Wie viel Wahrheit darf es sein?

Neulich sagte eine Kollegin zu mir: „Dir kann man echt jedes Gefühl am Gesicht ablesen!“ Sie sagte das unmittelbar nach einem wichtigen Meeting, weshalb mir die zitierten Züge erstmal kurz entgleisten. Das hätten sie gar nicht tun müssen, ich hegte während des besagten Meetings schließlich beinahe ausnahmslos positive Gefühle, meine Gesichts-Transparenz war also in diesem Fall sicher eher wenig problematisch. Nichtsdestotrotz: Es stimmt. Ich kann meine Gefühle nur schlecht verbergen – und ich will es auch nicht.

Die Liebe in Zeiten der Ehrlichkeit

Das beste Beispiel dafür ist meine Beziehung: Zwischen meinem Partner und mir kann es zwischendurch sehr hart zugehen, also nicht im Sinne von fliegenden Ohrfeigen, sondern mehr so in Richtung offene Worte. Wir sagen uns nämlich so ziemlich alles, auch Dinge, von denen wir wissen, dass sie nicht besonders schön sind, sei es nun für uns selbst oder aber für den anderen. Dennoch, egal ob Kritik oder schamhaftes Eingeständnis: Wir sprechen aus was wir fühlen, denken oder getan haben. Und ja: Das kann manchmal grausam und schmerzvoll sein.

Wir fangen das auf, indem wir über das Gesagte (oder Gestandene) diskutieren und unsere Versionen der Wahrheiten gemeinsam auseinander nehmen. Das führt nicht nur dazu, dass man verdammt viel über sich selbst und sein Gegenüber lernt, sondern auch zu einer Intimität, die ich in der Art vorher nie hatte. Die Schmerzen, die unsere Schonungslosigkeit in manchen Momenten bedeutet, sind es Wert. Denn sie werden mit einem großen Vertrauen belohnt: Da wir immer auch das Gemeine äußern, das Harte und das Schamvolle, weiß ich, dass nichts was mein werter Herr Partner mir sagt, jemals gelogen ist.

Ich finde es wahnsinnig beruhigend, dass ich davon ausgehen kann, dass in meiner Beziehung beidseitig ein hoher Grad an Ehrlichkeit herrscht. Es bedeutet mir nämlich grundsätzlich sehr viel, die Wahrheit zu kennen. Es soll ja Menschen geben, die möchten lieber nicht erfahren, wenn sie betrogen werden oder jemand hinter ihrem Rücken über sie lästert – ich dagegen möchte alles wissen, jederzeit und zwar nicht die Schonkost-Variante, sondern jeden harten Brocken. Das ist wahrscheinlich auch ein Grund, warum ich selbst zu übertriebener Ehrlichkeit neige; die Hoffnung auf ein knallhartes wie du mir, so ich dir.

Chronik einer angekündigten Lüge

Manchmal allerdings denke ich: Du solltest dir langsam mal ein Image zulegen. Eine präsentable Persönlichkeit, die nach klar definierten Parametern für dein Schreiben steht. Das erscheint mir in solchen Momenten dann immer ganz professionell und sachgemäß, gleichzeitig bin ich von dieser Idee maßlos überfordert. Denn obwohl so ein durchkomponiertes Image natürlich nicht zwangsläufig bedeuten würde, sich etwas zusammenzulügen, was nichts mit dem Kern der eigenen Person zu tun hat, so hieße es doch, mehr und gezielter darauf zu achten, was man so von sich gibt, wo und wie man so rumläuft und inwiefern die Dinge harmonieren, die man nach Außen hin zeigt.

Das könnte ein wenig problematisch werden.

Ich bin nämlich nicht nur weitgehend ehrlich, ich bin auch unglaublich offen, manchmal vielleicht zu sehr: Es gibt kaum Fragen, die ich nicht geradeheraus beantworten würde, wenn man mir sie ebenso direkt stellt. Na ja, zumindest im persönlichen Gespräch, bei der schriftlichen Verewigung sieht das vielleicht anders aus, keine Ahnung, so oft wird man ja per Mail nicht ausgefragt, also ich jedenfalls nicht. So oder so: In der Regel denke ich in solchen Situationen nur wenig über meine Wirkung nach oder darüber, ob das denn alles ein stimmiges Bild ergibt, was ich da so erzähle.

