Das Buch zum Sonntag: Houellebecq

Michel Houellebecq: Der Sinn des Kampfes/Wiedergeburt/Suche nach Glück

Houelle1Worum geht es?

Es ist Houellebecq, insofern: Tod, Sex, Pessimismus, Verzweiflung, Ekel, Zerfall, Hässlichkeit. Da schwillt das Fleisch der Toten, die Haut platzt auf und eitert, es gibt keine Treue, kein Schicksal, kein Mitleid und zum Martini wird tränenüberströmt masturbiert:

Wie gut meine Hand meinen Penis kennt!
Das ist eine altvertraute Beziehung
Nichts kann sie ärgern, nichts sie verstimmen,
Meine Hand geleitet mich zum Tod.

Aber in aller Verachtung und Verbitterung finden sich auch Einsichten, Augenblicke, Berührungen, Bemühungen. Echte, wahrhaftige Leichtigkeit kann ich kaum ausmachen, aber ein gewisses, resigniertes Amüsement schimmert bisweilen hindurch. Und dann, ganz unverhofft, kommt manchmal sogar noch mehr: die vage Ahnung einer Änderung, einer Zukunft, die ohne Schmerzen ist.


 Wie war es?

TOLL:  Die Sprache, ach diese Sprache, und das nur in der Übersetzung! Ich halte es oft kaum aus, wie stark manche Zeilen auf mich (ein)wirken.

Versuchen wir die alten Adjektive zu vergessen
Und die Kategorien;
Das Leben ist wenig bekannt und wir bleiben Gefangene
Schlecht ausgearbeiteter Begriffe.

Außerdem finde ich die zweisprachige Ausgabe wirklich schön und klug gestaltet. Und das, obwohl ich nicht einmal französisch spreche.

NICHT SO TOLL: Kann ich nicht festlegen bei Lyrik die ich doch grundsätzlich mag; da ist vielleicht mal das eine oder andere Gedicht, das mir nicht zusagt, das ich nicht verstehe, das mir nichts gibt, mich langweilt oder sonstwie nicht genügt mich zu fesseln – aber gesammelten Gedichten insgesamt einen differenzierten Nicht-so-toll-Stempel zu geben macht irgendwie keinen Sinn in meinen Augen.


Was hat’s gebracht?

Oder besser: Was bringt es? Schließlich liest man Lyrik nicht unbedingt von vorne nach hinten, man beendet sie nicht und legt sie dann für immer zur Seite, sondern man findet sie alle Tage wieder und empfindet sie neu und anders.

Houellebecq katalysiert. Manchmal will man sich eben dem Überdruss hingeben und selbst fluchen oder einfach erlaubterweise verzweifeln. Dann sind diese Zeilen gerade recht, genauso aber machen sie Mut gerade dadurch, dass sie oftmals so bitter sind, denn immer wenn dann etwas anders aufblitzt, erhellt es gleicht das ganze Leben.

Außerdem argwöhne ich, dass viele dieser Gedichte eine ganz ähnlich gestaltete Lust befriedigen wie Torture Porn (den ich nicht gucken kann/will). Nur halt in intellektuell.


Und sonst so?

Ein Lob der Lyrik an sich. Ich verstehe, dass sie nicht jedermanns Sache ist, aber persönlich liebe ich sie von Herzen und schon immer. Nie ist Sprache eindrucksvoller oder menschlicher als in Neruda, Larkin, Brecht, nie kann etwas Gefühle besser veräußern – mir gibt Lyrik das, was viele andere bei Musik empfinden.


Fazit (Nicht unbedingt nur zum Buch)

Kein Wert für Lyrik! Aber: er wäre hoch.

Vielleicht tendiere ich beim Buch zum Sonntag ohnehin ein bisschen zu sehr zum Positiven? Ich sollte eventuell auch einmal das betrachten, was mir weniger gefallen hat, der Gerechtigkeit und auch des Vergnügens am Schimpfen halber.

Übrigens, ein entrüstend positives Gedicht und eines der schönsten, findet sich nicht in dieser Sammlung, sondern in meinem Lieblings-Houellebeqc-Roman:

Und die Liebe, die alles so leicht macht,
Dir alles schenkt, und das zwar sogleich;
Es gibt in der Mitte der Zeit
Die Möglichkeit einer Insel.

Ich alter Romantiker.

 

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