Facebook, wir müssen reden – Ein offener Brief

Achtung: Dies ist keine Datenbeschwerde, keine Sozialkritik, kein David gegen Goliath. Dies ist ein eigennütziger Erfahrungsbrief. 

Liebes Facebook,

es ist wahrscheinlich meine Schuld. Gut, ich bin so eine Art Schuldjunkie und sage das öfter mal, aber ich weiß, dass bei uns beiden wirklich vieles an mir liegt, zum Beispiel an meiner Erwartungshaltung. Ich erwarte zum Beispiel, dass du mir zeigst, was meine Freunde und Bekannte gerade so machen. Stattdessen sagst du mir was Donald Trump gerade so macht. Dann informierst du mich über mehr oder weniger interessante Gesellschaftsthemen, politische Entwicklungen und die so genannte Popkultur, meistens auf Englisch und in mindestens dreifacher Ausführung.

Ja, ja, ich weiß. Das habe ich selbst herbeigeführt. Ich hätte ja all diese Seiten nicht liken müssen, deren Artikel du mir nun brav aufbereitest, aber du weißt doch wie das ist! Es geht einfach so schnell; ein netter Eintrag, ein schneller Klick und schon leidet meine Timeline an ewiger Verstopfung, hervorgerufen durch die immer gleichen Nachrichten. Das ist kein Darmproblem sondern das deiner berühmte Blase, sie enthält keinen Harn, sondern die eigene Weltsicht, die in den Augen mancher Menschen allerdings über die gleiche Heilkraft verfügt wie Eigenurin, insofern schließt sich da der metabolische Kreis. Ich allerdings will in deinen Armen gar nicht ins Nirvana der ewigen Meinungsbestätigung sinken, sondern einfach nur wissen, wie es meinen Schulkollegen von damals geht.

Vielleicht bin ich einfach zu altmodisch für eine wahre Liebe zu dir. Denn ich möchte meine Nachrichten lieber in Zeitungen oder auf entsprechenden Websiten lesen und zwar nicht völlig durcheinander, sondern themenspezifisch sortiert, Pop bei Pop und Politik bei Politik. Du aber vermischst alles, Pop, Politik und nicht zuletzt die von mir gesuchten Statusmeldungen und das, mein liebes Facebook, muss ich dir dann doch ein wenig vorhalten, dass ich dich manchmal gar nicht mehr wiedererkenne. Du hast dich sehr verändert und obschon man natürlich niemandem verbieten sollte, sich weiterzuentwickeln, wäre es irgendwie schön, wenn ich dabei nicht auf der Strecke bliebe.

Du versuchst ja auch, es mir recht zu machen. Man bedenke nur deine engagierte Charmeoffensive bezüglich meiner Privatsphäre, wobei ich persönlich auch so damit leben kann, dass du eine Datenkrake bist, das wusste ich schließlich vorher und ich date ja auch keinen Bäcker um mich dann zu beschweren, dass er immer so früh aufsteht. Trotzdem ist es nett zu sehen, dass du immer noch regelmäßig versuchst, mich davon zu überzeugen dass du der Richtige für mich bist, das ist ja nicht selbstverständlich in Langzeitbeziehungen.

Vor allem aber bemühst du dich, mir einen Überblick zu verschaffen über das Chaos das ich selbst mit meinen Likes angerichtet habe, Top-Meldungen nennst du das dann und kehrst stur immer wieder zu diesem System zurück, egal wie oft ich dir per Mausklick vermittle, dass ich lieber die neusten Meldungen zu sehen bekäme. Mir ist schon klar, dass du sehr stolz bist auf deinen Algorithmus, das wäre ich umgekehrt vielleicht auch, nur ist es eben so, dass ich es gerne chronologisch mag. Das kannst du übrigens auch deiner Tochter Instagram ausrichten, eine App die ich kaum noch öffne, seit die Timeline von dir ‚optimiert‘ wurde.

Von dem Chaos das auch rein optisch bei dir herrscht, wollen wir gar nicht reden, da gilt die Nummer mit der Schuld und dem ersten Stein. Wobei ich an dieser Stelle eines dann doch kurz anmerken möchte, nämlich dass du geschmacklich mit mir grundsätzlich nicht auf einer Wellenlänge liegst, anders kann ich mir nicht erklären, warum ausgerechnet ich Werbung für Windeln gezeigt bekomme. Das legt übrigens auch nahe, dass unser Problem ein gegenseitiges ist: Ich verstehe dich nicht und du, du verstehst mich auch nicht.

Vielleicht wäre eine Trennung ja tatsächlich besser für uns, Kontaktsperre, Kommunikationsverbot, das volle Programm. Aber es ist nun doch so, dass du mir trotz allem noch immer viel bietest. Unterhaltung, Kontakte, ein Forum nicht zuletzt für diesen Brief an dich. Da warst du ja immer schon sehr offen, nicht was dein Inneres angeht, aber in Sachen Äußerlichkeiten. Das würde ich dann doch vermissen. Ich schlage also vor, wir versuchen es mit einem Therapeuten, Social Fixer heißt er, und verspricht ein bisschen mehr Klarheit, ich denke, das haben wir beide nötig. Ich kann mir schon vorstellen, dass dir das nicht besonders gefällt, aber die meisten Beziehungen sind eben auf Kompromissen aufgebaut.

Also, liebes Facebook, sieh du mir die Hilfe von Außen nach und ich gucke dafür über deinen Kontrollwahn hinweg. Es muss schließlich nicht immer gleich das absolute Aus sein. Es gilt vielmehr, so passend wie selten: Lass uns Freunde bleiben.

Deine Myriam

2 Kommentare

Gib deinen ab →

  1. Sehr cooler Beitrag, wirklich super geschrieben :) Finde deinen Blog wirklich toll! LG Janina

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: