Mach schon, optimiere dich!

Bei Facebook sah ich heute die Werbeanzeige für einen Kalender. Nicht irgendeinen, sondern einen, der dein Leben im Handumdrehen verbessert, weil du darin nämlich nicht mehr bloß notieren kannst, wann du wen triffst, sondern auch was deine Wünsche und Träume für diesen Tag, diese Woche, diesen Monat sind, wie du all diese Dinge schrittweise erreichen willst, was dich dabei motiviert und wie du dabei vorgehen willst. So ist das mittlerweile: Es reicht nicht, wenn man Termine eintragen kann, es müssen Ziele sein.

Versteht mich nicht falsch: Ich habe nichts gegen liebevoll gestaltete Terminplaner mit Tagebuchfunktion und Tuschezeichnungen. Oder gegen Bullet Journals. Ich habe bloß was dagegen, dass ich augenscheinlich immer besser und besser und besser werden soll, körperlich, geistig, spirituell und sexuell wahrscheinlich auch, Potential nach oben gibt es offenbar überall. Denn es ist mitnichten nur der Planer, der mehr oder weniger dezent nahe legt, dass es an mir stets noch etwas zu optimieren gibt, das sagen mir auch zahlreiche andere Artikel (sowohl solche, die man liest als auch jene, die man käuflich erwerben kann). Und das soll ich nicht für andere tun, sondern ganz allein für mich selbst. Was im Grunde eine ziemlich perfide Argumentation ist, denn wenn es doch um mein eigenes Wohlergehen geht, wie kann ich dann überhaupt dagegen sein?

Weil der Optimierungsweg heimlich vorgegeben ist, deshalb. Weil es eben nicht allein darum geht, dass du dein ganz persönliches optimales Ich sein sollst, sondern das allgemeine optimale Ich, das eigentlich bitte alle sein sollen und das sich an den zehn Geboten der Perfektion ausrichtet.

  1. Du sollst gesund sein! Genügend Wasser trinken, frische Früchte, Smoothies, Salate und Samen diverser Naturen essen, Sport machen, mindestens täglich Yoga, gerne aber mehr, immer ausreichend schlafen und rauchen geht natürlich gar nicht. Kaffee dagegen schon, denn der sieht er auf Bildern einfach herzallerliebst aus, zumindest wenn er in der optimalen Tasse serviert wird.
  2. Du sollst authentisch sein! Aber dabei bitte voller Liebe, Lachen und vor einem weißem Hintergrund oder im zaghaft zerwühlten Bett. Denn gleichzeitig mit der Aufforderung, dich nicht zu verstellen, kommt der Wunsch, das Ergebnis möchte doch bitte ästhetisch ansprechend sein. Warum sonst sollte jemand hingucken? Und das jemand hingucken soll, das versteht sich doch von selbst.
  3. Du sollst verbunden sein! Sei Teil einer Community, eines Lebensgefühls, einer Gemeinschaft, Hauptsache du bist nicht allein und dabei bitte lieber öffentlich als privat. Nicht ohne Grund spuckt Google bei der Suche nach dem Wort Optimierung unzählige Tipps für dein Agieren in den sozialen Netzwerken aus, die mal mehr mal weniger offen darauf verweisen, dass es eine Währung für deine Erfüllung gibt: Follower und Likes.
  4. Du sollst deine Träume leben! Ob sie sich in der Realität verankern lassen, ist dabei nicht so wichtig, wichtig ist nur, dass du sie a) hast, b) umsetzt und c) präsentierst. Reisen macht sich dabei gut, Bücher schreiben auch, alles was innere Ruhe oder eine (nicht zu esoterische!) Erleuchtung verspricht geht sowieso klar und wenn es erstmal nichts weiter ist als ein grundsätzlicher Wunsch zur Optimierung, na gut. Da kommen ja die anderen Ziele dann ganz von selbst.
  5. Du sollst keinen Druck haben! Vor allem nicht dabei, dich an alle diese Punkte zu halten. Aber das kann ja auch gar nicht sein, schließlich machen sie dich alle glücklicher und wo ist denn da bitte der Druck? Das ist doch ein Vergnügen, keine Arbeit!
  6. Du sollst lieben, was du tust! Ganz egal ob beruflich oder privat: Du musst dich mit dem was du machst, identifizieren. Ein Job ist nicht da, um Geld zu verdienen, ein Job ist nur eine weitere Abzweigung auf deinem Weg zur persönlichen Perfektion und da ist es doch wohl selbstverständlich, dass du nichts tust, was einfach nur okay für dich ist. Wie durchschnittlich wäre das denn?
  7. Du sollst individuell sein! Also im nur Rahmen der Gebote natürlich, alles andere wäre schließlich Quatsch.
  8. Du sollst dich vermessen! War Mathe in der Schule noch das pure Grauen sind die Zahlen jetzt dein bester Freund; wie lange schläfst du und wie gut? Wie viele Schritte bist du heute gelaufen, wie viele Kalorien hast du verbrannt? Wie lange bist du wo gewesen? Wie effizient hast du deine Zeit genutzt? Fragen, für deren Antworten es Apps gibt, Gott sei Dank. So siehst du dein Potential jederzeit schwarz auf weiß, beziehungsweise bunt auf bunt, dafür hat man ja Farben im Smartphone.
  9. Du sollst nachdenklich sein (aber nicht zu sehr!) Natürlich sollst du Zweifel haben. Zweifel verbinden. Außerdem gebären Zweifel praktischerweise direkt neue Optimierungsziele, zum Beispiel zum Thema Motivation. Eine wohl gewählte Prise Nachdenklichkeit schadet auch sonst nicht, aber bitte wirf beim Reflektieren deiner Person und Umwelt jetzt keine wirklich schmerzenden Fragen auf. Alles sollte mit Tipps in Listenform gut lösbar sein. Sonst sind wir am Ende noch verzweifelt und wo kämen wir denn da hin? Ganz sicher nicht zu unserem optimalen Ich.
  10. Du sollst glücklich sein, verdammt noch mal! Darum geht es hier schließlich. Um dein Glück. Denn das ist das wichtigste, wichtiger als alles. Dass du am Ende glücklich bist, scheißegal, wie hart das ist.

