachzudenken, wie man das vielleicht gleich zu Beginn anders regeln kann… und da eben schon fleißig das Nein zu üben – in der Hoffnung, dass du recht hast und wirklich nix Schlimmes passiert ;)

  6. Bei un im Lehrerzimmer hing ein Plakat mit den Buchstaben GIGG (gut ist gut genug). Aber pfff …hat auch nicht viel geholfen. Drum jetzt mal eine richtige Auszeit ;-) .
    Besser fand ich da den sehr weisen Ratschlag meines damals 16-jährigen Kindes: „Chills mal – am Ende sterben wir sowieso.“ Wenn’s ganz arg kommt, denke ich daran und …es hilft!!

    • Okay, DAS ist mal ein cooles Kind :D Und ein ebenso cooler Ratschlag. Ich werde mal versuchen ihn zu beherzigen – könnte auch ausgezeichnet in Situationen funktionieren, die mir aus anderen Gründen unangenehm oder zum Beispiel einfach sterbens(haha)langweilig sind. :)

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