Langfristige Lösungen

Sparen wir uns ausnahmsweise das „ich wollte doch…“ und „eigentlich“. Klar wollte ich eigentlich. Aber ich hatte schlichtweg keine Zeit. Streng genommen habe ich die immer noch nicht, denn ich arbeite viel, meistens in anderen Städten und nicht selten auch an den Wochenenden. Das ist anstrengend, aber profitabel und weil die Jobs an sich mir Spaß machen, gucke ich mich auch nicht nach anderen Möglichkeiten um. Allerdings kam ich jüngst nach Hause (wie immer spät und völlig fertig) als mein werter Partner mich darauf hinwies, dass das nun nicht ewig so weiter gehen könne. Nicht zu Unrecht merkte er an, dass unserer Beziehung mittlerweile den Zusatz „Fern“ verdiene und ich ganz abgesehen davon ganz offensichtlich permanent angespannt und kurz vor dem Exitus sei.

Und dann haute er mich gänzlich aus den müden Socken: „Was ist denn eigentlich der Plan?“, fragte er nämlich, „langfristig meine ich?“

Das ist ziemlich starker Tobak, vor allem um eine solch fortgeschrittene Uhrzeit, denn diese Nummer rührt an nichts weniger als den Grundfesten des Seins. Sie fasst im Prinzip nichts anderes zusammen als die elementaren Fragen des Lebens: Warum das alles? Was ist der Sinn? Wo führt das hin?

Ich nehme an, wenn man Familie hat oder plant, dann ist das alles nicht so schlimm, denn dann hat das Leben quasi von selbst einen Sinn, einen sehr guten sogar. Aber weder mein Partner noch ich rechnen in in naher (oder ferner) Zukunft mit einem Baby, auch wenn wir uns  ansonsten durchaus zusammen sehen. Nur wo und wie? Unter welchen Bedingung wollen wir leben? Was wollen wir machen, was müssen wir tun? Wohin geht es mit uns und auch allein, als Individuum? Wo kommt das Geld her, wo die Freude? Was hinterlassen wir, wenn wir einmal gehen?

Wir sprachen noch lange und viel darüber und zwischendurch waren wir wütend und wir waren traurig und überfordert und dann wieder ein bisschen zuversichtlich und dann wieder ängstlich und frustriert und albern waren wir auch und irgendwann waren wir dann im Bett und haben einfach geschlafen. Was sonst soll man auch tun?

Denn ich habe einfach keine Antwort auf die Frage, was werden soll. Ich weiß, ich möchte eines Tages mit dem Schreiben ein festes zweites Standbein haben (was auf einem guten Weg ist), ich weiß, ich möchte mal in meiner Traumwohnung leben (Lottogewinn?) und das nach Möglichkeit mit besagtem Partner. Ich weiß, ich wäre gern weniger selbstkritisch und nicht so schnell gelangweilt. Ich weiß, ich habe viele kleine Ziele und ich weiß auch, dass das schon viel Wert ist. Aber wo das alles hinführt? Am Ende? Oder wenigstens in der Mitte? Ich habe keine Ahnung.

Das macht mir Angst. Nicht weil ich nach einem strengen Plan leben will, denn das habe ich nie getan. Ich bin immer spontan in alles hinein gestolpert, ins Studienfach, die Ausbildung, den Journalistenberuf und ich bereue das nicht. Doch irgendwie sehen die Dinge jenseits der Dreißig anders aus. Noch immer will ich nicht alles vorzeichnen (viel zu langweilig!), aber ich wüsste gern, dass alles irgendwie irgendwann und irgendwo einen Sinn ergibt. Leider ist das unmöglich – und wäre es auch, wenn ich genau wüsste, was in den nächsten Jahrzehnten ansteht. Denn natürlich ist und bleibt das meiste sowieso Illusion.

Deshalb habe ich auch Freunde die sagen: Mach dir nicht so viele Gedanken! Lebe einfach! Und sicher haben sie in gewisser Weise auch Recht damit. Andererseits liegen sie aber auch völlig falsch, denn manchmal ist dieses zukunftsgerichtetes Rumphilosophieren mit Weltschmerz-Anstrich genau das richtige, um sich daran zu erinnern, was eigentlich gut läuft im Leben und ganz von selbst sinnvoll ist. Zum Beispiel selbstgemachte Eulen-Eier, wenn man abends um halb zehn halb verhungert nach Hause kommt. Eulen-Eier! Ich konnte nicht mehr vor Glück.

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