Warum überhaupt schreiben?

In der Warteschleife zwischen zwei Manuskripten habe ich mich in den letzten Wochen kopfüber in die Blog-Welt gestürzt. Ich habe produktiver geschrieben als je zuvor, vor allem aber habe ich wie verrückt gelesen und dabei spannende Menschen, gute Themen und unterhaltsame Blogs entdeckt. Als Autorin interessiere ich mich – welch große Überraschung – vor allem für Artikel rund um Bücher, andere fiktive Geschichten und das Schreiben selbst. Was eventuell dazu führt, dass ich demnächst pleite bin, hilfreichen Rezensionen und neu entdecken Romanen sei Dank, aber, hey, wenn schon komplett verarmt, dann wenigstens belesen dabei.

Von den Gründen meines zukünftigen finanziellen Ruins abgesehen, ist mir beim Lesen noch etwas anderes immer wieder begegnet, nämlich die Frage: Warum schreibe ich? Und da war ich dann ein bisschen verblüfft. Nicht über die Fragenden, sondern über mich selbst. Denn ausgerechnet ich, ansonsten allergrößter Fan einer permanenten Selbstreflexion, bin dieser doch sehr elementaren Sache nie auf den Grund gegangen. Mir kam der Gedanke gar nicht, mich nach den Gründen meiner Schreiblust zu fragen und auch jetzt, wo ich quasi dauernd darauf gestoßen werde, komme ich auf keine bessere Antwort als: Weil es halt so ist. Das Schreiben gehört zu mir wie die Knubbelnase und die braunen Augen: Angeboren. Ist so. Kann man nichts machen.

Eine Folgefrage scheint mir dagegen spannender: Warum veröffentliche ich? Viele, viele Jahre  (um genau zu sein 29) tat ich das nicht. Zwar kündigte ich als Vierjährige an, später mal Buchmacherin werden zu wollen, aber nur kurze Zeit später schienen Meeresbiologin (Spezialgebiet: Buckelwale), Archäologin (Spezialgebiet: Maya) oder Gerichtsmedizinerin (Spezialgebiet: so sein wie Scully) viel attraktiver. Trotzdem – und obwohl ich am Ende doch bloß TV-Journalistin wurde (ganz ohne Spezialgebiet) – habe ich immer geschrieben, zu Beginn Witz-Gedichte und Katzen-Novellen, dann viele lange Jahre schwülstiges Tagebuch, gefolgt von nicht minder schwülstigen aber deutlich sexuelleren Liebesabenteuern, ein paar Kurzgeschichten und schließlich dem ersten (völlig unleserlichen) Roman.

All diese Zeit habe ich nur zweimal etwas eingeschickt, einmal mit 14 eine Kurzgeschichte an die Brigitte und dann mit Mitte 20 den besagten ersten Roman an Diogenes. Das daraus nichts wurde, war zwar traurig, aber kein vernichtender Schlag. Es schien ohnehin irgendwie so wenig greifbar zu sein, diese Idee des Schriftstellertums. Dass es so etwas wie Leipzig oder Hildesheim gab, das hatte ich nicht mitbekommen und nun war ich eh zu alt dafür, außerdem kam es mir albern und anmaßend vor, mich als (angehende) Autorin zu bezeichnen, wo ich doch – so sah ich das damals – eigentlich nichts zustande gebracht hatte, diesbezüglich. Also behielt ich meine Texte, die ich natürlich weiter fleißig schrieb (von wegen angeborener Gendefekt), lieber für mich.

Bis dann Berlin kam. Denn in Berlin folgte auch ich endlich mal dem exzellenten Rat von Nassim Nicholas Taleb in The Black Swan und ging auf Parties. Okay, die Electronic Book Fair, aber das läuft in diesem Fall auf das Gleiche hinaus, den Beginn einer wunderbaren Freundschaft nämlich. Mit einer umwerfenden, schlagfertigen und wortgewandten Autorin, die mir plötzlich das Gefühl gab, dass es total okay sei, eine Schriftstellerin sein zu wollen und zwar eine, die auch mal was veröffentlicht. Über jene tolle Autorin lernte ich eine ebenso tolle Lektorin kennen, die sich aus purem Großmut meines mittlerweile zweiten Manuskripts annahm und mich mit ihrer anschließenden Kritik gute drei Schreib-Klassen besser machte. Vor allem aber gaben die Beiden mir den nötigen Rückenhalt, um dann eben doch mal vor die Tür zu gehen mit meinen Worten.

Den ersten Anstoß überhaupt zuzugeben, dass ich schreibe, gab kurz davor übrigens ein anderer, mein werter Partner nämlich. Den kannte ich gerade mal einen Tag (und eine Nacht), als er mich auch schon überredet hatte, ihm doch mal einen meiner Texte zu schicken. Keine Ahnung wie er das geschafft hat, vermutlich bin ich einfach dieser ganzen Kunsthochschul-Aura erlegen, die er damals hatte. Jedenfalls schickte ich ihm dann mal was und er schickte mir auch was, nämlich eine E-Mail. Und in der stand – ich weiß es peinlicherweise tatsächlich auswendig – ein folgenschwerer Satz:

Ich finde es schade, dass du dein Schreiben bisher noch mit Wenigen teilst, weil es deine künstlerische Pflicht wäre, uns alle zu bereichern.

Kein Wunder, dass ich an dem hängen geblieben bin (dem Satz genauso wie dem Mann). Was mich zurückführt zu der Frage: Warum veröffentliche ich? Und tatsächlich, zumindest die Hälfte der richtigen Antwort ist: Weil ich die Welt bereichern will. Ob mir das nun immer so gelingt, das sei mal dahin gestellt, sicher ist, dass die Vorstellung, andere Menschen zu amüsieren, zu erstaunen oder sonstwie innerlich zu berühren, für mich der beste Antrieb ist, hinaus zu gehen mit meinen Worten. Es ist auch nicht zuletzt der der Grund, warum ich Unterhaltungsromane schreiben möchte und nicht die große Literatur (auch hier sei übrigens wieder völlig dahingestellt, ob ich das denn überhaupt könnte, wenn ich es denn wollte).

Die andere Hälfte der Antwort ist übrigens noch viel einfacher. Sie lautet schlicht: Weil ich Schriftstellerin bin. Mehr steckt nicht dahinter – ein Bäcker fragt sich ja vermutlich auch nicht täglich, warum er seine Schrippen eigentlich zum Verzehr anbietet. Wobei jetzt wahrscheinlich auch nicht jeder Bäcker von sich sagt, er kann gar nicht anders als Brötchen backen, insofern hinkt der Vergleich ein wenig. Aber, auch das habe ich dann irgendwann begriffen; wenn jeder erst warten würde, bis alles was er schreibt absolut perfekt ist, dann brächte ja nie irgendjemand irgendetwas heraus. Und das wäre doch wirklich schade.

 

 

26 Kommentare

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  1. Ich wollte auch Meeresbiologin und Archäologin werden (wegen Jurassic Park)! Danke für die Einsicht, warum man manche DInge einfach machen mus.

  2. Ich veröffentliche – nur E-Books und auch nicht übermäßig erfolgreich – aus mehreren Gründen. Bei meiner ersten Veröffentlichung ging es mir darum, eine seltene Krankheit (die bei einer meiner Töchter zum Tod führte) mit all ihren Folgen bekannt zu machen und aus der Isolation zu holen. Bei gesellschaftskritischen Texten will ich ganz stark, dass meine Worte gehört werden und verändertes/erweitertes Denken in Gang setzen. Bei Inhalten zu persönlichen Krisen/Erlebnissen möchte ich erreichen, dass Menschen in schwierigen Situationen sich nicht so allein fühlen und zeigen, dass es fast immer einen Weg heraus gibt.. Und mit allem möchte ich Mut machen: sich zu öffnen, nie aufhören zu lernen und ihr Leben so zu leben, wie sie selbst es für richtig halten.

    • Wow! Es ist toll und bewundernswert, dass du dich mit deinen Worten einsetzt; für Themen, die sonst vielleicht nicht stattfinden oder die gar nicht genug diskutiert werden können, erst Recht wenn du damit anderen Menschen helfen willst (was du sicherlich auch tust). Das hat meine große Bewunderung!

      Ich finde übrigens, du kannst das Wort ’nur‘ vor den E-Books streichen oder vielleicht sogar den ganzen Halbsatz; was heißt denn schließlich schon erfolgreich? Denn gerade wenn es dein Ziel ist, Menschen zu helfen und Mut zu machen, dann bist du doch schon erfolgreich, wenn ein einziger Leser sich gestärkt und verstanden fühlt. So sehe ich das jedenfalls :)

  3. Du hattest mich schon bei dem Satz „(…) wenn schon komplett verarmt, dann wenigstens belesen dabei.“ :D

    Sehr schön geschrieben und danke für diese Inspiration. So habe ich es tatsächlich auch noch nicht gesehen. Ich bin froh, diese Welt hier (und dich) entdeckt zu haben.

  4. Das ist interessant, dir geht es um Bereicherung (also der Welt) mir lediglich um Unterhaltung (nicht mal der Welt, sondern lediglich des deutschsprachigen Raumes) :-).
    Was wollte ich denn früher werden? Professorin für den linken Lungenflügel … kein Witz. Dann „was mit Astrophysik“ … naja, in Physik und Mathe war ich versetzungsgefärdend schlecht – ach was gefährdend, ich habe ein Jahr wiederholt. Hat sich also auch irgendwie nicht so ergeben.

    • Unterhaltung IST ja Bereicherung – finde ich wenigstens ;)

      Professorin für den linken Lungenflügel ist mit Abstand der kreativste Berufswunsch, den ich je gehört habe :D Kannst du dich noch dran erinnern, warum du das werden wolltest? Klingt nämlich nach einer spannenden Hintergrundgeschichte!

      Dein Physik-und-Mathe-Schicksal teile ich übrigens, quäle mich aber trotzdem gern durch Bücher über Quantenphysik… vielleicht hätte ich einfach Vollzeit-Masochist werden sollen?!

      Liebe Grüße,
      Myriam

      • Vollzeitmasochist! Ja, ganz genau das trifft es! Denn ich war es! Und so komisch das jetzt klingt, ich habe, als ich jung war, auch gerne populärwissenschaftliche Bücher über Astrophysik gelesen, denn ich habe damals fasziniert vor dem Fernseher (glaube es war im ZDF), die Sendung „Unser Kosmos“ von Carl Sagan geschaut. Danach habe ich das zugehörige Buch zum Geburtstag oder Weihnachten bekommen. Naja, ich hielt mich für fit genug, das Schulwissen durchzustehen … welch eine Selbstüberschätzung :-).
        Ach so, du wolltest ja wissen, wie es zum linken Lungenflügel kam: weiß ich nicht mehr im Detail. Ich weiß nur noch, dass meine Mutter damals Krankenschwester, und ich immer fasziniert war von den Lehrbüchern (so Anatomiebücher mit Zeichnungen vom Skelettsystem und dem Pschyrembel), die ich mir durchgeblättert habe. Vielleicht war es die Abbildung einer gesunden oder kranken Lunge, die mich zu diesem Berufswunsch verleitete … damals … lang, lang ist’s her …
        Auf jeden Fall war mir wohl intuitiv damals schon klar, dass man sich als Mediziner spezialisieren muss :-) Aber im Ernst, ich bin nun weder im medizinischen noch (astro)physikalischen Bereich tätig. Habe Geologie studiert. Und nicht wegen den possierlichen Paläontologen in „Jurrasic Park“ …

      • Ah, der gute alte Pschyrembel, da hab ich als ich klein war, auch voll gern drin geblättert, meine Mama war damals nämlich tatsächlich auch Krankenschwester! Ich frag mich, warum ich das so faszinierend fand, wirklich spannende Kinderlektüre ist das ja eigentlich nicht…

        An Geologie hätte ich mich nicht gewagt, obwohl ich in der Kindheit eine Phase hatte, in der ich Edelsteine gesammelt habe, bevorzugt Amethyst, Bergkristall und Pyrit – mein Gott, an was man sich plötzlich alles erinnert, wenn man erstmal anfängt :D

      • Absolut … wegen Pschyrembel: ich erinnere mich noch gut, wie ich damals immer gewünscht hatte eine Knollnase zu bekommen. Ich wusste natürlich nichts von Krankheiten, also hatte keine echte Vorstellung davon, aber das Abbild von dem Mann mit der Knollnase hatte es mir angetan, weil es, wie es mir jedenfalls heute in Erinnerung ist, eine harmlose Krankheit ist. Werde ich wohl niemals vergessen. Einige Abbildungen im besagten Pschyrembel waren allerdings gar zu fürchterlich …
        Das Geologie-Studium war eines der sachteren Studiengänge, was Nebenfächer anbetraf. Mediziner mussten Physik- und Chemie-Scheine (Plural). Wir Geologen lediglich einen in entweder Physik oder Chemie. Hab Physik genommen (da war sie wieder, die Physik) und ist mir gut bekommen :-)
        Na gut, da könnte ich jetzt auch eine Abbhandlung drüber fabulieren … ich will aber niemanden langweilen. Einen schönen Abend wünsche ich dir :-)

      • Ich glaube das gar zu fürchterliche war genau das, was mich angezogen hat :D Spätestens in der Gerichtsmedizin-Phase!

