Große Worte, keine Taten

Tagebuch 1
Wenigstens hatte ich immer eine schöne Handschrift…

Bertolt Brecht schrieb einmal: „Allem was du empfindest, gib die kleinste Größe.“ Ich war zwar schon mit 14 ein ausgemachter Brecht-Fan, habe mir seine Worte aber damals nicht wirklich zu Herzen genommen. Selbiges musste ich feststellen, als ich nach meinem letzten Artikel in meinen Tagebüchern zu blättern begann. Dabei fielen mir ein paar Punkte auf, die dafür sprechen, dass es vielleicht doch nicht so verkehrt war, das Tagebuchschreiben aufzugeben. Punkte, die ich nun gern teilen möchte. Warum? Nun, lasst mich noch einmal fremde Worte zitieren bevor ich zu den eigenen komme: „Comedy is tragedy plus time“.

1. Zum Drama geboren

Ich war noch nie ein Mensch für Schlichtes. Wo andere einfach geschrieben hätten: Ich bin müde, schrieb ich: Es ist der Schrei des Schlafes der Satisfaktion verlangt. Aber mal ganz abgesehen davon, dass ich gerne so formuliert habe, als hätte die deutsche Sprache keinen Punkt, dafür aber eine unerschöpfliche Fülle an Adjektiven, bin ich dabei auch nahezu unerträglich theatralisch gewesen. Meine Mutter nannte das früher immer gern „zum Drama geboren“ und heutzutage muss muss zugeben: Ganz unrecht hatte sie damals nicht. Beweise gefällig?*

  • „Für mich wird es kein Kollektiv geben. Es gibt keine Einheit für die Verlassenen.“ (07.07.2002)

  • „Ich weiß, dass man niemals um die Erfüllung einer Liebe fleht, sondern immer um ihr Ende.“ (24.06.2004)

  • „Mein Inneres ist ein schlammiger Gefühlsmorast, ein verschwefeltes, nebliges Moor, der stöhnende, ächzende Sumpf des Willens und Wollens.“ (17.01.2007)

  • „Der Abgrund ist ewiges Dunkel das mich wispernd lockt: Nachgeben, aufgeben, für immer.“ (03.02.2008)

Au weia. Man könnte meinen, ich hätte jetzt bewusst hin zum Leiden lektoriert, aber nein. Auch wenn es durchaus positive Momente in meinen Tagebüchern gibt, klingen sie stets so bedeutungsschwanger und düster wie die Dialoge in Matrix.

2. Die Gedichte. Oh je, die Gedichte.

GedichtObschon ich mich eigentlich nie zum Lyriker berufen gefühlt habe, nicht mal als Teenie, hat der Konsum englischer Spätromantiker mich leider gerade in den jüngeren Jahren dennoch dazu getrieben, es zu versuchen mit Reim und Rhythmus. Wie bei den Vorbildern war mein Thema sehr gerne die Liebe:

Wie Schleier die auf weißen Schnee sich senken,

Ein Messer dessen Klinge Trieb und Sehnsucht heißt,

Tauchen dunkle Lippen sich in helle Haut,

Wo rotgerändert Streifen karger Kraft sich ziehen…

Nicht dass die Verfasserin damals etwas unkeuscheres getan hätte, als den Neuen in der Klasse anzuschwärmen. Von Küssen war ich so weit weg wie der Fuchs von den Trauben. Apropros:

‚Fuchs‘, sprach man ihn ‚was soll

aus deiner Suche werden bald?

Dein Geist ist reg, der Mund ist voll,

dich kennt kein Zögern, nicht der Halt!

Für unsereins heißt du Gefahr,

So heisst’s für dich, der Tod ist nah!‘

Dieses Gedicht, leider erinnere ich mich nur allzu gut, ist über niemand Geringeren als Fox Mulder. Ja richtig, den fiktiven FBI-Agenten mit dem Hang zu Kürbiskernen und Außerirdischen. Was soll ich sagen? Ich war halt schon immer ein Serienjunkie. Und 13 Jahre alt. Was vielleicht ein wenig entschuldigt, dass das Werk insgesamt 16 (!) Strophen umfasst. Mit zunehmenden Jahren wechselte ich dann immerhin von Byron und Blake zu Houellebeqc und Neruda. Also nur im Lesen. Im Dichten war ich unbegabt wie immer:

Vor dir war Brot nur ein Name den ich gelesen und gegessen habe.

