Vom Blindfisch zur #Instabitch

Bisher bin ich mit den sozialen Medien nicht wirklich warm geworden. Sie waren mir zu stressig und irgendwie hatte ich nie richtig Lust, mich gemütlich dort einzurichten. Plötzlich aber bin ich Dauergast – und zwar ausgerechnet bei Instagram. Bekenntnisse einer unerwartet Süchtigen. 

Mein Freund nennt mich jetzt Instabitch. Er tut das mit einem Augenzwinkern und weil ich eben neuerdings andauernd am Handy hänge, um fremde Fotos zu gucken oder eigene zu machen. Dass ich ausgerechnet an einer App kleben geblieben bin, die mir Bilder zeigt und nicht Worte, ist zugeben ziemlich überraschend, dass ich dafür länger gebraucht habe als andere ist es nicht: Der einzige Account, den ich schon seit 2009 habe, ist der von Twitter und das auch nur, weil wir uns damals in der Journalistenschule alle dort anmelden mussten. Aber so spät ich auch zur Instagram-Party komme, so heftig feiere ich nun mit!

Voyeurismus im praktischen Quadrat

Vielleicht weil immerzu alles ganz schön schlimm ist, ist es schön, auch mal was zu sehen, was eben einfach nur schön ist und nicht ganz schön schlimm. Jedenfalls finde ich es großartig, mir anzugucken, was andere, mir völlig fremde Menschen so sehen und festhalten. Da tut sich plötzlich die ganze Welt auf und ich kann mir sogar aussuchen, ob ich sie lieber mit romantischem Vintage-Filter sehen will oder knallhart in HDR. Gut, manchmal bin ich zu hektisch und folge plötzlich Frauen im Fitnesstaumel, die mir mit beängstigend akrobatischen Bildern zu täglich 120 Minuten Sport raten, aber das kann ich ja rückgängig machen und wieder zu blauhaarigen Illustratorinnen und Chronisten der Berliner Straßenkunst switchen.

Überhaupt: Diese Bandbreite! Vom verwackelten Bild der leeren Bierflasche von gestern Nacht bis zum hyperstylishen Architekturfoto im wilden Schneegestöber: Alles da was man nur denken kann. Gut, nicht alles, Instagram ist nämlich spießig, da ist nichts mit Tittengewitter oder Penisgeblitze. Das ist aber okay, dafür gibt es im Internet bei Bedarf mehr als genug vorzügliche Quellen, da braucht Instagram das nicht auch noch zu bieten. Stattdessen kann man dort auf Weltreise oder Shoppingtour gehen, Bücherkunde betreiben oder ethnologische Studien. Andauernd entdecke ich neue Ecken, neue Läden, neue Stile, neue Leute, neue Ideen – und mich selbst entdecke ich plötzlich auch ganz neu.

Von der Kunst sich selbst zu finden

schreibe ich ja sowieso immer wieder gerne, gewinne aber dank Instagram ganz unerwartet bemerkenswerte Erkenntnisse über mich:

  1. Ich habe bisher nie konkret darüber nachgedacht, was ich mir eigentlich gerne anschaue außer Büchern und Katzen, aber weil es dann doch irgendwann langweilt immer nur Cats and Covers zu sehen, bin ich plötzlich stetig auf der Suche nach Dingen, die mir Freude machen. Das ist spannend, anregend und bisweilen ziemlich amüsant. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass ich Texturen toll finde oder Close-Ups von Insekten? Ich jedenfalls nicht.
  2. Schüchternheit ist relativ und zwar relativ leicht zu überwinden, wenn es um hübsche Bilder geht. Klar, meine tief verwurzelte Angst davor mich lächerlich zu machen habe ich dank des Bloggens bereits ein bisschen in den Griff bekommen, aber ich bin ehrlich erstaunt, wie wenig es ich darüber nachdenke, ob das okay ist, was ich da fotografiere und poste. Tut gut, auch im restlichen Leben.
  3. Apropros: Ich liebe das Fotografieren. Es macht irre Spaß, Motive zu suchen, Ausschnitte auszuprobieren, Details zu entdecken oder zufällig über etwas zu stolpern, das ich festhalten will. Gut, das hätte ich auch schon mal eher merken können, habe ich aber nicht. Unter anderem deshalb, weil mein Können für professionelle Aufnahmen nie reichen wird und ich mir den Hobby-Kram den ich bisher so fabriziert habe, dann halt später doch nie wieder anschauen will.

Aufmerksamkeitsüberschusssyndrom

Okay, ich gebe es zu: Likes sind geil. Das ahnte ich auch vorher schon, weil ich mich über selbige bei jedem Blogeintrag wie freue, aber das hat eine andere Qualität, allein schon weil ich hier nicht darauf ziele, gemocht zu werden. Ich schreibe wie und was ich schreibe, weil ich eben so und nicht anders schreiben will, nicht weil ich darauf hoffe, möglichst viele Klicks, Likes oder Follower zu sammeln. Wer mir hier folgt, soll mir folgen, weil ihn meine Worte auf irgendeine Art bereichern, nicht, damit ich mich besser und geliebter fühlen kann. Hashtags dagegen … oh boy! Hashtags sind sozusagen die wortgewordene Bettelschale der Ich-Inszenierer und sorgen damit gekonnt für ein nettes wenn auch oberflächliches Klingeln in der Selbstwertkasse.

Aber soll ich euch was verraten? Ich halte mein Hashtag-Schälchen schamlos hin. Okay, nicht schamlos, auch ich habe meinen Stolz und schreibe nicht #bestpictureever unter einen Schnappschuss von Omis eingemachtem Obst vor der Strukturtapete, aber auch ich benutze Hashtags und auch ich tue es nicht völlig arglos. Denn ja, auch ich will Publikum. Immer noch kein völlig beliebiges – ich fotografiere und tagge schließlich auch bei Instagram nur das was mir gefällt und nicht das was angeblich gut ankommt – aber eben doch ein Publikum. Sonst könnte ich meine Bildchen ja auch gleich daheim ins Album kleben.

Hashtaggewitter und andere Problemstellen

Trotzdem: Leute, reißt euch mal zusammen! Könntet ihr bitte nicht jedes Hashtag an jedes Foto klammern, als ginge es ums nackte Überleben? Das versaut mir jede Suche, weil jede lustige Hashtag-Idee so völlig verwaschen wird. Nervt! Was auch nervt: #likeforlikes und ähnliche Schiebereien, gemogelte #nofilter-Fotos, Account-Vorschläge, die nichts mit mir zu tun haben, pseudo-coole Werbevideos, Leute die dir nur folgen, damit du zurückfolgst. Aber es nervt eben nicht annähernd genug, um mir den Spaß zu verderben – das kann man schließlich alles ganz gut ignorieren.

Es kann natürlich sein, dass das alles nur eine Phase und bald wieder vorbei ist, ich mache das ja erst ein paar Wochen. Irgendwie hoffe ich, dass die Freude daran trotzdem etwas länger anhält und wenn nicht, dann ist das auch okay. Immerhin hab ich ein bisschen was gelernt und sei es nur die Drittel-Regel.

P.S.: Wer mein Instagrammen jetzt sehen will, findet es hier. Und: Wer mir seins zeigen will, nichts lieber als das – immer her damit!

 

 

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