        Auch ohne lange Abhandlung (die bestimmt gar nicht langweilig wäre) klingt gut bekommen nach: Exzellente Wahl und alles richtig gemacht. Also Glückwunsch, das kann schließlich auch nicht jeder von sich behaupten :)

        Dir auch einen schönen Abend,

  5. Witzig, ich wollte auch Meeresbiologin werden – Jacques Cousteau war mein Vorbild. Schon als Kind habe ich mir immer Geschichten erzählt und meine Aufsätze wurden regelmäßig allen vorgelesen. Aber schreiben und veröffentlichen? Von ein, zwei Gedichten von viiiielen Jahren (für eins gabs sogar Honorar) ist da noch nicht erschienen.
    Ich bewundere diejenigen, die es schaffen eine Geschichte – kurz oder lang – so richtig auszuformulieren und zu einem plausiblen Ende zu bringen.

    • Da können wir ja bald einen Club gründen :D

      Na, die Frage beim Schreiben und auch beim Veröffentlichen ist ja auch, inwiefern einem das wichtig ist… Eine Geschichte zum Ende bringen ist ja wirklich nicht immer leicht, ganz im Gegenteil. Und beim Veröffentlichen spielt eben auch Glück eine Rolle, schließlich hat man da nur bedingt Einfluss drauf – es sei denn, man entscheidet sich für Selfpublishing, wo ich nur meinen Hut vor ziehen kann – ich wäre nicht diszipliniert und organisiert genug dafür.

      Übrigens bewundere ich wiederum jeden, der Gedichte schreiben kann. Das liegt mir nämlich leider gar nicht :)

  6. Hallo Myriam,
    ich glaube, so eine Bestätigung von außen ist so ziemlich das wichtigste, um den Schritt zur Schriftstellerei endlich zu wagen. Nur an sich selbst zu glauben, ist nicht immer einfach. Aber wenn da noch ein weiterer Mensch ist, der sagt: Hey, das, was du da schreibst, ist richtig gut, dann gibt es einem den Stups, den man in diese Richtung einfach gebraucht hat. Zumindest war es auch bei mir so.
    Danke für diesen sehr interessanten Einblick!
    Liebe Grüße, Alex

    • Hallo Alex!

      Ja, da hast du vollkommen Recht! Ganz ohne Außen geht es nicht – ich gebe auch gern zu, dass das immer noch so ist: Hin und wieder brauche ich Aufmunterung Bestärkung, denn auch wenn ich z.B. bei der Verlagssuche viel Glück hatte, zweifle ich manchmal arg an mir und meinem Schreiben. Da ist es immer wohltuend und hilfreich, wenn jemand sagt: Doch, du machst das richtig!

      Ganz liebe Grüße zurück,
      Myriam

  7. Liebe Myriam,
    das ist so ein toller Beitrag! Super authentisch und ehrlich! Mir ging es genauso. Ich schrieb meine Texte eine zeitlang nur für mich und ließ die Welt nicht daran teilhaben. Es hat ebenfalls die richtige Erkenntnis und Weisheit von Freunden gebraucht, bis ich diesen Schritt gewagt habe. Ich denke unsere Talente sollten wir nicht für uns behalten, sondern die Welt daran teilhaben zu lassen. Denn genau das ist unter anderem die Kunst des Lebens: einander helfen und bereichern durch unsere Talente. Liebe und ein Gemeinschaftsgefühl durch die Kreativität in uns verbreiten und aufblühen lassen.

    Liebe Grüße,
    Petra

    • Liebe Petra,

      das hast du wirklich wunderschön geschrieben! Die Idee eines Gemeinschaftsgefühls, das aus Kreativität entsteht ist wirklich toll und es ist sehr erfüllend, zu hoffen, dass man selbst dazu beitragen kann.

      Umso schöner, dass auch du dich ‚hast überreden‘ lassen! :)

      Ganz liebe Grüße zurück,
      Myriam

  8. aufanderenseiten August 31, 2017 — 8:18 am

    Hallo Myriam,

    „Warum schreibe ich“ ist eine Frage mit der ich mich auch schon befasst habe und ich fand es sehr interessant, deine Gedanken dazu zu lesen und auch deinen Weg zur Veröffentlichung nachzuverfolgen. Wirklich total spannend. Ich freue mich darauf, weitere Artikel auf deinem blog zu lesen.

    Liebe Grüße,

    Tasha

  9. Du solltest unbedingt „Büchermachen“ von Ernst Heimeran lesen. Auch da wurde jemand mit Haut und Haar vom Bücherschreiben befallen. Bei mir ging es mit sechs Jahren los, gleich mit einem enzyklopädischen Projekt, das aber über ein paar Seiten (auf einem Kellnerblock!) nicht hinauskam.

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