Ich will ehrlich sein: De facto leide auch ich an mittelschwerem Optimierungswahn. In meinen Zwanzigern habe ich sogar mal eine Beziehung beendet, weil ich nicht damit zurecht kam, dass mein damaliger Freund einfach so rundum zufrieden mit allem war und keinen Sinn darin sah, sich selbst herauszufordern. Ich finde auch immer noch, dass es langweilig wäre, immer derselbe Mensch zu bleiben. Veränderung ist spannend und fast immer ein Gewinn. Und auch Träume braucht man, denn sie umzusetzen ist ein großartiges Gefühl. Es wäre traurig, wenn man es nicht versuchte und steckenbliebe in einem Leben, das eigentlich nicht das ist, was man sich wirklich wünscht.

Trotzdem nervt mich diese ganze Verbesserungswelle und als wäre ich noch der Teenager von vor 15 Jahren möchte ich manchmal meine Wände schwarz streichen, zerfetzte Klamotten tragen und ständig einen Flunsch ziehen, einfach aus Trotz. Das wäre aber auch Quatsch, ich mag nämlich schwarze Wände gar nicht mehr. Außerdem möchte ich (da ist er, mein Optimierungswille!) eigentlich auch aufhören, Dinge abzulehnen nur weil sie Trend sind.

So mache ich zum Beispiel Yoga, vornehmlich wegen des Rückens, aber auch, weil es mich entspannt und entstresst. Ich trinke sogar hin und wieder einen Smoothie und dass ich in gewisser Weise eine Gemeinschaft und Öffentlichkeit suche, das sieht man ja hier. Apropros Ehrlichkeit; ein bisschen bin ich wohl auch einfach neidisch auf strahlend weiße Hintergründe, leicht gebräunte Beine in zerwühlten Bedecken und Jetsetter mit Traumfigur. Aber eigentlich macht diese Art Lifestyle mir gar keinen Spaß, weil ich mehr so der Typ Couch und Pyjama bin.

Und darum, glaube ich, geht es mir eigentlich bei meiner persönlichen Reise zum besseren Ich: Ich will nicht immerzu glücklich sein (müssen), ich will bloß Spaß haben im Leben und unterm Strich ein guter Mensch sein. Dazu gehört aber auch, das Gegenteil zu kennen und zu schätzen, also Träume, die platzen, Projekte, die scheitern, Stimmungen, die am Tiefpunkt sind. Nur wenn ich zwischendurch auch mal das schlechteste Ich sein darf, rauchend, fressend, unverschämt, habe ich Freude an den guten Tagen und Lust, etwas anders zu machen. Und zwar nur das, was ich wirklich, wirklich anders oder eben besser machen will. Nicht weil es zum guten Ton gehört oder geheimen Regeln folgt, sondern weil es mir ein echtes Bedürfnis ist – und zwar nach meinen eigenen Bedingungen.

 

28 Kommentare

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  1. Überall Optimierung…
    Ich mag Kalender und auch jene, die meine wichtigen Bereiche erfassen:
    Familie, Freunde, Schreiben,Sport, Termine.
    Warum ich das über Facebook teilen sollte oder Bilder zuordnen sollte…nee..das frisst nur zusätzliche Zeit und optimiert gar nichts.

