Habt mich bitte lieb! Oder: Wie eine Avocado dein Seelenheil retten kann

Bedauerlicherweise leide ich schon seit Längerem unter permanentem Liebesentzug. Also nicht faktisch, sondern theoretisch: Obwohl ich fantastische Freunde, einen prima Partner und eine vorbildliche Großfamilie habe, scheint da eine Art schwarzes Loch in meinem Gehirn oder Herzen zu sein, das immer noch mehr und mehr Liebe haben will – und das gerne auch von Menschen, die nun wirklich nicht dafür zuständig sind, mich ganz doll lieb zu haben.

Darauf zu bauen, dass meine Eltern mich auch dann noch lieben, wenn ich an Weihnachten verweigere, den Baum zu schmücken, finde ich noch legitim. Auch zu hoffen, dass mein werter Herr Partner mich nicht verstößt, nur weil ich vor dem ersten Kaffee unausstehlich bin, geht irgendwie klar – ich vertraue da voll auf die Nummer mit den guten und den schlechten Zeiten.

Dummerweise will ich aber auch von allen anderen lieb gehabt werden: Kellnern, Postboten, Nachbarn, Kollegen, Vorgesetzten, entfernten Bekannten, Freunden von Freunden und wildfremden Menschen an der Bushaltestelle. Ich habe mehrere Theorien warum das so ist, aber ich habe auch die Theorie, dass es letzen Endes ziemlich egal ist, welche dieser vielen Theorien nun stimmt, weil Erkenntnisse über den Ursprung von Problemen in der Regel zwar erleuchtend sind, aber kaum etwas ändern. Doch ändern möchte ich was, denn es gibt einige Gründe, die dagegen sprechen, permanent auf Liebe zu pochen.

  1. Man hat keine Augenhöhe. Wer von halbwegs Fremden bittschön geliebt werden will, der fordert das selten von Angesicht zu Angesicht, sondern erbittet es meist höflich und indirekt, indem er sich nämlich möglichst liebenswert und dabei leider meist auch kleiner macht. Das Mittel der Wahl kann eine überbordende Freundlichkeit sein, eine ständige Rückversicherung oder eine übertriebene Bewunderung, in jedem Fall kommt man dabei stets von unten und das ist nicht immer der beste Ausgangspunkt. Vor allem nicht im Berufsleben, wo es sehr viel mehr bringt, wenn man für sein fachliches Können respektiert wird, als für sein liebenswertes Wesen geschätzt.
  2. Man wird unsicher. Angelt man dagegen weiter nach einer (übertriebenen) Wertschätzung wird man von jeder knapp formulierten E-Mail aus der Bahn geworfen. Ich zum Beispiel bin ein Meister darin, zwischen den Zeilen Sarkasmus, Spott und Unzufriedenheit zu lesen, obwohl da eigentlich nur steht: Sorry, habe gerade nicht so viel Zeit. Auf Dauer kostet das viele Nerven, weil man nämlich nichts mehr einfach abhakt, ohne es vorher zu hinterfragen. Und wer nur lange genug hinterfragt, der findet auch etwas, an dem er verzweifeln kann. Glaubt mir, ich weiß wovon ich rede. Die Folge: Jede Selbstsicherheit geht ganz schnell flöten.
  3. Man nervt. Völlig verunsichert und augenhöhentechnisch irgendwo weit unter jedem Gegenüber bleibt eigentlich nur eines, um nicht den Verstand zu verlieren: Eine ständige Rückversicherung. Ist das so korrekt, wie ich das mache? Habe ich das richtig verstanden? War das höflich genug? Bin ich auf dem rechten Pfad? Ist das genug Trinkgeld? Kurzum: Hast du mich noch lieb? Und das nervt irgendwann tierisch. Hin und wieder mal Realität checken ist Pflicht, aber bei jedem Pups abklären, in welche Richtung er nun abgelassen werden soll, ist zeitraubend und anstrengend. Für die Pupsenden genauso wie die Angepupsten.
  4. Man verliert den Blick für das Wesentliche. Wenn man dauerhaft damit beschäftigt ist, überall dort nach liebevoller Bestätigung zu suchen, wo man sie eigentlich gar nicht braucht, kann es leicht passieren, dass man die Bereiche (und Menschen) des Lebens vernachlässigt, bei denen solche Emotionen wirklich wichtig sind, weil nämlich die Sorgen aus allen anderen Bereichen überschwappen. Statt den Spaziergang am Kanal zu genießen, überlegt man vierzig Minuten, was man wohl dem Kassierer getan hat, der grad im Supermarkt so unfreundlich war oder brütet über ausbleibende Antworten im dienstlichen Mailverkehr. Und sowieso: Der Feierabend, den gibt es bei zu großer Liebes-Fixierung schnell nicht mehr, denn schon Brecht wusste: Die Liebe, die ist an Zeit nicht gebunden.

