Was ich an Berlin vermissen werde

In ziemlich genau einem Monat verlasse ich Berlin und fliege für knappe sechs Monate nach Südamerika. Langsam wird es also Zeit, ein klein wenig Abschied zu nehmen (in diesen Dingen bin ich lieber zu früh dran als zu spät). Nicht meinen Freunden will ich hier Adieu sagen (das mache ich dann doch lieber persönlich), sondern der Stadt in der ich lebe – und die ich von Herzen liebe. Und zwar für einige Dinge, die ich ohne Frage vermissen werden, wenn ich demnächst auf Reisen bin. Zum Beispiel:

  1. Die Menschen. Jeden Tag sehe ich mindestens zehn Berliner, bei denen ich mich frage: Wie ist es dazu gekommen? Ohne „nur“ wohlgemerkt, also nicht von oben herab sondern ganz geradeaus: Wie kam es,  dass du dich montags um 13:23 Uhr mit einer Ukulele vor den Späti gesetzt hast? Wieso trägst du Geisha-Make-Up beim Radfahren? Warum hast du keine Hose (mehr) an? Was hat dich dazu bewegt, bei 29 Grad Außentemperatur eine Steppjacke zu tragen? Also im Grunde immer dieselbe spannende Frage: Was ist deine Geschichte? Nichts ist inspirierender als die hier so alltägliche Abweichung von Normalnull, als diese Leute, bei denen man nicht anders kann, als sich den Hintergrund ihres Lebens auszudenken.
  2. Den Umgangston. Als ich vor einigen Jahren beim Bäcker mein erstes Brötchen bestellte, bekam ich stattdessen eine ruppige Antwort serviert, nämlich: „Schrippe heißt dit!“. Statt mich zum empören war ich sofort ganz hin und weg von dieser Ansage und so geht es mir auch heute noch, wenn die gefühlt selten gewordene Berliner Schnauze mir ins Wort fällt. Das ist auf rotzige Art charmant und rotzigem Charme kann ich eben einfach nicht widerstehen.
  3. Den Dreck. Man kann es natürlich an sich gern sauber haben wollen, auch ich will es an sich gern sauber, aber ein sauberes Berlin, das wäre ein anderes Berlin und ein anderes Berlin, das will ich nicht. Klar, wenn ich zum Beispiel aus Düsseldorf zurückkomme und erstmal in feuchte Kotze trete, dann denke ich auch: Scheiße ist das! Aber wenn dann die S-Bahn wieder riecht wie ein Tankstellenklo, im Rinnstein die Kippen sich mit Bier mischen und an jeder Straßenecke ein altes Sofa steht, dann fühle ich: Ich bin zu Hause. Es stinkt und es ist eklig, aber ich bin zu Hause. Endlich.
  4. Die Spätis. Man gewöhnt sich an den Luxus der 24-Stunden-Verfügbarkeit von Zigaretten, Eis und Klopapier und auch daran von allen Späti-Besitzern im Umkreis von 500 Metern (vier) schon beim Reinkommen erkannt zu werden, ja, einmal nach Berlin gezogen ist man ist innerhalb von kürzester Zeit ein fester Bestandteil der nächtlichen Überfallszene, getrieben von großen Gelüsten oder noch größerer Schlaflosigkeit und man merkt oft erst zu spät wie abhängig man eigentlich von der Wahrheit dieses einen Satzes geworden ist: „Ich hol das mal eben schnell beim Späti!“
  5. Die Party. Berlin ist eine einzige Party, das lese und höre ich immer wieder und manchmal sehe ich das auch selbst, allerdings nur aus dem Augenwinkel, denn ich bin ja nicht einfach nur aus den Feierjahren raus, ich fand feiern auch schon scheiße als ich jung genug dafür war – wurde damals aber trotzdem immerzu auf welche geschleppt. Und genau deshalb werde ich sie auch vermissen, diese Party, die Berlin angeblich ist: Weil mich keiner zwingt, dort hinzugehen.
  6. Die Buchläden. Obwohl sicher auch hier vom steten Ende bedroht, trotzen viele Berliner Buchhandlungen der Ausrottung, was mich arm aber glücklich (entgegen der bekannten Hauptstadt-Werbung jedoch nur wenig sexy) macht. Nun wird es sicher auch in Südamerika noch Überlebende geben, allerdings kann ich in diesen nicht Shopping-Amok laufen, so gut ist dann weder mein Spanisch noch meine Körperkraft. Bücher kann ich drüben nur angucken, nicht mitnehmen. Wo wir grad dabei sind; auch Videotheken werde ich vermissen, allein schon weil ich das Gefühl habe, es gibt sie nirgendwo sonst mehr auf der Welt.
  7. Die Gleichgültigkeit. Du bist Berlin egal. Du kannst hier machen was du willst, es regt keinen auf. Du musst nicht drüber nachdenken, ob dein Arsch zu breit ist für die Hotpants (wie in Düsseldorf) oder ob du Fahrräder scheiße finden darfst (wie in Leipzig). Es guckt dich nie einer schräg an und wenn doch, dann ist er ein Tourist und du kannst dich sogar noch irgendwie cool finden, weil du einer dieser viel zitierten Berliner bist, die sagen: I don’t give a fuck. Why do you? 
  8. Das Level-Building. Der Alexander-Platz nervt. Er ist überfüllt, unübersichtlich und voll von Geschäften, die kein Mensch braucht. Na ja, ich zumindest nicht. Aber der Fernsehturm, den brauche ich, er ist nämlich der beste Orientierungspunkt den man sich vorstellen kann. Wäre Berlin ein Computerspiel, es hätte einen Preis verdient für dieses vorbildliche Level-Building. Innerhalb des Rings sieht man den Alex von gefühlt jedem zweiten Ort aus und kann sich so wunderbar zurechtfinden. Selbst ich, die in etwa den Orientierungssinn von Apple Maps hat.

