Kürzer werden die Tage

1506614_1039246269423181_4649092080082203123_nHeute ist ein schöner Tag. Heute fahre ich, die gebürtige Düsseldorferin, zurück in meine Wahlheimat Berlin, in der Tasche einen Preis aus Köln. Genauer: Den Werkstattpreis des Kölner Literatur Ateliers 2015. Eine Reise des regionalen Friedens sozusagen. Danke dafür an das wunderbare Publikum, das sich für meinen Text entschieden hat und an die tollen Juroren und Organisatoren, die diese Veranstaltung so vergnüglich, lehrreich und interessant gemacht haben. Und hier, ohne weitere Vorrede, mein Gewinnertext:

Kürzer werden die Tage

Als ich dich das erste Mal gesehen habe, hattest du eine gelbe Bluse an und eine rote Hose. Du hattest ein Band im Haar und hast mit zwei anderen Mädchen auf der Parkbank gesessen und Eis gegessen, später konntest du nicht mehr sagen welche Sorte oder warum du nicht bei der Arbeit warst. Aber du hast gerne erzählt, wie ich dich gefragt habe, ob wir ins Kino gehen wollen und dass du mich nicht mochtest, aber trotzdem gegangen bist, weil du Mitleid mit mir hattest. Ich war klein und hatte ein große Nase, ich schniefte und mir tränten immerzu die Augen aber es war ein guter Film und du hast viel gelacht. Ich war zurückhaltend, du warst stürmisch, dich nervte meine Langsamkeit, ich war verzaubert von deinen Augenbrauen.

Tage kamen und gingen, die Nächte waren alle gleich. Dann schliefen wir miteinander weil du neugierig warst und ich jung, ich kann die frischen Laken noch riechen und das Reinigungsmittel deiner Mutter auf dem Holz deiner Schränke, aber nicht mehr deinen Schweiß oder meinen. Ich hörte mit dem Schniefen auf und du mit dem Zweifeln, wir schliefen jetzt oft miteinander und manchmal gingen wir ins Kino oder zum Essen.

Irgendwann habe ich dir einen Antrag gemacht, du bist sehr ernst geblieben, ich habe die Leberflecke auf deiner Hand gezählt, du hast genickt. Du wolltest kein weißes Kleid tragen und ich keinen Anzug, ich mochte die Blumen in deinem Haar aber deine Schuhe nicht. Dein Vater war stolz, meiner war tot.

Du hattest keine Eile. Du hattest Ruhe. Es machte mich verrückt. Unsere Wohnung war klein, einmal kam ich zu spät nach Hause und ich roch nach Alkohol und Zigarettenrauch und Unehrlichkeit und Betrug. Eben warst du noch neben mir, jetzt war dein Koffer weg und deine Zahnbürste, die blaue. Deine Mutter rief mich an und weinte. Du hast nicht geweint, du hast nie geweint, ich mochte deine Ernsthaftigkeit und dein Lachen. Ich bin zu deinen Eltern gefahren und hatte Blumen dabei und ich habe dir gesagt, dass ich dich liebe. Du bist ernst geblieben und dein Koffer ist zurückgekommen und auch deine Zahnbürste stand wieder auf dem Brett neben meiner, blau und grün.

Eines Tages waren wir nicht mehr alleine, das Kind hat lange geschrien und oft und dann irgendwann hat es nicht mehr geschrien. Da hast auch du geweint. Wieder ging dein Koffer und wieder kam er zurück, wieder kam ein Kind aber diesmal hatten wir Angst. Du hattest gerötete Wangen und warst fülliger als früher, ich machte Fotos und hängte sie ins Wohnzimmer. Irgendwann ging unser Sohn nach England und dann kam er nicht mehr zurück, wir hatten immer noch Angst und er schickte Briefe und später E-Mails. Bei seiner Hochzeit trug er einen Schottenrock. Du musstest lachen.

Als dein neue Kollege kam und du zu spät zu Hause warst wollte ich es nicht glauben, aber du hast gesagt, es war keine Absicht. Geweint hast du nicht, aber ich habe geweint, ich dachte, das wäre vorbei aber Vorwürfe habe ich dir nicht gemacht. Wir stritten und dann versöhnten wir uns dann stritten wir wieder aber mein Koffer blieb wo er war. Ich fing das rauchen an.

Als der Husten kam hast du Isländisches Moos getrunken und Aspirin genommen. Ich rauchte nur auf dem Balkon, wir hatten Basilikum gepflanzt und Pfefferminze und kleine Tomaten. Ich hatte nicht gesehen wie dünn du geworden warst. Unser Sohn machte sich Sorgen, an Weihnachten legte er dir den Handrücken auf die Wange und runzelte die Stirn.

Es ging dann sehr schnell. Diesmal hattest du keine besonderen Sachen an. Ich sagte es dir, du hast gelächelt. Das Ende ist anders, hast du gesagt, als der Anfang.

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