    Grüße aus dem Gedankenarchiv 🙂

  2. Ich möchte behaupten, dass dieser Optimierungswahn eine Art Ersatzreligion ist. In Zeiten der zunehmenden Abkehr von klassischen Religionen entsteht im Mensch ein Vakuum bezüglich ethisch-emotionaler Vorgaben, Struktur und als Resultat dessen: Sicherheitsgefühl.
    Den Anfang machten m. E. solche Sachen wie die Neuauflagen von Yoga, Tantra und ähnliche spirituelle Strömungen, die Geist und Körper ansprechen. Von dort ist es gedanklich nur noch ein kleiner Schritt weg von vorgegebenen Ritualen hin zur „inneren Göttin“, die als alleinige Instanz fürs persönliche Glück angebetet wird.
    Wenn man sich selbst jedoch zum Mittelpunkt der eigenen Religion macht, ist man bald recht einsam. Die Lösung: Publikum, Schäfchenherde, Instagram. Eine Göttin (sei sie noch so innerlich) will schließlich ein bisschen angebetet werden und das bestenfalls nicht nur von der einen Person, die ihr unermüdlich (die eigene Freizeit, Faulheit, Schlampigkeit) opfert.
    Was meinst du zu der These (die ich eben erst aufgrund deines Textes entwarf)?

  3. Ich sage mir selbst öfter mal: „Du hast genug. Du kannst genug. Du bist genug.“ Hilft besonders gut gegen den allgemeinen Optimierungswahn.

  4. Woah, spricht mir aus der Seele! Leider gerät man selber immer wieder in die Falle, manchmal ohne es zu merken. Schade finde ich auch, dass es selten darum geht, gemeinsam etwas besser zu machen, so dass es allen gut geht, also im sinne vom Bürgerschaftlichen Engagement.

  5. Ähnliche Gedanken kreisen mir auch im Kopf herum.Ich Versuche mich von der Selbst Optimierung etwas zu distanzieren

  6. Das Leben besteht aus Überraschung. Planen kann man viel, aber meistens kommts ja doch anderes .. LG Sven ;)

  7. Wow, toller Text! Habe in einem Anflug von ähnlicher Optimierungswahn-Genervtheit vor einiger Zeit etwas geschrieben („Die krasseste Mitte“), aber so gut wie du hier habe ich es bei Weitem nicht auf dem Punkt gebracht. Danke, für die Erinnerung an dieses Thema und deine tollen Gedanken dazu. Sowas muss ich von Zeit zu Zeit einfach lesen um mich wieder ins Hier und Jetzt zu holen.

    Deinen Satz „Nur wenn ich zwischendurch auch mal das schlechteste Ich sein darf, rauchend, fressend, unverschämt, habe ich Freude an den guten Tagen und Lust, etwas anders zu machen.“, nehme ich mir mit ins Wochenende! :)

    • Vielen, vielen Dank, das ist ja ein tolles Kompliment – beziehungsweise gleich mehrere davon! Es freut mich ehrlich, dass du meinen Text so magst – und ich lese dann auch gleich mal bei dir nach, bin sehr gespannt (und bezweifle, dass deine Zeilen es weniger auf den Punkt bringen!)

  8. Sprichst mir mit diesem Post so sehr aus der Seele. Danke. Ich muss das gleich mal auf FB teilen. ;)

    Lieben Gruß
    Anna

  9. Du hast das 11. Gebot vergessen: Höre niemals auf, dich selbst zu optimieren!

  10. Amen! Sogar unseren Schlaf sollen wir mittlerweile optimieren. Weniger Zeit im Bett verbringen indem man in der richtigen Phase aufsteht und dann optimal erholt ist. Auch dafür gibt es die perfekte App. Man fragt sich nur wie das Ziel wohl aussieht und ob überhaupt irgendwer es erreichen wird.

    • (Nochmal ;)) liebe Tanja,

      ich glaube ja, dass genau das der Kern des Optimierungs-Problem ist: Dass es immer noch ein neues und ein neues und ein neues Ziel gibt, aber kein Ende der Strecke, so dass man eben auch nie wirklich ankommen kann. Ziemlich frustrierend – wie im Übrigen auch diese Schlaf-Apps, die du erwähnst. Da habe ich den Sinn wirklich nie richtig verstehen können…

      Liebe Grüße,
      Myriam

  11. Der Weg ist das Ziel?

    Mit der Zeit sollte Verbesserung schon drin sein. Schließlich ist dies eine große Antriebskraft im Leben. Allerdings sollte jedem der oben angesprochene Weg (wie und wann) selbst über lassen bleiben.

    Mancher Tage genieße ich den Flow, schwimme im Tun und gehe voll und ganz im kreativen Schaffen auf. Kann mich vom Pinsel oder Speckstein kaum lösen. Komme bei der Planung im Verein mit riesigen Schritten weiter.

    Diese Kraft kommt bei mir aber nicht von ungefähr. An anderen Tagen lehne ich alle Gebote von Stress und Aufgabenchaos mit erhobenem Mittelfinger dankend ab. Ausschlafen, mit den Tieren kuscheln oder in der Natur spazieren. Es hat sich was mit Verbesserung. Wie alles im Leben braucht auch die Optimierung den richtigen Zeitpunkt. Oder nicht?
    LG

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