Natürlich gibt es auch Dinge an Berlin, die ich weniger gut finde; den Verkehr, diese ultra-hässlichen Quadrat-Neubauten und den Mangel an Grünpflanzen. Außerdem gibt es hier Sachen, die ich zwar liebe, aber (so hoffe ich wenigstens) keinesfalls werde vermissen müssen, weil ich sie so oder sogar noch besser auch in Südamerika geboten bekomme: Kulturelle Vielfalt, leckeres Essen und laue Sommernächte zum Beispiel. Ein Stückchen meiner Stadt werde ich aber dennoch immer im Herzen tragen, denn ich mag zwar auch nur einer dieser Zugezogenen sein, aber egal wie weit und lang ich auch reisen mag: Ich werde keiner sein, der wieder geht.

Dafür haben auch die gesorgt, die ich am allermeisten vermissen werde: Meine eingangs erwähnten Freunde nämlich. Am Wochenende bekam ich ein kleines Geschenk überreicht und zwar eine wunderschöne Hülle für meinen Pass. Das Motiv darauf ist nicht zufällig gewählt, habe ich mir erklären lassen, es ist ganz bewusst ein Anker. Ein Anker in Berlin. Damit ich wieder hierhin zurückkomme. Ich gebe zu, da standen mir kurz die Tränen in den Augen. Wer würde nicht zurück in einer Stadt wollen, in der so wunderbare Menschen auf einen warten?

29 Kommentare

Gib deinen ab →

  1. Hey Myriam,

    sehr schön geschrieben! :)
    Klingt spannend, wo gehts denn hin?

    LG Torsten

  2. Fahr mal in die Außenbezirke – wenn du wieder in Berlin bist. Mehr Grün in der Großstadt geht (glaube ich) kaum. ;)

    https://ausflugsziele-berlin.info/alt-lubars-tegeler-fliess/

    • Das stimmt – ich mache regelmäßig ganz altbackene Sonntagsausflüge – das Tegler Fließ ist wirklich großartig und ein toller Tipp! :) ich liebe auch den Grunewald oder den Südwestfriedhof Stahnsdorf – aber das ist halt alles immer so weit weg von meiner Haustür. Ich fürchte ich muss mal einfach weniger faul sein ;)

  3. Das ist wirklich eine schöne Liebeserklärung an eine Stadt, die mich auch immer fasziniert, egal wie kurz oder lang ich dort bin…
    Gute Reise!
    Viele Grüße,
    Ellen

