Entschuldigung, ich gehe jetzt

Ich möchte ein Geständnis ablegen: Neulich bin ich mitten im Film aus dem Kino gegangen. Also genau genommen nicht mitten in Film, sondern nach 45 Minuten, was vor zwanzig Jahren zwar wirklich oft die Mittelmarke war, aber heutzutage ja gerade mal den zweiten Akt einläutet. Wenn überhaupt. Jedenfalls habe ich mich die ganze Zeit ganz furchtbar gelangweilt. Meine Begleitung offenbar auch, zumindest war der Herr Diplomkünstler nach fünf Minuten fest eingeschlafen. Ich versuchte trotzdem, ein Gefühl für die Protagonisten zu entwickeln, ihre Witze charmant zu finden und ihre Aktionen spannend. Vergeblich. Alles was ich fühlte, war exorbitant enorme Langeweile und eine gewisse Verzweiflung eingedenk der Tatsache, dass ich noch 95 Minuten vor mir hatte. Also bin ich einfach abgehauen. Ihr fragt, was das wohl für ein furchtbarer Film war? Nun, der Film war „Victoria“.

Ja, der Film den alle lieben, der Preise absahnt und anscheinend eine ganze Menge Menschen unglaublich bewegt. Sicher nicht grundlos – mir geht es jetzt nicht darum, mich darüber zu erheben. Aber mich hat er eben kalt gelassen, nein mehr noch, in den Wahnsinn getrieben. Also der Anfang, den Rest habe ich ja nicht gesehen. Vielleicht war es ein Fehler nicht durchzuhalten, denn alle mit denen ich gesprochen habe, sagen, dass der Film genau da richtig gut wird, wo ich gegangen bin. Das mag auch sein, aber ich bin dennoch froh, dass ich mich ausnahmsweise mal getraut habe, einfach abzubrechen.

Ich habe nämlich in meinem Leben viel zu oft viel zu viel ausgehalten. Drei Monate mit Rückenschmerzen. Zwei Jahre in einer furchtbaren Beziehung. Ungerechtfertigte Kritik. Schlechten Kaffee. Zwei Wochen Ferienlager. Endlose Drehtage. Miesen Sex.

Ich möchte das nicht mehr. Ich möchte nicht mehr immerzu die Zähne zusammenbeißen und durchhalten, schon gar nicht in meiner Freizeit und am allerwenigsten weil ich das Gefühl habe, ich müsste mich bitte gesellschaftskonform verhalten. Im Kindergarten war es noch leicht, solche Emotionen zu ignorieren, da bin ich problemlos links gegangen, wenn der Rest nach rechts marschierte, es störe mich nicht, dass mein Instinkt sich von dem der anderen Kinder unterschied. Leider wird man dann älter und ängstlicher und macht lieber was alle machen. Sicher ist sicher.

Aber das sollte nicht so sein. Man sollte nicht vornhemlich auf andere Leute hören, sondern auf sich selbst. Allemal wenn es um den eigenen Geschmack geht.

Trotzdem werde ich mir Victoria nochmal auf Blu-ray anschauen, weil ich nämlich wirklich neugierig bin, was der Rest der Welt sieht und ich nicht erkennen kann. Außerdem kann ich da im Notfall vorspulen. Aber selbst wenn der Film ab Minute 45 tatsächlich das beste ist, was ich je gesehen habe, werde ich nicht bereuen, gegangen zu sein. Denn dadurch habe ich mich an zwei wichtige Dinge erinnert.

Erstes: Ich darf mich verweigern. Ich darf aufgeben. Ich darf gehen, wenn mir etwas nicht passt. Und das gilt höchstwahrscheinlich nicht nur für’s Kino.

Zweitens:

6 Kommentare

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  1. Hey Myriam! Ich verstehe total was du beschreibst und bin selbst sehr genervt von diesem schrecklichen Trend zu ewig langen Filmen. Trotzdem habe ich Victoria tapfer durchgehalten und habe es nicht bereut :) vielleicht magst du ja bei meiner Review zum Film vorbei schauen (https://fritzislike.wordpress.com/2015/06/19/sinfonie-der-schlechten-entscheidungen-victoria/)
    Liebe Grüße, Fritzi

    • Hallo Fritzi, vielen Dank! Dein Review hat mir tatsächlich sehr geholfen, noch mal besser zu verstehen, warum ich mit Victoria nichts anfangen kann: ich kenne nämlich dieses „ich will noch nicht heim“ Partygefūhl überhaupt nicht :-D Mir haben solche Nächte mein ganzes Leben keinen Spaß gemacht – kein Wunder, dass ich mich nicht mit den Protagonisten identifizieren kann ;-)

  2. Haben da vor dem Kino eigentlich die Paparazzi auf Dich gewartet? („Da kommt sie…!“) Ist jedenfalls filmreif, das Foto.

  3. Ich fand den Film auch nicht so besonders und habe mich ebenfalls gefragt, was alle so toll fanden. Ein paar Ideen hätte ich schon. Wenn ich jemanden fragte hörte ich nur: Die Kamera, die Kamera! Nun ja. Ich fand das Ende übrigens doof und überhaupt hätte das Ganze kürzer sein können, aber wenn alles eine Sequenz sein soll, dann geht das ja schlecht. Soll, wenn ich das richtig erinnere, drei oder vier mal insgesamt gedreht worden sein. Ach und nein, man muss schlechte Filme nicht aushalten, sondern kann rausgehen, das gilt auch fürs Theater (Sie sind die erste die rausgegangen ist hörte ich kürzlich und ich sagte nur: Tja. :-). Ich versteh Dich in dem Punkt sehr gut.

    Hier mein Feedback zum Film:
    https://filmkalender.wordpress.com/2015/06/22/victoria/

    • Beim Theater fällt mir das deutlich schwerer – wenn der Regisseur im Kino gesessen hätte, hätte meine Höflichkeit wahrscheinlich selbst bei Victoria über meinen Selbstbefreiungswunsch gesiegt :-) Aber wahrscheinlich machen es auch hier mal wieder Maß und Mischung: Mal aushalten, mal abbrechen. Hätte man mich nicht zu Neal Stephenson gezwungen, ich hätte nie erfahren, dass ich das Cryptonomicon ab Seite 420 ultraspannend finde :-P

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