Schickes Schimpfwort

Neulich kam ich nach einer langen Busfahrt in ein Großraumbüro gehetzt,  mit verschwitztem Gesicht, genervtem Gemüt und Haaren, die in alle Richtungen abstanden. Und wurde prompt mit folgenden Worten begrüßt: „Du sieht aber schick aus heute!“ Selbst mir, normalerweise ein Muster an mimischer Selbstdisziplin, entglitten dabei ein wenig die Gesichtszüge. „Wegen der Schuhe und so…“ fügte man noch an, aber auch das war nur ein geringer Trost. Denn die einzige Rechtfertigung dafür, besagte Schuhe ernsthaft schick zu nennen, ist die Tatsache, dass sie glänzen. Ansonsten sind sie eher robuster Natur: Rund, flach, mit derber Sohle und ohne nennenswerten Absatz. Also jetzt nicht gerade das, was sich Scarlett Johanson zur Oscar-Verleihung an die Füße schnallen würde. Mutmaße ich mal.

Das Ganze regte mich ziemlich übermäßig auf, um nichts zu sagen mehr als nötig, wahrscheinlich deshalb, weil ich den Satz Du bist so schick heute schon mein ganzes Leben lang höre, dicht gefolgt von Hast du noch was vor nachher? Und das nur, weil ich lieber Kleider und Röcke trage als Jeans und T-Shirt und das tatsächlich schon immer. Genau genommen ziehe ich mich heutzutage, wo ich über 30 bin, weniger elegant an als mit 16 oder 20. Vielleicht altere ich modetechnisch rückwärts. Nun  herrscht in Berlin nun ohnehin gefühlt das Diktat der flachen Sohle oder zumindest der Konsens zum Absatzverzicht. Natürlich guckt dich jetzt niemand schräg an wenn du in 15-Zentimeter-Absätzen durch Kreuzberg kraxelst – es ja immer noch Berlin – aber die entschiedene Masse an Frauen wandelt hier ohne jede Erhöhung oder Neigung und ich gebe zu; auch ich gehe hier öfter flach als ich es einstmals in Düsseldorf tat.

Aber zurück zum Thema: Warum klingt etwas, das doch ganz offensichtlich überaus nett gemeint ist, in meinen Ohren dennoch manchmal wie das glatte Gegenteil?  Warum störe ich mich am Du bist so schick heute? Nun, vielleicht bin ich bloß unsicher und empfindlich, das kann schon sein. Oder aber mein Ärger hat etwas damit zu tun, dass diejenigen die so ein Kompliment  äußern, oft zu einer abgerockten (Pseudo-)Alternativ-Kultur gehören und in ihre Stimme einen Hauch von … tja, von was eigentlich legen? Verwunderung trifft es besser als Verachtung, ein wohl gemeintes Glucksen ist näher dran als ein spöttisches Lachen und beleidigen, nein das wollen sie mich sicher nicht, aber – und das ist der springende Punkt – ehrlich schick finden sie die Sache die ich trage auch nicht. Oder besser: Schick für sie nichts erstrebenswertes, ergo das Kompliment sinnlos. Im schlimmsten Fall ist es doch ein Schimpfwort, im besten ein Sozialreflex: Sie meinen es gut und greifen nach dem nächstbesten Netten, was man eben so sagen kann.

Wirklich schlimm ist das nicht. Aber es nervt mich. Ich mache schließlich auch keinem meiner Mitmenschen Komplimente für Dreadlocks, Piercings oder sonstwelche optischen Dinge, mit denen ich einfach grundsätzlich nichts anfangen kann.

Ein Kommentar

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  1. Du schreibst aber schick heute!

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