Jetzt bin ich Herrin eines Bodens, der keine Worte braucht:

Meine Zunge sucht nicht länger, Hunger und Durst zu stillen

Mit leeren, leblosen Worten.

Wenn es mal so gewesen wäre.

3. Die Schwärmerei

roque
Da mochte dann selbst ich Sportfreunde Stiller.

Abgesehen von Fußballspielern aus Paraguay war ich in meiner Erinnerung in meinen Jugendjahren nur ein einziges Mal wirklich verliebt, unerfüllt, aber dafür sehr lange. Später dann  habe ich zwar durchaus das ein oder andere Vergnügen erlebt, mich dabei aber – so dachte ich zumindest – emotional nicht wirklich irgendwem verschrieben. Das ist eine Irrtum. Denn wenn ich eines konnte damals (abgesehen von Kettensätzen und Selbstmitleid) dann war es Schwärmen. Und zwar jede zweite Woche für einen anderen. Und überaus … ähhhh … poetisch:

  • „Du dringst mit bitterer Beharrlichkeit in meine Poren, bis du mich durchsetzt hast ganz und gar, bis jeder Atemzug den ich tue, jede Bewegung die ich mache, bis alles was an mir und in mir ist, zu dir gehört.“(01.09.2006)

  • „Wir kennen uns. Lange schon bevor dieser Moment sich als unser Schicksal zu erkennen gab, entblösste sich vor uns die Wahrheit. Ohne die Angst, die allem Vergänglichen den Atem raubt, legte sie nahtlos ihre Kleider ab.“ (23.06.2007)

  • „Wer immer mehr berührt als nur die Haut, der hinterlässt ein Mal und dieses Mal muss brennen wann immer der, der es prägte, den Finger auf dieselbe Stelle legt.“ (27.02.2008)

Und so weiter, und so weiter… Drama, wie gesagt. Dennoch; bei allem Amüsement über mein altes Ich habe ich auch etwas sehr Trauriges feststellen müssen: Ich habe immer sehr an mir gezweifelt, an allem was ich tat, dachte und fühlte und zwar so sehr, dass kaum Platz für anderes blieb.  Ein bisschen ist davon noch übrig, aber zu lesen, wie unpassend und spröde ich mich mit 16, 18, 22 gefühlt habe, hilft ungemein dabei, aktuelle Anwandlungen von Selbstzerfleischung in eine gewisse Perspektive zu rücken. Und immerhin hatte ich neben Schwärmereien und Leiden ja auch mit 15 schon ein weiteres Thema, eines, das noch wichtiger war als alles andere:

„Sprache ist wichtiger als Sauerstoff. Wichtiger als Liebe. Wichtiger als du oder er oder ich oder irgendwer. Sprache ist mein Blut und mein Schweiß und mein Atem. Sprache ist mein Ich, denn ich bin Sprache.“  (17.12.1999)

Pathetisch, ja, und wie.  Aber irgendwie habe ich mich doch gefreut zu lesen, dass im Grunde immer klar war, wer ich bin und werden will.

*Größtenteils gekürzt, ich wollte ja jetzt nicht 10.000 Wörter abtippen

2 Kommentare

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  1. Hey Myriam,

    ich habe dich gerade über ein „gefällt mir“ unter einem meiner ersten Beiträge gefunden. Ich muss sagen dieser und auch der übers “ Warum schreiben “ sprechen mir sehr aus der Seele. Ich versuche jetzt gerade bei meinen neuen Artikeln ein bisschen unpathetischer zu sein, ich hatte als Teenie schon mal einen Blog ähnlicher Art. Der war weitaus ausladender. Bezüglich des Schreibens habe ich herausgefunden, dass ich schreibe, da ich eine Meinung habe, die ich gerne fomulieren würde. Sichern möchte vor dem schnellen, flüchtigen Denken in meinem Kopf. Ich freue mich auf Neues von dir und vielleicht schaust du ja bald mal wieder vorbei

    Liebe Grüße
    Lina

    • Liebe Lina,

      das stimmt, das Festhalten flüchtiger Gedanken ist auch immer eine große Motivation! Ich finde es auch hin und wieder spannend, in alte Texte einzutauchen und zu sehen, wie sehr ich mich verändert habe. Inhaltlich genauso wie stilistisch :)

      Liebe Grüße zurück,
      Myriam

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