Bericht einer Wortbrüchigen 

Dass ich so offen bin, ist übrigens durchaus eine Art von Selbstschutz. Wenn ich meine vermeintlich dunklen oder auch meine verletzlichen Seiten verhältnismäßig ungeniert zeige, kann sie zumindest keiner mehr gegen meinen Willen enthüllen. Außerdem – so viel zur Image-Frage – finde ich es auch bei berühmten oder semi-bekannten Leuten viel besser, wenn sie Ecken, Kanten und Disharmonien haben. Ich bevorzuge Menschen, die ihre Fehler zur Schau stellen (Dan Harmon) gegenüber solchen, die zur Mystifizierung neigen (Werner Herzog). Allein schon, weil das viel unterhaltsamer und halt einfach sympathischer ist.

Und natürlich bin ich alles andere als eine Heilige, auch nicht in Sachen Wahrheit. Klar, ich bin eine miserable Lügnerin und außerdem der Meinung, dass offene Worte besser sind als heruntergeschluckte Flüche, aber auch ich renne jetzt nicht die ganze Zeit herum und posaune am laufenden Band jeden Gedanken raus. Das wäre ebenso nervig wie es dumm wäre. Denn Wahrheit – das sollte man nicht vergessen – ist meistens subjektiv und kann außerdem schnell sehr verletzen, mich selbst oder andere.

Meistens wähle ich in zwiespältigen Situationen den schlüpfrigen Pfad der Diplomatie: Ich formuliere Antworten, die nicht direkt eine Lüge sind, aber auch keine ungefilterte Wiedergabe meiner Gedanken. Das empfinde ich in den meisten kritischen Fällen als einen akzeptablen Kompromiss und mit der Zeit bin ich sogar relativ gut darin geworden diesen einzugehen, ohne dass es jemand merkt. Obwohl es natürlich sein kann, dass mein eingangs zitiertes Gesicht mich dabei entlarvt und ich einfach nur denke, ich hätte das gerade total gut gelöst. Das müsste mir dann halt mal jemand ganz offen sagen.


*) Okay, genau genommen glaube ich natürlich nur das zu wissen, einhundert Prozent sicher kann ich mir nicht sein, das kann ich ja nicht mal dann, wenn es nur um mich selbst geht – man weiß ja, wie gern und oft man sich selbst in die Tasche lügt… aber das ist wieder ein anderes Thema. Glaube ich zumindest.  ↑ 

5 Kommentare

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  1. Das Zusammenleben meines Mannes und mir ist ebenfalls auf manchmal schmerzhafter Ehrlichkeit aufgebaut und auch ich empfinde das als hilfreich bei der Persönlichkeitsentwicklung.
    Ungewissheit macht mich irre, weil ich darauf nicht reagieren kann. Es bedeutet Stillstand für mich. Ich will alles wissen, um es für mich einordnen zu können. Außerdem bin ich ein absoluter Gegner von Familiengeheimnissen, da ich schon so viel Schmerz gesehen habe, der durch sie entstanden ist.

    • Ja, das stimmt. Bei den meisten Dingen (und Diskussionen) gehe ich gleich in den Problem-Lösungsmodus. Aber natürlich lässt sich der nur anschalten, wenn man überhaupt mitbekommt, dass da ein Problem ist.

      Das mit den Familiengeheimnissen kann ich sehr nachvollziehen. Ich bin Gott sei Dank in einem Umfeld groß geworden, wo immer klar war, dass man über die Dinge redet (sonst wäre ich wohl auch nicht so, wie ich es bin), aber natürlich kenne ich Menschen, bei denen das anderes war oder ist und da denke ich oft, dass sich viele Schwierigkeiten und Schmerzen vermeiden liessen, wenn man etwas offener miteinander umgehen würde…

  2. Sehr, sehr sympathisch. In meinem Gesicht kann man ja auch wie in einem offenen Buch lesen. Und beinahe schmerzhafte Ehrlichkeit kennzeichnet auch die Beziehung zwischen meinem Mann und mir – und das ist gut so. Mit allem anderen käme ich nicht klar und ich weiß gerne, woran ich bin. ;)

  3. Du bist richtig. Warum sich verstellen? Wer hat das nötig?

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