Die Grenzen des Minimalismus und wo sie zu finden sind

Vor Kurzem habe ich meinen Kleiderschrank radikal runter reduziert und zwar auf 36 Teile pro Saison (Schuhe eingeschlossen, Höschen nicht). Inspiriert von meiner Liebe zum Minimalismus bei Instagram und angespornt von einigen sehr guten Blogs zum Thema ging das erstaunlich schnell und schmerzlos. Ja, tatsächlich, das gnadenlose Aussortieren tat gut, nicht weh und wenn ich heimlich gefürchtet hatte, dass mir das Wenige schnell zu viel werden würde, dann kann ich nach nunmehr acht Wochen sagen: Minimalismus macht mich glücklich.

Denn plötzlich sind keine Kompromisse mehr in meinem Kleiderschrank. Alles liebe ich, alles hat eine klare Linie und lässt sich prima kombinieren, alles hat eine Bedeutung, einen Nutzen und meinen Stil. Es gibt in meiner Welt kein langes Nachdenken über das Anziehen mehr, es ist ja eh kaum noch was da und das was da ist, das gibt mir ein Wohlgefühl, ausnahmslos. Weil ich außerdem beschlossen habe, das wenige, was ich lieber ersetzen möchte, Fairtrade zu kaufen, bin ich sogar beim Shoppen nicht länger erschlagen von der unmöglichen Auswahl. Eine rundum gelungene Umstellung also.

Minimal übertrieben

Nur bin ich leider einer dieser Menschen, der sehr gerne alles möglichst perfekt machen will, selbst den Minimalismus. Dass das zu schweißnassen Nächten und qualvollen Tagen führen kann, ahnte ich anfangs nicht, musste es nun aber recht zügig einsehen. Und das kam so: Ich reise ja demnächst ein halbes Jahr durch Südamerika und wollte mir dafür ganz klassisch einen Rucksack anschaffen. Einen kleinen, weil ich hab ja nix (auch nix vor, zumindest nichts, was zusätzliches Equipment erfordert) und wer nichts hat, der muss auch nichts einpacken. Fand ich.

Auch der engagierte Verkäufer war eindeutig meiner Meinung. Er erklärte mir, dass alle immer viel zu viel auf solche Touren mitnähmen, weil der Mensch sich nämlich nach Sicherheit sehne und deshalb möglichst für alles gerüstet sein wolle. Was, so der junge Herr, nun wirklich völlig schwachsinnig sei, zumal ein größerer Rucksack immer die Gefahr mit sich bringe, dass man ihn eben auch bis zum Rand anfülle, obwohl es durchaus auch mit weniger ginge. Letzteres sah ich dank eigener Erfahrung ganz genauso, ich zog also mit dem Fjällräven Abisko Friluft von dannen und zwar dem 35-Liter-Modell. Und bekam Albträume.

Stauraum für Sorgen

Schon in der S-Bahn überfielen sie mich: Was wenn wir doch bis hinunter nach Patagnonien fahren? Man weiß ja nicht, wie lange dieser hübsche Gletscher da noch steht. Wohin dann mit Jacke, Fleece und festem Schuhwerk? Was wenn mich Alpacawolle-strickenden Andendamen zum Kauf gleich mehrerer Pullover-Notrationen animieren? Was ist mit Mitbringseln? Meiner Kamera? Was ist nun mit jener menschennahen Sicherheit? Wohin mit meinen Ängsten, wenn der Rucksack schon bei der Abfahrt überquillt? Trotzdem fuhr ich erstmal nach Hause, ich will nämlich nicht nur gerne alles perfekt machen, ich möchte Sachen auch möglichst durchziehen. Vielleicht sollte ich mal drüber nachdenken, ob ich ein ganz klein wenig zu verbissen bin.

Nun, wie auch immer, die Fragen hörten nicht auf, es kamen eher noch mehr dazu. Das ging dann ein paar Nächte so, bis ich endlich entschied: Das geht so nicht. Gestern habe ich das gute Stück also umgetauscht, gegen die nächstgrößere Variante, 45 Liter. Das ist immer noch nicht ultraviel, hat aber den immens großen Vorteil, dass ich nachts wieder schlafen kann. Und eine Lektion habe ich bei der Sache auch mal wieder gelernt: Ein Kompromiss ist nicht gleichbedeutend mit Versagen. Ich fühle mich nämlich viel besser mit meinem neuen Modell. Zugegeben, ich habe mich beim Umtauschen ein wenig vor dem Verkäufer versteckt, der so überzeugt davon war, dass es gar nicht genug wenig sein kann, aber dafür stehe ich hier ja sehr offen dazu. Das ist so gesehen auch wieder ein Kompromiss und insofern völlig in Ordnung.

Rucksack
Ja, er ist orange. Sehr orange.

P.S. Fjällräven ist natürlich super streng genommen nicht Fairtrade. Aber auch das hat leider seine Grenzen, ergo kaum Angebote im Backpacker-Segment. Außerdem MUSS ICH JA GAR NICHT IMMER ALLES PERFEKT MACHEN! Auch das nicht.

P.P.S. Dafür ist mein neuer Alltagsrucksack sehr wohl Fairtrade. Und so wunderschön!!!

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