Beinahe Echtzeit: Bahnfahren für Wiedereinsteiger

LPZIch sitze am Hauptbahnhof Leipzig, es ist neunzehn Minuten nach Mitternacht und ich frage mich, warum ich aus meinen Fehlern eigentlich nie lerne, zumindest nicht nachhaltig. Eigentlich sollte ich nämlich längst im ICE 1500 zurück nach Berlin düsen, stattdessen muss ich mich ernsthaft fragen, ob ich die Nacht nicht eventuell auf dem Gleis oder bei McDonald’s verbringen muss. Denn seien wir ehrlich: Wenn bei der Bahn von zwanzig Minuten Verspätung die Rede ist, dann kann das alles heißen. Von „Zug ist gleich da“ bis „Zug ist uns leider irgendwie abhanden gekommen“. 

Und das ist der springende Punkt: Eigentlich weiß ich das auch. Schließlich bin ich sehr, sehr lange sehr, sehr viel Bahn gefahren. Meistens von Berlin, wo ich lebe, nach Leipzig, wo ich oft arbeite. Dann kamen die Fernbusse und ich bin umgestiegen. Ich konnte einfach nicht mehr. Nicht mehr warten, nicht mehr dauernd im Ungewissen sein, nicht mehr vier Euro fünfzig extra für einen Sitzplatz bezahlen und nicht mehr zu spät oder – auch das ist passiert – gar nicht zum Dienst erscheinen, weil so ein Fahrplan eher als Anregung verstanden wird denn als Verpflichtung. 

Heute aber war die Versuchung zu groß. Ich hatte am Nachmittag nur einen kurzen Abstecher nach Leipzig gemacht um im nächtlichen Dienst einzuspringen und ein Stück für die Morgensendung zu schneiden. Besagtes Stück war dann zu spät für den letzten Bus fertig, aber zu früh für den ersten. Denn trotz Netflix-Account wollte ich ungern noch stundenlang im Büro rumhängen. Als dann die Bahn mit einem Angebot lockte, dass ausnahmsweise nur elf Euro mehr kostete als der Bus (statt der üblichen dreißig) und noch dazu so am Hauptbahnhof ankommen sollte, dass ich via Nachtbus direkt bis vor die Haustür weiterfahren konnte, habe ich nachgegeben und mir ein Ticket gekauft. Ich war guter Dinge. 

Jetzt sitze ich hier und schreibe, ein bisschen traurig, weil ich doch weiß, dass ich im Zug (anders als im Fernbus) kein kostenfreies Internet haben werde, mein Live-Blogging also leider zum After-The-Fact-Blogging verkommen wird. Meinen Anschluss in Berlin kann ich natürlich auch vergessen, außerdem bin ich leider bis auf die Haut durchnässt, weil ich ja dachte, wenn ich jetzt warte bis der Regenguss aufhört, dann verpasse ich meinen Zug. Ich hätte es besser wissen sollen, aber nun, da kann man nichts machen. Das heißt, man könnte schon, aber ich schaffe es einfach nicht. Wie gesagt: Ich lerne nicht aus meinen Fehlern.

So ganz stimmt das natürlich nicht. Seitdem ich zum Beispiel einmal versehentlich ein teures Foto aus der Bild-Zeitung in meinem Beitrag benutzt habe, kontrolliere ich zum Beispiel immer dreimal, ob ich Material auch wirklich verwenden darf. Ich prüfe immer brav den Wasserdruck in einer neuen Wohnung, denn in meiner ersten Bude war es damit nicht weit her und es dauerte immer eine halbe Stunde, mir die Haare zu waschen. Nachdem ich einmal betrunken mit meinem Nachbarn ins Bett gehüpft bin und den Hausflur danach zur paranoiden Peinlichkeitszone erklären musste, mische ich Sex und Alkohol nur noch, wenn ich mein Gegenüber schon vor dem Besäufnis kannte. 

Aber immer dann, wenn es darum geht, anderer Leute Fehler oder Unpässlichkeiten zu verzeihen, dann bin ich irgendwie recht großmütig. Obwohl ich zum Beispiel nach einem Jahr ziemlich sicher wusste, dass meine erste richtige Beziehung für mich nichts taugte, trennte ich mich erst nach zwei. Ich ging weiter ins Nagelstudio an der Ecke, obwohl mir die Dame den Daumennagel einmal fast bis auf die Haut runtergefeilt hatte. Ich fuhr mit der Freundin, die zu mir sagte, ich solle doch lieber dick bleiben, das gehöre schließlich zu mir, in den Urlaub. Ich weiß, dass der Milchkaffee vom Bäcker eher semi ist und nehme ihn doch immer wieder. Es meint ja schließlich keiner böse.

Irgendwann kommt dann zwar eigentlich immer der Punkt, da gehe ich dann doch, aber wenn nur genug Zeit vergangen ist, dann sitze ich eben doch wieder am Gleis und warte. Ob das jetzt gut oder schlecht ist? Wer weiß. Wahrscheinlich hängt das, wie leider so viele Dinge, von Fall zu Fall ab. Oder von Fahrt zu Fahrt: Heute kommt der Zug tatsächlich nach zwanzig Minuten und ist zugegeben bequemer als der Bus. Allerdings sammelt er unterwegs unerklärlicherweise weitere dreizehn Minuten Verspätung an, so dass ich auch den nächsten Nachtbus knapp verpasse. Ich tröste mich mit einem Cheeseburger und der Tatsache, dass ich im Gegensatz zu einigen anderen Gestrandeten wenigstens nicht an den Ritter-Sport-Schokowürfeln in der Eingangshalle übernachten muss. 

Zu Hause bin ich dann eine gute Stunde später als gedacht, also jetzt, aber immerhin bin ich überhaupt angekommen. Es hätte also schlimmer kommen können. Trotzdem: Ich buche jetzt erstmal keine Bahnfahrt mehr. Soll ja keiner sagen können, ich wäre nicht zumindest willens, ein bisschen was dazuzulernen. 

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