Der Tag danach

Hinterher ist's auch selten besserManchmal muss man Berlin einfach lieb haben. Silvester zum Beispiel. Da war ich nämlich unerwartet gerührt, ehrfürchtig, freudig und ganzkörpergänsehautüberzogen zugleich, als kurz nach Mitternacht ein Opernsänger ‚Dein ist mein ganzes Herz‘ sang. Im vierten Stock, vor der Kulisse des immer noch tobenden Feuerwerks. Selten – nein noch nie – habe ich das Jahr so wunderbar und intensiv begonnen.

Allerdings: Am Neujahrstag stellte meine Wahlheimat mich dann auf eine harte Probe, sozusagen zum Ausgleich. Schon am Morgen – also nach dem Aufstehen (also so gegen eins) – die erste herbe Enttäuschung: Das ausgewählte Frühstückscafé war geschlossen und seine abgerockten, aber hippen Nachbarn machten ebenfalls blau. Rund ums Ostkreuz herrschte auf einmal Dienstleistungsverweigerung – wer hätte gedacht, dass das hier überhaupt möglich ist. Kein Wunder, dass man Berlin das schlafende New York nennt; zumindest am Morgen des Katers wacht hier offenbar niemand auf, der nicht muss.

Man kann natürlich in einer solchen Lage wütend (und hungrig) die Arme in die Hüften stemmen (und sich sagen, dass diese solcherart wenigstens gezwungen erschlanken), eine Option, die ich im Leben ein wenig zu häufig gewählt habe. Diesmal aber zuckte ich die Schultern und versuchte es woanders, hauptsächlich, weil zu Hause im Kühlschrank ja sowieso schon längst alles abgefrühstückt war. Und siehe da: Am Boxhagener Platz schließlich fand sich eine Alternative, zwar mit typisch Hipster-Berlin-Namen aber dafür auch mit riesigem, köstlichen, vollauf befriedigendem Super-Frühstück. Yummy.

Danach habe ich gemacht, was man ja irgendwie immer mal machen will, aber nie macht: Ich habe den Keller aufgeräumt. Schließlich gibt es keinen besseren Tag als Neujahr, um sich von Altlasten zu trennen. Dachte ich mir so. Woran ich nicht dachte, ist die Menge an Kartons, die sich da unten angesammelt hatte. Doch statt auf den Schrecken erstmal zurück ins Bett zu kriechen und im Internet Entrümpler zu recherchieren, schmiss ich tapfer selbst alles weg. Und stellte überrascht fest: Mit jeder Kiste von der ich mich trennte wurde mir leichter ums Herz. Wer hätte das gedacht (abgesehen von so ziemlich jeder Frühjahrsputz-Kolumne)!

Zur Belohnung wollte ich dann ins Kino. Zu meinem Entzücken lief im fernen Moabit nämlich ‚Coherence‘, von dem ich schon dachte, ich müsste ihn mir auf illegalem Wege beschaffen, so unauffindbar war er hierzulande. Warm eingemummelt, in angenehmer Begleitung und voller freudiger Erwartung trat ich also nach getaner Arbeit den immerhin 40 Minuten langen Weg in den Westen an.

Als wir pünktlich um 21.57 Uhr die Betontreppen erklommen hatten – die noch deutliche Spuren des Vorabends trugen (siehe Foto) – stellten wir allerdings fest: Niemand da, nur der Kartenverkäufer. Dem standen bei unserem Anblick fast die Tränen in den Augen, nicht vor Rührung oder weil wir so bemitleidenswert aussahen, sondern weil er sich schon längst im Feierabend gesehen hatte. Es war herzzerreißend. Wir beschlossen also stante pe: Kommen wir halt ein anderes Mal.

Der nette Herr erstrahlte und schenkte meinem ausgehungerten Begleiter sogar noch ein Snickers. Und ich? Ich stellte voller Erstaunen fest: Ich bin gar nicht enttäuscht. Zum Einen, weil der besagte Filmvorführer sich so aufrichtig gefreut hatte, zum anderen aber auch, weil ich irgendwie etwas gelernt hatte im Laufe dieses ersten Januars: Kleine Ärgernisse sind gar keine Ärgernisse – solange man sie nicht selbst dazu macht. Keine wahnsinnig neue Erkenntnis, das gebe ich offen zu, aber nahezu perfekt, wenn man gerade so ein bisschen in der Sinneskrise steckt – oder im Jahresanfang.

Gestern wollte ich dann übrigens Nightcrawler sehen. War ausverkauft.

Ein Kommentar

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  1. Also Du beschreibst das echt genau richtig. Vor dem tobenden Silvesterfeuerwerk diese Stimme von Richard Neugebauer und seiner Interpretation von „Dein ist mein ganzes Herz“. Ich glaube wir hatten da alle im Raum Gänsehaut.
    Ach ja und zu Nightcrawler…must see 2015! Egal wieviele Anläufe Du brauchst:-)
    Frohes Neues!

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