Bitte glaubt mir

BEme

Ich bin jemand, der alles richtig machen möchte. Das heißt, ich möchte alles so machen, wie es vorgesehen ist, also denjenigen Regeln zu Folge, die meistens ungeschrieben sind und die ich dementsprechend leider oft nur raten und nicht wissen kann. Ich werde leicht panisch, wenn ich nicht weiß ob eine Veranstaltung leger oder schick verlangt. Zu viele Fremde in einer Gruppe machen mich nervös. Ohne Recherche äußere ich ungern eine Meinung. Eher bleibe ich daheim, als alleine zu einem Event zu gehen, das ich zwar spannend und aufregend finde, aber nicht voll und ganz einschätzen kann.

Das ist zeitraubend. Und anstrengend. Und manchmal so bekloppt in seinen Auswüchsen, dass ich selbst herzlich darüber lachen muss.

Als ich zum Beispiel nach jahrelanger Uni-Abstinenz mein erstes response paper für den Master schreiben musste, recherchierte ich fünf Stunden, was das eigentlich genau ist und wie man das am besten macht. Anschließend überlegte ich zwei weitere Stunden fieberhaft, was bei so einer Aufgabe in den Kopfbogen gehört, ob ich das Blatt lochen oder sogar in einen Hefter packen sollte, wie ich meine Gedanken optisch und inhaltlich strukturieren sollte und ob ein Datum darauf geschrieben sein muss.  Das alles tat ich nicht, weil ich gute Noten wollte. Ich tat es, weil auf keinen Fall jemand auf die Idee kommen sollte, dass ich nicht weiß, was sich gehört. Als ich mein solcherart durchkomponiertes Werk schließlich auf den Tisch des Dozenten legte, stellte ich allerdings fest, dass ein Großteil meiner Kommilitonen handgeschriebene Schmierzettel abgab, mit ausgestrichenen Sätzen und in obskuren Papierformaten. Es hätte mich nicht gewundert, wenn eine bekritzelte Servierte dabei gewesen wäre.

Auf dem Weg nach Hause fragte ich mich, erschöpft und nicht zum ersten oder letzten Mal: Warum kann ich nicht einfach mal entspannt sein? Locker? Sorglos?

Eine mögliche Antwort wurde mir jüngst in die Hand geliefert. Ich lese nämlich gerade Amanda Palmers The Art of Asking (mehr dazu am Sonntag), ihr „Memoir übers Bitten und Geben“, das ich netterweise geschenkt bekommen habe (ohne einen Anlass und so richtig mit Schleife drum!). Und obwohl ich Amanda Palmer vorher schon geschätzt habe und zudem nahezu gewarnt wurde vor der Großartigkeit ihres Buches, hat mich die Intensität und vor allem Intimität mancher Sätze völlig überrollt. Da saß ich nun also in der Ringbahn und hatte plötzlich einen dicken Kloß im Hals. Sie schreibt nämlich, „… dass alles, was sie bisher in ihrem bisherigen Leben als Künstlerin getan hatte, mit den folgenden Worten zusammengefasst werden konnte: BITTE GLAUBT MIR. ICH BIN KEINE LÜGNERIN. EHRLICH, SO IST ES GEWESEN. ES HAT WEHGETAN.“

Das hat mich wirklich getroffen. Denn ich verstehe das. Es geht mir ähnlich. Alles was ich schreibe (hier oder woanders), schreit zwischen den Zeilen: Bitte glaubt mir. Ich bin keine Lügnerin. Nur, dass ich das selbe Mantra im Leben pervertiert habe. Denn anstatt mit Authentizität nach Anerkennung zu verlangen (oder vielmehr darum zu bitten), habe ich schon in der Grundschule lieber eine Maskerade veranstaltet. Nicken, lächeln, brav sein: Bitte glaubt mir. Ich bin keine Lügnerin. ICH GEHÖRE DAZU. Dabei bin ich in dem Augenblick, wo ich alles weitere unter angenommenen Regeln und angepassten Verhaltensweisen begrabe, ja irgendwie doch genau das: Eine Lügnerin. Denn alles so zu machen, wie es sich angeblich gehört, heißt viel zu oft, gegen die eigenen Instinkte, Wünsche und Bedürfnisse zu handeln. Das schlichte schwarze Kleid statt das rote mit den Einhörnern drauf. Bleiben statt gehen (oder umgekehrt). Nett sein statt ehrlich. Sich nicht lächerlich machen, selbst wenn man will. Und vor allem heißt es, nicht zuzugeben, dass etwas wehtut.

Aber (noch) bin ich einfach zu feige, diese Masken der Anpassung im direkten Umgang abzulegen. Ich habe Angst, was passiert, wenn ich mich im echten Leben hinstelle – womöglich in den falschen Klamotten, zu laut oder im unpassenden Augenblick – und deutlich sage, mit Worten, Gesten oder Taten: Ehrlich, so ist es gewesen. Es hat wehgetan. 

Manchmal stelle ich mir trotzdem vor, ich würde mich einen ganzen Tag lang daneben benehmen. Obwohl, nein, das ist natürlich falsch formuliert. Nicht darum mich daneben zu benehmen geht es mir schließlich, sondern darum, das zu tun was mir entspricht und nicht das, was ich als (mir) angemessen betrachte. Stöckelschuhe im Punk-Laden tragen. Dem zufälligen Gesprächspartner sagen, dass ich ihn arrogant und langweilig finde. Oder aufregend und ungewöhnlich. Weinen, wenn mir bei einer Fotoaustellung im Bahnhof die Tränen kommen. Laut lachen, auch wenn alle anderen etwas nicht witzig finden. Äußern, wenn ich verletzt bin oder verwirrt oder verärgert.

Und dann einfach aushalten, wenn Leute gucken, den Kopf schütteln oder spotten – oder aber mich in den Arm nehmen und mir nahe kommen. Aushalten und glücklich sein. Weil ich den Mut habe, die Wahrheit zu sagen, meine eigene. Weil ich das Künstler-Sein ins Mensch-Sein transportiere. Weil ich zugebe, dass auch ich nichts anderes zum Ausdruck bringen kann oder will, als das: Bitte glaubt mir. Ich bin keine Lügnerin.

5 Kommentare

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  1. Der erste Schritt ist wohl, sich selbst zu glauben – und dann muss man nur aufhören zu lügen. Lügen, das ist Nettsein zu Doofis, Höflichkeit ohne Anlass, Grinsen statt Gehen.
    Du bist keine Lügnerin, sobald du aufhörst zu lügen. Und das klingt sehr viel schwerer, als es eigentlich ist.
    Ich habe vor vielen Jahren aufgehört zu lügen, weil es mir schlicht zu anstrengend war. Und wenn heute jemand pikiert ist von meiner eckigen Art, dann sage ich ihm genau das: „Ich bin nur ehrlich. Du brauchst nicht meiner Meinung sein. Aber ich bin zu faul zum Lügen.“
    Doch in den allermeisten Fällen ist niemand pikiert. Denn in dieser wundervollen Gesellschaft, in der wir uns meistenzeits bewegen, ist Ehrlichkeit ein sehr hohes Gut.

    „Das war echt scheiße von ihr, aber sie ist wenigstens ehrlich.“
    „Ja klar, total daneben. Aber irgendwie hat sie recht.“
    „Krass, dass mal jemand sagt, was alle denken. Würde ich mich nicht trauen.“

    Aus den letzten zwölf Jahren Nichtlügen habe ich vor allem eine Erkenntnis gewonnen: Ehrlichkeit ist leichter. Macht leichter. Und es tut gar nicht weh.

    • Ich finde schon mir selbst zu glauben oftmals ziemlich schwierig – und trotzdem: nicht mehr lügen, nicht mehr ohne Anlass höflich sein? Ich will! Ich will! Und ich werde. Hoffentlich. Und hoffentlich bald. Also: Auf zu neuen Ehrlichkeiten!

      • Auch Amandas Problem ist eigentlich das Selbst-glauben. Die olle Fraud Police redet ihr ja ständig ein, dass sie nix nutzt und ihr Werk noch viel weniger – was beängstigend ist. Denn kann man jemandem glauben, der nicht mal sich selbst traut?
        Ja, kann man. Ich tue das berufsbedingt dauernd, denn die Betrügerpolizei wütet im Gemüt vieler Künstler, mit denen ich arbeite. Vielleicht muss sie das auch; vielleicht braucht ihr den Zweifel, um weiter zu suchen und Neues zu finden, was wir Normalos vorher nicht sahen.

        Doch eines sei dir als Künstlerin gesagt: Du selbst darfst an dir zweifeln, wie du lustig bist. Du darfst die Betrügerpolizei mit Kaffee und Donuts versorgen und dich selbst täglich eine Lügnerin schimpfen, wenn es sich partout nicht vermeiden lässt. Aber unterstelle uns anderen niemals, dass wir lügen, wenn wir sagen:
        Du bist toll, wenn du ehrlich bist. Wir mögen dich auch unperfekt. Und wir lieben dein Werk.

      • Danke, danke, danke – jetzt muss ich fast schon wieder weinen (als ob ich bei Amandas Buch nicht schon genug geheult hätte! All diese tollen Wahrheiten! All diese berührenden Momente!) aber vor allem muss ich sagen: Das hilft. Es hilft, zu wissen, dass es anderen genauso geht, es hilft daran zu glauben, dass auch Zweifel und Betrügerpolizei mal hin und wieder mal Donuts und Kaffee verdienen und am allermeisten hilft es, zu hören, dass es okay ist, zu sein wie man ist und dass das was man tut jemandem gefällt (und dass es verbindet).

  2. Und das ist es wohl, was wir alle suchen: die Verbindung. Auch das herzzerreißend schön beschrieben von Amanda Amazing Palmer:

    „Meine Augen sagten in solchen Fällen:
    Danke. Ich sehe dich.
    Und die Augen meines Gegenübers:
    Normalerweise werde ich übersehen.
    Danke.“

    Und für diesen einen wertvollen Moment, für diesen Lidschlag Verbindung braucht es Ehrlichkeit. Pure, ungeschönte, unverschämte Ehrlichkeit.

    Seit diesem Buch gebe ich lebenden Statuen eine Münze und betrachte ihr Spiel. Seit diesem Buch kenne ich den Wert winziger ehrlicher Gesten. Seit diesem Buch schaue ich Menschen in die Augen – und wenn sie zurückschauen, sagt ihnen mein Blick: Ich glaube dir. Danke.

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