Es ist also anscheinend eher schädlich, von jedem geliebt werden zu wollen. Nun ist es allerdings nur bedingt hilfreich, wenn man das mit dem Kopf zu hundert Prozent versteht, denn da ist immer noch den Bauch. Und der grummelt gern trotzdem weiter und hungert nach liebevoller Zuwendung von Seiten völlig Fremder. Wie gesagt: Nur weil man etwas begreift, heißt das noch lange nicht, dass sich auch etwas ändert. Was also tun?

Hier nun kommt endlich die titelgebendene Avocado ins Spiel, daneben auch mein erster Roman, letzterer allerdings nur am Rande. Denn aus Recherchezwecken habe ich für selbigen ungefähr fünfzehn Bücher zum Thema Selbstwert und Selbstliebe gelesen. Alle haben behauptet, man könne ungute Gedanken mit einem simplen Wort aufhalten, Stopp oder Schluss oder Genug zum Beispiel. In Sachen Liebesentzug habe ich das nun einmal ausprobiert und festgestellt: Bei mir funktioniert das eher so semi. Ich denke, ich weiß auch woran das liegt. Stopp, Schluss und Genug sind Vokabeln, die ich im Alltag nur selten im Munde oder dem Herzen führe, weshalb sie keine Bedeutung für mich und darum auch keinen großen Effekt haben, leider.

Und deshalb sage ich stattdessen einfach: Avocado. Nagende Zweifel? Avocado! In der Freizeit über die Arbeit grübeln? Avocado! Der Nachbar grüßt nicht? Avocado!

Das funktioniert erstaunlich gut. Zum Einen weil mein Gehirn mittlerweile tatsächlich gelernt hat, dass Avocado bedeutet: Denk mal um. Zum Anderen (und das, glaube ich, ist das Entscheidende) weil ich jedes Mal wenn ich Avocado denke oder sage, laut lachen oder leise kichern muss, einfach weil dieses Wort so völlig fehl am Platz ist (und sich auch ganz allgemein irgendwie lustig anhört). Ehrlicherweise habe ich nicht lange überlegt, was ein gutes Stopp-Ersatz-Wort für mich sein könnte, sondern einfach das erstbeste ausprobiert, was mir in den Sinn gekommen ist. Aber das scheint gleich ein Volltreffer gewesen zu sein.

Nun könnte ich natürlich anfangen mich zu fragen, ob denn diesen Artikel überhaupt jemals jemand lesen möchte und ob ich damit nicht vielleicht Avocado-Hassern (oder Hass-Avocados) grausam vor den Kopf stoße und ob mich denn eigentlich überhaupt noch einer lieb haben kann, wenn er das Ganze hier erstmal durchgelesen hat. Tue ich aber nicht. Ich sage lieber: Avocado!

 

17 Kommentare

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  1. Ooooh, das geht mir genauso! Und ich geh mir damit auch schon selbst auf den Keks, wenn ich mich wie ein unterforderter Labrador aufführe. Was mich aber am meisten stört, ist, dass man sich mit diesem übertriebenen „will to please“ zum leichten Opfer für alle Arten von Arschlöchern macht 😢

    Und ich bin jetzt Mitte 30 und echt mal zu alt für diesen Scheiß, aber wie du sagst, etwas wissen und etwas tun ist nicht das Gleiche 🙈 Vielleicht probier ich das auch mal mit einem Stopp-Wort, wenn mich mal wieder das schlechte Gewissen packt, weil ich zur Abwechslung mal auf meine eigenen Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen versuche 😅

    • Stimmt, leider nutzen viele es gnadenlos aus, dass man so liebebedürftig ist… und Alter scheint da in der Tat nur wenig zu schützen (obwohl meine Mama mir früher immer was anderes versprochen hat…): ich hab sogar eher das Gefühl, es ist über 30 ein bisschen schlimmer geworden – eher noch mehr unterforderter Labrador und noch weniger unabhängige Wildkatze (großartige Metapher von dir! :))

      Ich hab übrigens während ich das damals gelesen habe immer angezweifelt, dass so ein simples Wort wirksam sein kann. Und klar, IMMER funktioniert selbst die gute alte Avocado nicht – aber ich muss sagen, dass es doch erstaunlich oft gelingt, mich damit wieder auf den Teppich der eigenen Bedürfnisse zu holen ;)