  4. Liebe Myriam, dann wünsche ich Dir … ja, was eigentlich, wenn man sich nicht kennt? :-) Eine entbehrungsreiche Zeit, damit Du ganz schnell wieder in der gelobten Stadt aufschlägst? Nein, ersteres nicht. Aber, dass Du bald wieder in der gelobten Stadt aufschlägst, das schon! Gute Reise und viel Glück!
    Zum Thema: ich wohne ja im Hohen Norden, wo es immerzu kalt ist (im frostbitten kingdom, wie man so sagt), wo es nie hektisch ist, wo Leute dicke Autos fahren, aber nicht damit protzen (ich fahr‘ gar kein Auto). Nun, wann immer ich in D auf Reisen bin, bin ich 80-90% der Zeit auch in Berlin. Es ist meine deutsche Lieblingsstadt. Hamburg z.B. ist in meinen Augen viel snobbistischer, und das mag ich nicht so gerne. In der Tat, in Berlin kann jeder rumlaufen wie er/sie will, es stört niemanden. Ich liebe den Dialekt dort, der ist echt zum Schießen. Ich finde es toll, was es da noch für Shops gibt. Nicht, dass ich diese oft aufsuchte, aber ich bin froh, dass diese nicht durch Ketten ersetzt oder völlig verschwunden sind (noch nicht). Die Armut dort ist natürlich eher negativ (also für die, die arm sind und nicht für die, die sich das anschauen müssen), ich fühle mich immer schlecht, wenn ich entweder kein Kleingeld dabei habe (ich zahle oft mit Karte), oder halt nur so wenig, dass ich dem erstbesten alles vermache und für den nächsten dann nüscht mehr übrig ist.
    Naja, wie auch immer, Berlin ist zusammen mit Wien meine Lieblingsstadt – bis jetzt … denn ich war noch nicht in München, Düsseldorf, Rom, Paris, London, Lima oder …

    • Liebe Stine,

      erstmal vielen Dank für den tollen Kommentar und für die lieben Worte – schließlich am Ende ist es doch auch schon fast egal ob man sich kennt oder nicht; gute Wünsche sind gute Wünsche ;)

      Respekt zum hohen Norden, ich zittere schon bei dem Gedanken, in Norwegen zu leben, ich hab es nicht so mit Kälte… den Berliner Winter werde ich auch definitiv nicht vermissen! Bei Hamburg gebe ich dir Recht, ich mag es da auch nicht so (Düsseldorf – wo ich geboren bin – ist übrigens ähnlich in meinen Augen) und in München zum Beispiel hab ich mich auch noch nie wohl gefühlt.

      Ich bin auf jeden Fall gespannt, ob Berlin denn meine Lieblingsstadt bleibt – oder ob ich eine ganz neue entdecke!

      Liebe Grüße,
      Myriam

  5. Du machst mir Appetit auf Berlin.

  6. Hallo Myriam,

    ein sehr interessanter Beitrag, auch wenn ich persönlich nicht in Berlin leben möchte. Hannover geht noch gerade so, Landeshauptstadt, aber trotzdem übersichtlich und alles gut mit dem Fahrrad zu erreichen.

    Ich wünsche Dir viel Vergnügen bei Deiner Reise und ich bin gespannt, welche Eindrücke Du dort gewinnst.

    Liebe Grüße, Elke.

    • Liebe Elke,

      erstmal vielen Dank für die lieben Wünsche! Hannover kenne ich nur von der Durchfahrt um ehrlich zu sein :) Mir wäre es wahrscheinlich zu klein; mir ist immer alles zu klein, ich mag (warum auch immer) wohl einfach dieses Millionenstadt-Gefühl …

      Aber ich bin auch froh, dass jeder etwas anders bevorzugt; sonst wäre es ja langweilig. Und es gibt es nichts Schöneres, als mit jemandem eine Stadt zu erkunden, der diese von Herzen liebt: Da sieht man alles mit ganz andren Augen.

      Ganz liebe Grüße,
      Myriam

  7. Um an den Beginn deines Posts anzuknüpfen: Beim Lesen habe auch ich mich noch ein weiteres Mal in die Stadt verliebt! Vielen Dank für deine Worte, die mir und bestimmt vielen Anderen aus dem Herzen sprechen!

  8. Ein tolle Liebeserklärung an die beste Großstadt überhaupt. Ich dürfte selbst zwei Jahre meines Lebens in dieser Stadt leben und auch jetzt vermisse ich immer noch die Kleinigkeiten, die diese Stadt so besonders macht und die man sonst nirgendwo finden kann.
    Danke, dass du mich wieder an diese Dinge erinnert hast :)

    Viele Grüße und eine tolle und vor allem spannende Zeit!
    Sandra

    • Liebe Sandra,

      gern geschehen :) Ich freue mich total, dass ich diese Erinnerungen in dir wecken konnte! Vielen Dank auch für deine lieben Wünsche, ich hoffe auch selbst sehr, dass diese Zeit in der Ferne wirklich toll und spannend wird – so aufregend eben wie sonst nur Berlin ;)

      Ganz liebe Grüße,
      Myriam

  9. Hallo,
    was für tolle Worte für eine tolle Stadt!
    Darf ich das auf meinem Blog Der Berlin (https://derberlin.wordpress.com/category/texte/) rebloogen?!
    Lieben Gruß und eine gute Zeit!

  10. Ach schön 😊 Es grüßt eine weggezogene Immerwiederkommerin 🙋

  11. Berlin ey <3 Schöner Text. Ich glaube, ich muss mal wieder Berliner Luft atmen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: