Notizbuchsucht

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Das letzte Mal, dass ich etwas mit der Hand geschrieben habe, das länger war als eine Einkaufsliste, ist lange her. Genau genommen – wartet, ich schaue nach – drei Jahre, zwei Monate und siebzehn Tage. Damals überkam mich eine Art von nostalgischem Sehnen nach alten Zeiten, woraufhin ich versuchte mein Tagebuch weiterzuführen, das ich am 21.02.2009 gegen 14 Uhr 30 ohne großen Showdown beendet hatte. Aus diesem Reboot wurde allerdings nichts, ich hatte meinen Mac, manchmal auch die Erika und so oder so wichtigeres zu tun als tagtäglich meine Sorgen, Ideen und Gedanken in ein Buch zu schreiben.

Nichtsdestotrotz kaufe ich bis heute mehr Notizbücher als Milchtüten. Gut, das ist jetzt etwas übertrieben, aber tatsächlich finde ich es nahezu unmöglich, die Papeterie-Abteilung einer Buchhandlung zu verlassen, ohne das nächste Büchlein in der Hand zu halten. Schließlich scheint es ja nur darauf zu warten, endlich von mir vollgekritzelt zu werden, gerne auch beklebt oder bezeichnet, Hauptsache kreativ und individuell und überhaupt und so. Es wartet dann allerdings meistens sehr lange, um nicht zu sagen für immer, denn mehr als ein paar erzwungene Notizen auf den ersten vier Seiten schaffe ich eigentlich nie. Zum Einen mangelt es mir heutzutage an passenden Gedanken (worum ich mir dann, anders als früher, wiederum Gedanken mache, ein dummer Kreislauf, in dem ich in diesem meinen Leben leider öfter stecke). Zum Anderen finde ich weder die Zeit noch die Geduld, ein ordentliches Notizbuch zu führen. Das einzige was ich ohne Probleme bekomme ist ein Schreibkrampf.

Das ist irgendwie schade, denn wenn ich meine alten Notizbücher aufschlage und minutiös nachlese, was mir an einem Sonntag im August des Jahres 2003 so alles durch den Kopf ging, dann hat das etwas sehr schönes, so als ob man mit einer lang vermissten Freundin in Übersee telefoniert. Außerdem ist es bisweilen ganz praktisch, wenn man bei Bedarf nachschlagen kann wie zum Beispiel dieser Mormone von der Kunstakademie nochmal hieß, mit dem ich nur rumgeknutscht habe, weil ich die grünen Farbschlieren auf seinen Armen so sexy fand (Daniel) oder wann ich das erste Mal Proust gelesen habe (Juni 2007). Weil ich neben einer dezidierten Analyse meines Sex- und Liebeslebens auch damals schon viel über das Lesen und das Schreiben und mein Verhältnis zu beidem festgehalten habe, kann es bisweilen sogar richtiggehend inspirierend sein, die Gedanken zu lesen, die ich mit sechzehn, siebzehn oder auch zwanzig unbedarft aufgeschrieben habe. Und das trotz der Tatsache, dass ich damals häufig so formulierte, als hätte ich mich an Shakespeare verschluckt.

Leider ist mir das über die Jahre verloren gegangen. Also nicht die gestelzte Redeweise (obwohl: die auch, hoffe ich) sondern die introspektive Auseinandersetzung mit und über Gott und die Welt, sozusagen der heimliche Diskurs mit mir selbst. Natürlich, in gewisser Weise ist ein Blog wie dieser nichts anderes als ein Notizbuch: Ohne klar übergeordnetes Thema, unregelmäßig geführt und wahnsinnig subjektiv. Aber er ist eben auch öffentlich und auch wenn ich mich tatsächlich durchweg bemühe, hier ehrlich und offen zu sein, ist und bleibt alles was ich schreibe davon beeinflusst, das jeder es lesen kann. Nicht andauernd, nicht maßgeblich, aber doch genug, als das es meilenweit von den Tagebüchern entfernt ist, die ich vor vielen Jahren leidenschaftlich geschrieben habe.

Trotzdem mache ich mir keine Illusionen: Ich werde weiterhin brav meine Notizbücher kaufen, selbst wenn sie dann meist ungenutzt bleiben. Vielleicht muss ich ja auch nur einen anderen Verwendungszweck für sie finden oder zumindest endlich den Zwang ablegen, in ganzen Sätzen zu schreiben. Ein paar kleine Stichworte hier und und da wären schließlich schon mal ein Anfang. Die Myriam von 2025 wird es mir sicher danken.

Ein Kommentar

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  1. Ich habe auch eine geheime Sucht nach Notizbüchern. Und manchmal schreib ich auch was rein. Das Problem ist nur, dass ich mein Geschreibsel dann oft nicht mehr entziffern kann…

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