Thirdlife-Crisis 101

IjsselmeerEs ist beinahe der erste Januar, also der weltberühmte Tag der guten Vorsätze, der Morgen des Neubeginns (am Besten mittels Aspirin) und allerhöchste Zeit sich zu fragen, was als nächstes kommt (außer das Ende der Kopfschmerzen). Mich bewegt das alles allerdings nicht erst seit neustem, sondern schon gut einen Monat lang. Ich bin nämlich 30 geworden. Noch vor Kurzem hielt ich das für keine große Sache, nicht viel anders als 19, 26 oder 28 werden. Für viele Menschen mag das auch so sein. Für mich leider nicht. Ich hatte (oder habe) eine Thirdlife-Crisis. Heißt: Alles scheint plötzlich fragwürdig, unsicher und vor allem: Zu spät. Alles? Ja, alles. Siehe:

1. Familie

Freundinnen aus Jugendtagen posten Bilder von ihren Babys, zahlreiche Facebook-Stauts-Updates schreien triumphierend: Verheiratet! und selbst die beharrlichsten Singles gehen plötzlich die eifrigsten Bindungen ein. Eindeutig: Wir sind alle nicht mehr 20. Und ich? Auch nicht, aber noch genauso skeptisch was die große Liebe, die Familiengründung und den Nestbau angeht, wie ich es vor zehn Jahren war. Und das schlimmste daran: Was für ein Klischee das doch ist! Deshalb verwehre ich mich an dieser Stelle wohl auch am leichtesten, beruhige meinen Umkreis ob meiner anscheinend obskuren Lebenssituation, verweigere die verzweifelte Suche und bin alles in allem recht erfolgreich darin, die Dinge wieder etwas entspannter zu sehen.

2. Beruf

Hier wird es schon komplizierter oder zumindest schon ein bisschen wackliger: Auf der einen Seite bin ich eigentlich glücklich mit dem bunten Mazen-Machen, den Berichten über Kinopremieren oder Bikini-Tests, auf der anderen Seite hätte ich natürlich auch gern einen Schrank voller Preise, am liebsten für 90-Minuten-Dokumentationen oder – noch besser – Fiktionales. Kurzum: Ich hadere damit, dass ich in jüngeren Jahren zu schüchtern war um den Weg einzuschlagen, den ich am tollsten gefunden hätte: Eine Filmhochschule. Und noch mehr hadere ich mit dem Gefühl, dass es jetzt schlichtweg zu spät ist, noch einmal alles über den Haufen zu werfen. Ich habe Verpflichtungen, ich habe Finanzen, ich habe das Gefühl, ich hätte mich entschieden. Und das ja auch gar nicht mal schlecht. Aber trotzdem: Es fehlt die Leichtigkeit. Weiß zufällig jemand, wie man sie wiederbekommt?

3. Kreativität

Man kann sich ja manchmal schon sehr arg selbst im Weg stehen und wenn es ums Schreiben geht, dann bin ich darin Experte. Statt mich darüber zu freuen, dass ich innerhalb weniger Monate vom Schubladen-Kritzler zur veröffentlichen Autorin avanciert bin, frage ich mich: Warum habe ich das alles nicht schon früher hinbekommen? Warum habe ich Jahre und Jahre mit Ängsten verschwendet? Ist es nicht auch hier längst zu spät? Ist es natürlich nicht, Rosamunde Pilcher hatte ihren Durchbruch ja auch erst mit 63. Wobei ich jetzt ungern noch einmal dreißig Jahre warten möchte, bis ich Erfolg habe. Andererseits geht es ja vielleicht auch gar nicht so sehr darum, für seine Mühen gekürt zu werden, auch wenn es natürlich ziemlich heuchlerisch wäre zu behaupten, man verzichte gerne darauf. Aber am Ende zählt vielleicht trotzdem vor allem, dass man sein Leben mit den Dingen verbringt, die man für die besten, schönsten, coolsten hält, in meinem Fall also dem Schreiben. Und selbst wenn die glückliche Fügung ausbleibt: Man hat es nicht umsonst getan – man hat sich selbst glücklich gemacht. Jetzt müsste ich das nur noch endlich zu glauben beginnen.

4. Lebensstil

Denn überhaupt: Warum lebt man eigentlich? Was ist wichtig und was nicht? Welchen Sinn hat jeder Tag? Jeder Monat? Jedes Jahr? Worauf lege ich Wert? Wer will ich, wer kann ich, muss ich, darf ich sein? Wie eine rotweingeschwängerte Philosophiestudentin im 12. Semester oder ein Kurzfilm-Essayist auf Vimeo halte ich mich an Fragen auf und suche vergeblich nach Antworten. Peinlich irgendwie und irgendwie auch typisch. Typisch für mich (sage ich), typisch für meine Generation (sagen andere), typisch für jemanden, der gerade 30 wird (sagt jemand, der auch mal 30 war). Es scheint als brauche es plötzlich den einen großen Lebensentwurf, als müsse doch nun endlich einmal alles entschieden sein. Aber das ist es nicht; keine Wege sind unumkehrbar eingeschlagen, keine Linien gezogen, die ich nicht auswischen könnte. Könnte, wohlgemerkt, nicht müsste. Aber leicht ist es nicht, sich in all den Optionen zurecht zu finden.

Aber was heißt das jetzt, so frisch vorm Jahresanfang? Wahrscheinlich, dass ich lieber leben sollte als rätseln. Lieber tun als lassen. Lieber aufgeregt sein als ängstlich. Und dass ich mich lieber auf die nächsten zehn Jahre freuen sollte, als die letzten zehn zu bedauern. Das jedenfalls ist mein guter Vorsatz.

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