Wo bist du denn, Gefühl fürs Leben?

Auch ich habe jetzt endlich einmal „Herr Lehmann“ gelesen und das war sehr schön, aber ein bisschen traurig war es auch. Denn es stimmt schon, was ich in all den Jahren immer gehört habe, dass es eine gute Geschichte sei nämlich, aber dass es darum eigentlich gar nicht gehe und dass die Geschichte so gesehen auch schlecht hätte sein können, weil der Punkt eben ein ganz anderer sei, nämlich das Lebensgefühl, das sie einfange, darum gehe es letzten Endes, um das Lebensgefühl.

So etwas kann ich in der Regel leider nicht bieten, ich habe einen soliden Plot, passende Charaktere und ein wenig Wortwitz, aber ein Lebensgefühl, das habe ich nicht. Ich wüsste auch gar nicht wo ich es hernehmen sollte.

Vielleicht liegt es daran, dass das urbane Dasein heutzutage gleichzeitig irgendwie verklumpt und zersplittert ist, ein bärtetragender, hornbebrillter Einheitsbrei auf der einen und 347 Spartenkanäle auf der anderen Seite. Langweilig sind wir dabei irgendwie geworden und empfindlich; da empört man sich bis zur Ächtung über einen ebenso unwitzigen wie unwichtigen Tweet und über ein paar im Taxi vergessene Euro, mein Gott, wie soll denn da auch ein Lebensgefühl aufkommen, wenn unsere Nationalelf um neun in die Heia geht und keiner mal ein Babyfläschen quer durch das Talk-Studio pfeffert?

Aber ich schweife ab. Eigentlich wollte ich sagen, dass ich meistens gar nicht weiß, wo ich nun danach suchen sollte, nach diesem ominösen Lebensgefühl, da sitze ich dann also so mit Freunden beim Italiener und sage, Berlin hieße ja schon irgendwie sich treiben zu lassen, durch die Nacht und ohne Plan, oder das könne Berlin zumindest heißen, wenn man denn wolle und mein Gegenüber starrt mich an wie ein Auto und weiß ganz offensichtlich nicht im Geringsten wovon ich spreche. Geteilte Erfahrungen halten eben nicht einmal so lange wie sie dauern, wenn sie überhaupt passieren und das einzige wo wir uns noch aufraffen einigermaßen zusammenzukommen, ist einmal im Jahr das Dschungelcamp, immerhin.

Aber vielleicht war das auch schon immer so, meine Eltern haben in den 70’ern schließlich auch nur 80 Kilometer auseinander und trotzdem in zwei Welten gewohnt, die eine drogenfrei und chartsorientiert, die andere nicht ganz so sehr. Trotzdem können sich die beiden meistens auf etwas einigen, das angeblich alles und alle verbunden hat, etwas nicht ganz Fassbares, das anders war als heute. Das mag stimmen oder auch nicht, schwer zu sagen, ich war ja nicht dabei.

Vielleicht liegt es also auch einfach an mir, das will ich nicht bestreiten, das ich gut möglich. Vielleicht bin ich ein Lebensgefühl-Verweigerer.

Aber ich glaube es nicht, denn einmal, da bin ich ein wenig rangekommen, an dieses verbindende Lebensgefühl, in der Journalistenschule nämlich, was ich aber damals gar nicht bemerkt habe, sondern erst jetzt sehe, im Rückblick, durchaus möglich, das ein Lebensgefühl überhaupt nur so richtig funktionieren kann, in der Retrospektive.

Einmal im Jahr nämlich, da passiert es schon fast von selbst; da stellt es sich für eine Weile ein, in der gemeinsamen Erinnerung, wenn wir alten Journalistenschüler wieder zusammenkommen und es ganz egal ist, dass viele plötzlich verheiratet sind, miteinander oder mit anderen, oder Kinder haben oder dass unser Italiener längst zugemacht hat und unsere Illusionen von der großen Revolution im deutschen Fernsehen lange verpufft sind. Da reden wir und lachen und trinken und teilen etwas, das mehr ist als die Summe seiner Teile und es macht auch nichts, dass es nur um einen Abend und um eine Nacht geht, das ist schon ganz in Ordnung so, das reicht für eine Zeit. Es muss nicht ewig dauern, nur da muss es sein.

Es ist sogar besser, wenn es nur kurz wiederkommt und dann verschwindet, es mag durchaus sein, dass alles anders wäre, wenn ich besser Kontakt halten könnte und näher dran wäre, vielleicht wäre es dann gar nicht so magisch, dieses Zusammenkommen, sondern ganz normal und vielleicht habe ich auch deshalb daheim keinen Sinn dafür, nicht weil meine Freunde das nicht hergeben, um Gottes Willen, sondern weil so etwas wie ein Lebensgefühl im Grunde nichts weiter als eine wunderschöne Einbildung ist und es schwierig ist, sehr schwierig, sich permanent etwas einzubilden, zumindest ohne Hilfsmittel. Oder außerhalb einer guten Geschichte.

Aber ich mag diese Einbildung, ich mag sie sehr und deshalb, ihr lieben verstreuten Kollegen, baue ich auf euch und auf ein Wiedersehen. Denn sonst muss ich noch einmal „Herr Lehmann“ lesen und ein bisschen traurig werden und das wäre zwar irgendwie schön, aber irgendwie schade wäre es auch, denn eigentlich will ich doch gar nicht traurig, sondern glücklich sein.

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