Nett sein für Anfänger und Fortgeschrittene

Ich meckere ja gern und oft. Diesmal nicht. Diesmal will ich einfach nur nett sein – und mich nebenbei bei Leuten bedanken, die umgekehrt zu mir nett waren.

Zum Beispiel Sabine. Ich kenne Sabine nicht und sie kennt auch mich nicht, aber nachdem ich auf ihrem Blog einen Lesetipp kommentierte, hat sie mir das betreffende Buch (Lina Wolff – Bret Easton Ellis und die anderen Hunde) zugeschickt. Einfach so. Jetzt kann ich mich also dank Sabine auf Spaß in Bordellen und Barcelona freuen (nur auf Buchseiten natürlich, nicht dass da Missverständnisse entstehen), was umso schöner ist, als dass ich in den letzten Tagen von meinen gelesenen Büchern eher enttäuscht war, nun aber große Hoffnungen hege, dass sich das wieder ändert. Eine ziemlich nette Nettigkeit, die ich zweifellos im Gedächtnis behalten werde.

Nicht nett und zwar zum ADAC war jüngst Rosemarie. Rosemarie ist meine Frau bei der Versicherung und während ich so wartete, um bei ihr meinen Südamerika-Aufenthalt absichern zu lassen, schrie sie in ihrem rotzigem Berlinerisch permanent ins Telefon. Sie tat das, weil ihr Kunde ein Problem hatte, allerdings nicht so gut Deutsch konnte und deshalb offenbar mit dem ADAC bisher keine klare Kommunikationslinie zustande kam. Nach allem, was ich dem Gespräch entnehmen konnte, waren seine Kfz-Schwierigkeiten durch seine Versicherung bei Rosemarie gar nicht abgedeckt. Rosemarie legte sich trotzdem ins Zeug als ginge es um ihren Jahresbonus. Das empfand ich nun nicht nur als nett, es war auch sehr beruhigend. Ich bin mir sicher, wenn ich im peruanischen Dschungel ein Bein verliere, dann fliegt Rosemarie mich höchstpersönlich zurück nach Berlin.

Leicht ist das natürlich nicht, das mit dem nett sein. Nach zweiundzwanzig Minuten in der Warteschlange der Post zum Beispiel wollte auch ich eigentlich nur mein Retouren-Paket zertrampeln und mit dem Kopf verzweifelt auf dem Tresen aufschlagen. Stattdessen riss ich mich zusammen und sprach der Dame dahinter mein ehrliches Mitleid aus, weil die Klimaanlage im Laden nämlich defekt und die Luft darum eher tropisch bis toxisch war. Das Strahlen mit dem sie mich daraufhin ansah, beschämte mich fast, weil ich es nämlich durchaus nicht immer hinbekomme, über meinen eigenen Leidenstellerrand auf die Probleme anderer zu schauen. Dabei tut es gar nicht Weh, seiner Bankberaterin zu sagen, dass das jetzt wirklich toll war, wie schnell sie sich um alles gekümmert und mich zurückgerufen hat oder kurz mal anzuhalten und dem verwirrten Touri mit Händen und Füßen zu erklären, wie es zur East Side Gallery geht.

Beim Schreiben nun verhält es sich anderes, dort heißt dein Gott bekanntlich nicht Freundlichkeit sondern Konflikt. Immer nur Gutes, das langweilt beim Lesen dann halt schnell, und so wird auch dies jetzt ein eher kürzerer Blog-Eintrag meinerseits. Ich werde besagten Längengründe dennoch nicht zum Anlass nehmen jetzt einfach noch ein bisschen über über die Grenzen des Nettseins, über Ausgenutztwerden oder falsche Freundlichkeit zu plaudern. Schließlich habe ich versprochen, heute nicht zu meckern. Und daran halte ich mich auch – so viel nett muss sein.

 

7 Kommentare

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  1. Nett ist ja ein viel zu schwaches Wort für diese tollen Geschichte(n). 👏🏾☺️

  2. Das nett sein ist echt wichtig und toll, aber manchmal auch eine Folter – zB wenn man nett sein MUSS (Einzelhandel lässt grüßen). Wie schön das aber ist, wenn jemand an einem blöden, stressigen Tag voller Vollmond-Gestalten nett zu dir ist, kann ich aus Erfahrung bestätigen. Und ganz ehrlich: wäre unsere Welt nicht ein viel besserer Ort, wenn wir alle etwas netter zu einander wären..? So viel im Sinne der Philosophie. Manchmal hasse ich Menschen einfach 😂

  3. Welch wundervolle Geschichten du hier zusammen getragen hast :) das zaubert automatisch ein Lächeln aufs Gesicht! Nett sein muss ich auch noch üben, aber starten wir zunächst mit einem Lächeln :)

    Ganz liebe Grüße!
    Eva

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