  2. Schön, dass du dich fürs Veröffentlichen entschieden hast, hab’s sehr gerne mit vielem Schmunzeln gelesen. Das Wirksamste ist doch, wenn man auf diese Art in die Selbstreflexion gehen kann, ob Avocado oder Margherita … :-D

  3. Ich bin da ganz bei dir. Habe letztens meinen kompletten Heimweg mit Nachdneken verbracht (was ja nicht schlimm ist, aber:), weil ein Fahrradfahrer mit dumm angepöbelt hat (zu Unrecht!). Und ich bin froh, dass es anderen scheinbar auch so geht. Gerade überlege ich, ob das ein „Frauenproblem“ sein könnte. Deinen Tipp werde ich mal testen. Vielleicht mit einem anderen Wort ;)

    • Ich denk, das ist eher es ist das Problem eines gewissen Menschentypen; mein Freund zum Beispiel hatte vor einiger Zeit auch so eine ungerechte Fahrrad-Pöbelei und hat sich noch tagelang furchtbar darüber aufgeregt… :D Wobei ich ihn nie gefragt habe, ob er aus den gleichen Gründen so reagiert wie ich. Vielleicht sollte ich das mal tun ;)

    • Als Frau vom anderen Ende der Sensibilitätsskala kann ich bestätigen, dass dies kein Frauenproblem ist. (Auch wenn ich glaube, dass Frauen dank Erziehung und Rollenbilder anfälliger für Selbstzweifel sind.) Wenn mir einer doofkommt, reagiere ich auf zwei Arten (je nach Laune). Bei Egal-Laune denke ich: Oha, der hat Probleme. Da stand ich wohl zufällig im Weg, als sein Ärger ausgebrochen ist. Bei guter Laune denke ich: Jippieh, ein Vollhorst! Den mach ich jetzt erst mal platt! Denn so ein sinnloser Streit mit Fremden ist ein wunderbarer Anlass, den eigenen gesammelten Ärger mal rauszulassen.
      Dinge nicht persönlich zu nehmen, kann sehr entspannend sein. Mir ist klar, dass ihr sensiblen Menschen so viel Ignoranz kaum aufbringen könnt, aber ich hoffe, dass euch die Avocados und Margheritas (Pizza? Cocktail? Blume?) ein bisschen dabei helfen.

  4. Hallo Miriam,

    Ich weiss, das Thema ist wichtig und nicht wirklich lustig für denjenigen, der es mit der Suche nach Liebe übertreibt (Ich zum Beispiel) aber ich muss dir hier einfach schreiben wie breit mein Grinsen würde als ich von deiner Hass-Avocado gelesen haben😂😂😂

    Ein toller Beitrag 😉

    Liebe Grüße

    Laura

    • Liebe Laura,

      vielen Dank!! Es freut mich wirklich total, dass ich dich zum Grinsen bringen konnte :) Denn natürlich kann einem diese übertriebene Liebessuche bisweilen sehr an die Nieren gehen (mir auch), aber ich glaube, dass es immer gut ist, wenn man es manchmal schafft, den Humor darin zu finden und darüber zu lachen – das macht es ein ganz klein bisschen leichter damit umzugehen. Insofern ist es wirklich ein tolles Kompliment für mich, wenn ich dein Grinsen verbreitern konnte!

      Ganz liebe Grüße,
      Myriam

  5. Liebe Miriam,

    Ja an Liebe kann nichts schlecht sein aber auch vom Guten kann es zu viel werden.
    Humor hilft sehr oft 😀

    Liebe Grüße

    Laura

  6. Habe beim Lesen direkt an jemand Bestimmten gedacht. Habe ihr ebenfalls direkt, noch bevor ich fertig war – denn ich war mir sicher, dass das auf was fruchtbares hinaus läuft ;) – mal den Link zu diesem Text geschickt! Ich versuche ihr schon seit langer Zeit zu vermitteln oder dabei zu helfen, dass sie sich auf Augenhöhe mit den Menschen in ihrem Umfeld sieht – was meiner Meinung nach ebenfalls das Hauptproblem allegemeiner Unzufriedenheit ist – bin aber noch nie auf diesen tollen Avocado-Gedanken gekommen. Danke für diesen hilfreichen Ansatz!

    • Nichts lieber als das! Ich freue mich wirklich sehr, wenn jemand aus meinem Geschreibsel einen Nutzen ziehen kann, selbst wenn es nur ein kleiner ist. Ich hoffe, dass deine Freundin ein klein wenig vom Avocado-Gedanken profitieren kann, denn ich weiß wirklich gut, wie das ist, wenn man Probleme mit der Augenhöhe hat.

      Ganz liebe Grüße,
      Myriam

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