Von Jungfrauen und Altlasten

Wenn ich einen frischen Text schreibe, vor allem einen längeren, dann wünsche ich mir oft, ich könnte mir auch gleich einen neuen Laptop dafür anschaffen, einen der frei ist von Fotos, Musik und PDFs, irrtümlich heruntergeladenen und nie wieder gelöschten Programmen, rätselhaften Dateien noch rätselhafterer Herkunft und ohne dreiundzwanzig Ordner namens Neuer Ordner. Irgendwie wirkt die Vorstellung so verlockend: Ein lupenreines, unbenutztes, ja jungfräuliches Gerät – da kann doch eigentlich gar nichts mehr schief gehen mit dem Schreiben. Oder?

Es ist zumindest seltsam, dass ich an dieser Stelle plötzlich so auf das Reine und Unverbrauchte abfahre. Denn im sonstigen Leben möchte ich ja auch nichts Unberührtes serviert bekommen: Ein jungfräulicher Mann? Langweilt mich zu Tode. Ein unbeleckter Drehredakteuer? Bringt selten gute Bilder. Ein bisher ungeschriebenes Genre? Unverkäuflich.

Warum dann also die unnatürlich große Leuchtkraft eines frischen Schreibgeräts? Ich glaube, der neue Laptop lockt mit einem alten Irrtum, dass nämlich ein technischer Neustart die schamvollen Fehler der Vergangenheit vergessen lässt: Im Nirwana abgespeicherte Kurzgeschichten, die niemand haben wollte. Tagebucheinträge, die ich lieber für immer vergessen würde. Dokumente, die aus einem Satz und zwanzig leeren Seiten bestehen. Projekte, die nie zu einem Ende fanden – oder herbe Kritik ernten mussten.

Aber tatsächlich sind es doch genau diese Dinge, die mich Tag um Tag zu einem besseren Autoren machen oder zumindest das Potential dazu haben: Nur wer weiß, wo er fehlgegangen ist, kann in Zukunft einen anderen Weg einschlagen. Ein gutes Schreiben braucht Katastrophen, große und kleine, schnell verwundene und lange bohrende. Und es schadet auch nicht, an sie erinnert zu werden, hin und wieder, wenn man aus Langweile oder Neugier in Neuer Ordner (08) klickt und darin den Friedhof der schlechten Worte entdeckt.

Und darum bleibe ich auch bei meinem MacBook Air, Baujahr 2011. Ich räume ihn halt nur mal auf. Und so wie die alten Dokumente in einem brandneuen Ordner namens Projekte, gescheitert/beendet eine Heimat finden dürfen, die nicht Papierkorb heißt, soll auch mein Laptop selbst lieber eine Frischkur bekommen statt eine Ebay-Kleinanzeige – ich habe schon einen Termin für die professionelle Reinigung gemacht.

All das gilt im übrigen auch Blog: Neue Optik, selber Inhalt.

5 Kommentare

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  1. Ich kann dich zum Teil verstehen. Das neue, unbenutzte wirkt „leichter“ beim Arbeiten, aber irgendwie ist so ein „Großputz“ auch etwas tolles und befördert den einen oder anderen vergessen Text zu Tage – zumindest bei mir :-D

  2. „Ein gutes Schreiben braucht Katastrophen, große und kleine, schnell verwundene und lange bohrende.“
    Wunderbar auf den Punkt gebracht! Na, dann darf ich ja, was mein eigenes Geschreibsel angeht, noch Hoffnung haben…
    Den Wunsch zur Reduzierung aufs absolut Wesentliche versteh ich ebenfalls sehr gut; dennoch fremdele ich ein wenig mit dem neuen Minimaldesign. Aber Hauptsache ist schließlich, die Inhalte erfreuen das (innere) Auge.

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