Wer faul ist, hat auch Angst

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Bei der Geburt getrennt?

Momentan sitze ich an einem Drehbuch in dem ziemlich viel gelogen wird. Bei der Vorbereitung habe ich unter anderem die unterschiedlichsten Gründe für das Lügen notiert. Dabei war ich mir ziemlich schnell einig, dass eigentlich alles auf eine einfache Formel hinausläuft: Hinter jeder erfolgreichen Lüge steht eine starke Furcht. Ein einsames Kärtchen allerdings konnte ich beim besten Willen nicht unter diesen praktischen Oberbegriff schieben, nämlich die Faulheit. Ich dachte mir, dass es ja nun wirklich zu weit hergeholt sei, dass man zum Beispiel Kopfschmerzen vortäusche, weil man keine Lust auf eine Party hat, zu der man eigentlich müsste. Anders mein Co-Autor: „Faulheit“, sagte der nämlich, „ist genauso Angst wie alles andere.“

Hat er recht? Mache ich mir etwas vor wenn ich zu diesem oder jenem sage: Da bin ich jetzt zu faul für? Steckt etwas ganz anderes dahinter als ich dachte? Kurz gesagt: Heißt „Ich habe keine Lust“ eigentlich „Ich habe Angst“?

Nehmen wir diesen Blog zum Beispiel. Ich habe hier seit langer Zeit nichts mehr veröffentlicht. Immer wenn ich darüber nachgedacht habe, etwas zu schreiben, konnte ich mich einfach nicht aufraffen. Ich war zu faul. Punkt. Das dachte ich jedenfalls. Jetzt steht an dieser Stelle eher ein Fragezeichen. Denn eigentlich ist das Ganze ja weder besonders schwierig, noch besonders schlimm. Wie faul muss man also sein, um das Woche um Woche aufzuschieben? Nun, ich würde sagen, exorbitant immens extrem faul. Je mehr ich das im Kopf gewendet hatte, desto klarer wurde mir: Es geht tatsächlich nicht um Lust. Es geht um Angst. Ich war nicht zu faul zu schreiben, ich habe mich nur nicht getraut. Schockstarre statt Schreibfieber.

Ich betrieb ein bisschen nach innen gewandte Quellenforschung und fand schneller als gedacht einen möglichen Auslöser für meine Misere. Die Kölner Stadtrevue hat sich nämlich jüngst laut Titelblatt auf die ‚Suche nach dem Super-Schätzing‘ gemacht. Dafür hatten die fleißigen Kollegen vom Print mehrere Artikel zum Thema geschrieben. Neben einem fand sich auch ein Foto von mir, ein ziemlich großes. Dass ich darauf ein bisschen aussehe wie ein depressiver Pfannkuchen in den Flegeljahren, damit kann ich ja noch ganz gut leben. Diverse Menschen haben mir versichert, dass die Realität schmeichelhafter ist. Was ich allerdings nicht verkraftet habe, ist das Bild hinter dem Bild: Mein Selbstbild nämlich. Denn in meinem Kopf bin und bleibe ich Amateur. Nicht weil ich ach so bescheiden bin oder nach Komplimenten fische. Sondern weil ich ansonsten gezwungen bin mitzuhalten, in erster Linie mit mir selbst. Ich wollte plötzlich nicht mehr unter dem Erwartungsdruck eines Labels herumlaufen, das ich ursprünglich doch unbedingt hatte bekommen wollen: Das einer Schriftstellerin.

Dabei habe ich mit diesem Blog ja überhaupt nur angefangen als und weil ich begonnen hatte mein Schreiben ernst nehmen. Aber damals war das eben noch ein Versuch ohne Zwang oder Risiko: Ich hatte nichts geleistet, wenn ich also weiterhin nichts leisten würde, dann würde das nicht weiter auffallen. Ohne hoch fliegen auch kein tief fallen. Ich konnte munter drauf los tippen und musste mir weiter keine Gedanken machen. Es gab ja nichts zu verlieren.

Jetzt ist die Lage ein bisschen anders. Klar, ich bin meilenweit davon entfernt ein Shooting-Star der Literatur zu sein oder davon, überhaupt vom Schreiben leben zu können. Trotzdem sitzt hier nicht mehr ganz derselbe Mensch wir zu Anfang, denn mittlerweile hat dieser Mensch in literarischen Zeitschriften veröffentlicht, Wettbewerbe gewonnen und Geld für fiktionale Geschichten bekommen. Ich habe etwas erreicht, das ich mir sehr lange gar nicht zugetraut habe. Aber statt mich darüber zu freuen, habe ich mich verkrochen, vor allem was diesen Blog betrifft. Denn der neigt ja nun doch zur Introspektion, aber genau die konnte ich eben nicht leisten, zumindest nicht offen und ehrlich. Ja, ich hatte Angst.

Doch es ist wie sooft: Wenn man das eigene Verhalten erst einmal verstanden hat, ist man auch schnell dabei es ändern zu wollen. Ob man das schafft, das hängt sicher von vielen verschiedenen Faktoren ab und nicht alle hat man in der Hand. Doch man hat ja auch noch Füße und die können zumindest schon einmal den ersten Schritt tun. Der besteht diesmal aber nicht in dem wiederholten Beteuern, dass ich jetzt ganz bestimmt ganz oft ganz viel blogge und auch mit diesem einen Eintrag ist es nicht getan. Nein, es reicht nicht, allein gegen die Faulheit anzugehen. Schließlich will man nicht nur die Symptome bekämpfen, sondern auch die Krankheit. Also trenne ich mich jetzt offiziell von einer lieb gewonnenen Angst-Lüge. Ich sehe der Wahrheit ins Gesicht, auch wenn ich die Konsequenzen fürchte.

Na dann, here we go. Mein Name ist Myriam Klatt. Und ich bin Schriftstellerin.

6 Kommentare

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  1. Ich kenne das nur zu gut mit der angeblichen Faulheit. Rate mal, warums auf meinem Blog so wenig Beiträge gibt? ;-)

    • Ich gebe ja die Hoffnung nicht auf, dass die Disziplin eines Tages ganz von selber kommt :-)

      • Vergiss es einfach! Die Disziplin meldet sich nicht aus purer Langeweile. Frau Muse (oder Herr) sitzt solange in der Ecke und schüttet sich einen Campari – O nach dem anderen in sich hinein, während sie sich die schönsten Geschichten selber ausdenkt. Oder schlimmer noch: Sie von anderen schreiben läßt.

        Ich bin nicht in der Position, gute Ratschläge zu verteilen, werde es aber doch einmal machen. Schreibe. Täglich.
        Und wenn Du schreibst, lerne zu akzeptieren, daß 85% von allem, was dabei herauskommt, völliger Blödsinn ist. Das macht aber nix! Nur so kommst Du aber zu dem Punkt, daß „es“ schreibt, ohne daß Du Dich darum kümmern mußt, was dabei herauskommt.
        Dann sitzt Du vor Deinen Werken und staunst, wer das geschrieben haben mag. Du warst es nicht – ein anderer war auch nicht im Zimmer.
        Frau Muse: Was tatest Du?

        Freundliche Grüße vom
        Pantoufle

      • Ach wäre ich es doch, die sich ganz dem Campari-O (oder besser noch dem puren Gin) hingeben könnte, aber nein, du hast Recht (leider oder Gott sei Dank?!), besser ist’s sich ganz und andauernd dem Schreiben zu widmen! Insofern auch dies noch: Position oder nicht, ich danke für den lieben Ratschlag!

    • Aber es werden ja gerade immer mehr! Kompliment :-)

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